Meridiane

Einleitung

Meridian, Leitbahn oder JingluoUm die Begriffe Meridian, Leitbahn oder Jingluo besser verstehen zu können, erlaube ich mir vorab einen kleinen Einblick in die energetische Denkweise der Chinesischen Medizin zu geben:

Die Traditionell Chinesische Medizin (TCM) basiert auf dem Modell von Qi (Chi) und dessen Wandlungen. Solange Qi ausreichend vorhanden ist, der Qi-Fluss ungestört ist und Qi in den Wandlungen frei ist, solange genießt der Mensch Gesundheit. Bei Stauungen oder Qi-Mangel kommt es zu Unwohlsein und Krankheit.
In der daostischen Weltanschauung entsteht der Kosmos aus einer ursprünglichen Quelle. Dieser Kosmos basiert auf den polaren Prinzipien Yin und Yang, welche im Großen wie im Kleinen wirksam und beobachtbar sind. Die Trennung der beiden Pole bringt eine Spannung – das Qi – hervor. Das Qi ist die wandelnde Kraft, die alles Leben hervorbringt. So unterliegen Yin und Yang der stetigen Wandlung durch das Qi. Was sich im Makrokosmos als die drei Kräfte zeigt – der Himmel (Yang), die Erde (Yin) und der Mensch (Qi) – das spiegelt sich auch im Mikrokosmos Mensch wieder: Geist-Shen, Essenz-Jing, Vitalkraft-Qi (lit1).

Die Vitalkraft-Qi erfüllt verschiedene Funktionen:

  • Das Qi bewegt und treibt den Körper an. Es ist die Kraft, die das Blut fließen lässt, es bewegt die Muskeln, es ermöglicht die Atmung, das Qi drückt sich in der Sprache aus, u.v.m. So ist das Qi die Kraft, die die Organfunktionen ermöglicht und die vitalen Substanzen im Körper transportiert.
  • Das Qi hat transformierende Kraft. Das Qi der Milz wandelt die im Magen aufgenommene Nahrung in Nahrungs-Gu-Qi. Das Qi wandelt die Essenz-Jing in Nieren-Qi. Das Qi ist in der Lage verschiedene Aggregatszustände einzunehmen (Blut, Körperflüssigkeiten, Essenz, Qi). Die Wandlung zwischen diesen Aggregaten wird durch das Qi unterstützt.
  • Das Qi wärmt den Organismus. Insbesondere das Nieren-Qi und das Feuer des Lebens-Mingmen stellen die Wärme für die Körperfunktionen (z.B. Verdauung) zur Verfügung.
  • Das Nähr-Ying-Qi nährt die Organe. Durch die nährende Kraft des Qi können die Organe ihrer Funktion nachkommen und auch Blut und Geist sind kräftig.
  • Das Abwehr-Wei-Qi schützt den Körper vor äußeren, krankmachenden Einflüssen, wie z.B. Kälte, (Sommer-) Hitze, Feuchtigkeit, Trockenheit und Wind.
  • Das Qi stabilisiert den Körper und führt zu Festigkeit und Form. Das Qi der Milz hat hebende Kraft und hält die Organe an ihrer Stelle. Auch das Blut wird vom Milz Qi angehoben, was bei einer Milz-Qi-Schwäche zu schweren Beinen und Wassereinlagerungen führen kann. Auch die Aufrichtung des Oberkörpers (in etwa ab Höhe des Zwerchfells) wird durch das Milz-Qi unterstützt.

Um all diese Funktionen zu erfüllen benötigt das Qi ein Wegenetz. Durch dieses Wegenetz sind alle Organe und Körperbereiche miteinander verbunden: Das Meridiannetz.

