Eine Herausforderung: Anfänger im Tai Chi – ein Erfahrungsbericht!

Von Brigitte Meister

Vorab: Frauen schreiben anders, Frauen erleben vermutlich auch Tai Chi anders. Deshalb hier ein sehr subjektiver Bericht; der vermutlich vielen Kampfsport-Interessierten nicht entgegen kommt, aber eben meine eigene Version ist. Ich übe  w i e d e r  Tai Chi seit ca. 1 1/4 Jahr; diesmal Wu-Stil. Ich bin Anfänger, ich mühe mich mit den selbstverständlichsten Bewegungen, vergesse, erinnere, werde korrigiert, bin sauer, wenn es an einer Stelle mißlingt und bin froh, wenn es an einer anderen klappt.

Aber von Anfang an:

TaiChiErfahrungIch habe Tai Chi vor ca. 18 Jahren  a u f g e h ö r t. Aus ganz banalen Gründen, nämlich beruflicher Wechsel, weniger Zeit, weniger Geld. Ich hatte Yang-Stil bei einem örtlichen öffentlichen Anbieter kennengelernt. Wir waren von den Bewegungsabläufen ziemlich weit (Die 24er Übung komplett und
die 48er vielleicht zu zwei Drittel in der Ausführung; d.h. übersetzt ca. 4 – 5 Jahre Übung; ich weiß es nicht mehr genau). Inhaltlich hatte ich damals – aus heutiger Sicht – überhaupt nichts verstanden; (wo ich heute bin, bleibt offen …) Ich war ungeduldig mit dem chinesischen Lehrer, der einer deutschen Gruppe von ca. 15 Leuten weder sprachlich noch inhaltlich gerecht werden konnte. Es gab eine Privatisierung des Kurses, dann während der nächsten Jahre ständige örtliche Wechsel (d.h. immer neue Räume). Insgesamt von Gelassenheit keine Rede bei mir. Ich war immer wieder auf „Hundertachtzig“. Was ich damals überhaupt nicht kapierte, war, warum die mir – wie ich meinte – bekannten Übungen so oft einzeln wiederholt und korrigiert wurden (Arroganz der Anfänger bzw. des Nicht-Verstehenden). Aber das wurde auch nicht besprochen. Mir war auch nicht klar, warum das nicht alles schneller zu lernen war (noch mehr Größenwahn).
Gefallen hat mir bereits damals, daß ohne Unterbrechungen durch Semestermodi bzw. Öffnungszeiten von Schulen etc. geübt werden konnte. Im Sommer teilweise im Park – das war toll. Ich sehe es nach wie vor als eine wichtige Grundvoraussetzung an zeitlich durchgängig in der Gruppe üben zu können.
Es ist einfach unsinnig, 10 Wochen eine Form intensiv zu üben und dann in die Ostern-, Sommer- oder Herbstferien zu gehen.

Na ja – Zeitsprung

Das Beenden habe ich viele Jahre betrauert. Ich habe neue Versuche zum Wiedereinstieg unternommen; das scheiterte an den Örtlichkeiten (zu weit), am Geld (Kurskosten zu hoch), am Stil (ich meinte, den Yang-Stil wieder finden zu müssen), als ich das als Fehler erkannte, versuchte ich einen Schulwechsel zu vollziehen, war aber immer noch in den damaligen Bewegungen verhaftet. Das endgültige Fiasko war dann ein VHS-Kurs; inhaltlich gut, aber der Rest s.o. (Wobei eine kichernde, giggernde Co-Leiterin sich zusätzlich als sehr störend erwies.)
So – jetzt ein wirklicher Neuanfang nach ca. 18 Jahren. Vom Yang-Stil ist fast alles gelöscht (soweit ich es verstanden habe, wäre es auch im Anschluß mit Stilwechsel gegangen, aber das habe ich nicht gezielt abgefragt.) Und jetzt neu, ein anderer Lehrer, eine kleine Gruppe, eine hohe Dichte an Korrekturen und Lernen und Erklärungen. Angebote (ohne Verpflichtung) zum umfassenderen Verständnis. Philosophie, (falls Interesse besteht), chinesische Bezeichnungen (erlernbar, wenn gewünscht), ergänzende mediale Angebote – wobei ein sehr genaues Timing für das Angebot erfolgt.