Meridiane und das Wegenetz des Qi 
Verlauf der Hauptleitbahnen 
Meridiane und Funktionskreise 
Meridiane und Therapieformen 
Meridiane im Qigong

Meridiane und das Wegenetz des Qi

Meridian_Kalligraphie_ Jing und LuoMeridiane sind das Leitbahnensystem im Organismus. Sie sind eine Art Netzwerk, in dem Informationen, Substanzen (Blut, Körperflüssigkeiten, Essenz) und Kraft (Qi) pulsiert. Am bekanntesten sind die zwölf Hauptleitbahnen (Jing Mai), die in vielen Therapierichtungen eingesetzt werden und die auch für die Akupunktur zugänglich sind. Für ein ganzheitliches Verständnis ist die Kenntnis der Hauptleitbahnen jedoch nicht ausreichend.
Im Chinesischen werden für die Beschreibung der Leitbahnen zwei Schriftzeichen verwendet: Jing und Luo. Die beiden Aspekte des Leitbahnensystems können unterschieden werden(lit2):

  • Luo-MaiDie Jing-Mai (Mai: chin. Leitbahn, pulsieren) sind die Leitbahnen, die in vertikaler Richtung den Körper durchdringen. Sie sind vergleichbar mit dem Stamm eines Baumes, der die Wurzeln mit den Ästen und Blättern verbindet. Sie sind in den Organen verwurzelt und verzweigen sich in den Luo-Mai.
  • Die Luo-Mai sind die vernetzten Leitbahnen, die in horizontaler Ausbreitung den Körper durchdringen und ein eigenes Netzsystem herstellen. Sie sind vergleichbar mit den Ästen und Zweigen eines Baumes.

Das Netzwerk des Leitbahnensystems setzt sich aus verschiedenen Bestandteilen zusammen:

  1. 12 Hauptleitbahnen (Jing Mai)
  2. 16 Netzleitbahnen (Luo Mai)
  3. 8 außerordentliche Gefäße (Qi Jing Ba Mai)
  4. 12 Muskelleitbahnen (Jing Jin)
  5. 12 divergente Leitbahnen (Jing Bie)
  6. 12 Hautregionen (Pi Bu)

Verlauf der Hauptleitbahnen

Die Hauptleitbahnen besitzen stets einen oberflächlichen Verlauf, der durch äußere Stimulation (Akupunktur, Akupressur, Moxa, Massage, etc.) gut erreichbar ist. Sie sind paarig angelegt und sind symmetrisch auf beiden Körperhälften zu finden. Die auf den Leitbahnen lokalisierten Akupunkturpunkte entfalten jeweils spezifische Wirkungen, die nicht ausschließlich auf den eigenen Meridian bzw. das Organ wirken können. Manche Punkte entfalten als Fernpunkte Wirkungen auf ferne Körperbereiche, andere Punkte leiten die Energie in andere Leitbahnen um, etc. Die Akupunkturpunkte zeichnen sich durch eine spezifische energetische Wirkung im Sinne der Chinesischen Medizin aus. Jede Hauptleitbahn wurzelt durch einen tiefen inneren Verlauf aber auch in einem Organ des Thorax.
Maridianumläufe_alleDer oberflächliche Verlauf der Leitbahnen ist ununterbrochen und so knüpft jeder Meridian an einen anderen an. Der Meridianumlauf beginnt beim Lungenmeridian und endet im Lebermeridian, welcher wieder in den Lungenmeridian übergeht. Die Hauptleitbahnen verlaufen beginnend im Thorax in die Arme und von dort aus zum Kopf. Von hier aus zieht eine Leitbahn bis in die Beine und dann wieder zurück zum Thorax. Jeweils vier Meridiane ergeben so einen Umlauf, der den Körper durchdringt:

  1. Umlauf: Lunge-Dickdarm-Magen-Milz
  2. Umlauf: Herz-Dünndarm-Blase-Niere
  3. Umlauf: Kreislauf-Dreierwärmer-Gallenblase-Leber

Nach drei Umläufen ist die Energie einmal durch das gesamte Leitbahnsystem pulsiert. Jede Leitbahn hat im Tagesverlauf einen Höhepunkt und so wird der Energieverlauf bestimmten Tageszeiten zugeordnet.