Und bei allem: Entlastung, Erinnerung an Geduld, Akzeptieren was geht, Spüren, Wahrnehmen, welche Chance in der Bewegung, im Moment liegt. Die deutsche Ungeduld und die Tendenz zur Perfektion geht immer wieder mit mir durch. Und da ist es wunderbar, einen gelassenen, entspannten, manchmal einfach nur grinsenden Lehrer zu haben, der mich bzw. uns (denn das ist ein Gruppenphänomen) runterholt. Und – ich habe das Gefühl, ein Angebot für ein Lebenskonzept angeboten zu bekommen. Ich muß es natürlich nicht nehmen, aber es wäre verfügbar. Ich habe die unendliche Freiheit, die Bewegung zu lernen und es dabei zu belassen (und es wäre in Ordnung). Aber ich habe auch die Möglichkeit, tiefer zu gehen, genauer zu gucken, intensiver zu spüren, welche Chance diese Bewegung, dieser Stand, diese Drehung im Moment und in der Übersetzung ins „echte“ Leben bringt.
Und genau das ist, was ich an Tai Chi so wertvoll finde:
Ich habe dabei die Gelegenheit Achtsamkeit und Konzentration auf den Augenblick zu üben. Ich war nie ein Multi-Tasking-Verfechter; ich weiß, daß ich dann in Fehlern und im Chaos ende, sollte ich das versuchen. Von daher war für mich „eine-Sache-gut-machen“, „ein-Ding-nach-dem-anderen- machen“  immer die bessere Wahl. Und Tai Chi bietet genau das: Ich erhalte sofort – während der Bewegung – die Rückmeldung, wo ich bin. Ich merke am Wackeln, daß ich über den Alltag nachdenke, ich merke am Atem-Einhalten, daß ich mir Sorgen über das nächste Meeting mache. Und genau dann, wenn ich es merke, habe ich die Chance es zu ändern. Eine sofortige Rückkopplung, eine direkte Rückmeldung als Angebot, wenn ich bereit bin, es wahrzunehmen und anzunehmen. Ohne Umwege über Externe. Eine unglaubliche Möglichkeit.

Und jetzt – mit dem Abstand von ca. 18 Jahren – bin ich ungeheuer froh, wieder da angekommen zu sein, zurück(?)-gefunden zu haben …

Okay, für Kampfkunst-Interessierte ist diese Art der Betrachtung vermutlich uninteressant. (Aber vielleicht tue ich euch da unrecht.) Aber ich denke auch für Euch gibt es Angebote; mit ziemlicher Sicherheit sogar vom gleichen Lehrer. Entscheidend ist nur, daß Ihr es versucht und daß Ihr nachfragt. Ich kann nur ermutigen. Tipps gibt es hier keine weiteren. Macht Euch einfach auf die Socken. Tai Chi hat viel; Tai Chi hat viele verschiedene Facetten.
Für viele Varianten, für viele Bedürfnisse, für verschiedene Altersstufen. Man kann Sie abholen. Man muß es nur tun! Traut Euch! Probiert es aus.

Systematik zum Erfahrungsbericht eines Anfängers

Wie es nicht gut ist:

–  VHS o.ä. Struktur – 10 Wochen üben und dann irgendwelche Ferien hemmt den Ablauf

–  Große Gruppen – da geht die Korrektur für den Einzelnen unter

–  Lehrer, die sich nur um die Hand-, Fuß-, Drehhaltungen kümmern und den Hintergrund nicht zumindest anbieten bzw. vielleicht auch nicht daran interessiert sind

–  Saal“tourismus“durch die Stadt

Wie es prima läuft:

–  Regelmäßigkeit

–  Kleine Gruppen

–  Systematische Korrekturen

–  Glaubwürdigkeit des Lehrers (seine eigene Begeisterung muß spürbar sein)

–  Angebote um den philosophischen, sprachlichen, kampfkunstorientierten Hintergrund zu entdecken.

–  Ergänzende mediale Angebote – Verweise auf Bücher, Videos, Links etc.

Und ganz wichtig:

–  Eine wertschätzende (d.h. nicht bewertende, nicht abwertende) Gruppenatmosphäre.