Meridianuhr


Im Leitbahnverlauf wechselt dabei die Leitbahn entweder die Polarität (Yin / Yang) oder die Richtung der verlaufenden potentiellen Energie. Im Thorax findet die Energieproduktion statt und hier hat die das Qi die geringste potentielle Energie. Je weiter das Qi sich vom Thorax entfernt, desto mehr potentielle Energie entsteht. Die Arme und Beine nehmen dabei ein mittleres potentielles Niveau ein, der Kopf das maximale potentielle Niveau. So steigt im ersten Umlauf die potentielle Energie im Lungenmeridian auf ein mittleres Energieniveau an, im weiteren Verlauf über den Dickdarmmeridian (Wechsel der Polarität Lunge=Yin auf Dickdarm=Yang) steigt die potentielle Energie bis in den Kopf auf sein Maximum. In der zweiten Umlaufhälfte sinkt das Energiepotential vom Kopf zu den Beinen auf ein mittleres Niveau (Magenmeridian) und sinkt dann endgültig zurück in den Thorax auf ein Minimum (Milzmeridian). Auch hier wechselt die Polarität zurück vom Yang (Magenmeridian) zum Yin (Milzmeridian). Dickdarm und Magen bilden so eine durchgängige Yang-Leitbahn. Diese Verbindung im ersten Umlauf nennt man auch das „helle Yang“ (chin. Yangming). Die Verbindung der Yin-Leitbahnen Lunge und Milz nennt man das „große Yin“ (chin. Taiyin).

Meridian-Polarität

Entsprechend der auftretenden Yin-Qi und Yang-Qi Quantität werden die einzelnen Leitbahnen differenziert:

  1. Umlauf: Lunge-Dickdarm-Magen-Milz
  2. Umlauf: Herz-Dünndarm-Blase-Niere
  3. Umlauf: Kreislauf-Dreierwärmer-Gallenblase-Leber

Meridiane1Hieraus resultieren auch die Bezeichnungen für die Leitbahnen:

  • Lunge: Hand-Taiyin
  • Dickarm: Hand Yangming
  • Magen: Fuß Yangming
  • Milz: Fuß Taiyin
  • Herz: Hand Shaoyin
  • Dünndarm: Hand Taiyang
  • Blase: Fuß Taiyang
  • Niere: Fuß Shaoyin
  • Kreislauf: Hand Jueyin
  • Dreierwärmer: Hand Shaoyang
  • Gallenblase: Fuß Shaoyang
  • Leber: Fuß Jueyin

Meridiane und Funktionskreise

Die Lehre der Entsprechungen (Lehre der fünf Elemente) dient als Modell zur Beschreibung der Natur. Komplexe Beobachtungen können so vereinfacht und strukturiert werden. Grundsatz der Natur ist einerseits die Dualität (Yin / Yang) und andererseits die stetige Wandlung der Dinge zwischen diesen Polen (z.B. Jahreszeiten, Tag-Nacht-Rhythmus, Lebensphasen, u.v.m.).
Die Meridiane werden entsprechend Ihrer Organzuordnung den Fünf Wandlungsphasen zugeordnet:

Holz Feuer Erde Metall Wasser
Himmelsrichtung Ost Süd Zentrum West Nord
Jahreszeit Frühling Sommer (6. Monat) Herbst Winter
Tageszeit NachtGb 24-2 UhrLe 2-4 Uhr MittagHe 12-14 UhrDü 14-16 Uhr VormittagMa 8-10 UhrMP 10-12 Uhr MorgenLu 4-6 UhrDi 6-8 Uhr AbendBl 16-18 UhrNi 18-20 Uhr
Lebensalter Geburt und Wachstum Ausbildung und Entwicklung Reife und Übergang Nachreife und Ernte Abbau und Genuss der Ernte
Klima windig heiß feucht trocken kalt
Wandlungsphase schwaches Yang starkes Yang Ausgeglichenheit schwaches Yin starkes Yin
Farbe (bläulich) grün Rot Gelb Weiß Schwarz
Geschmack sauer bitter süß scharf salzig
Gefühl Zorn Freude Sorgen Trauer Angst
Sinnesorgan Auge Zunge Mund Nase Ohr
Sinnesfunktion sehen sprechen schmecken riechen hören
Körperflüssigkeit Tränen Schweiß Speichel Schleim Urin
Körpergewebe Muskel als bewegendes Element, Sehnen, Nerven Blutgefäße, Nervenbündel, Subcutis Muskel als Masse, Bindegewebe Haut / Haar Knochen, Sehnen
Yin-Organ („Zang“) Leber Herz Milz Lunge Niere
Yin-Meridian Fuß Jueyin (Le) Hand Shaoyin (He)Hand Jueyin (Pe) Fuß Taiyin (MP) Hand Taiyin (Lu) Fuß Shaoyin (Ni)
Yang-Organ („Fu“) Gallenblase Dünndarm Magen Dickdarm Blase
Yang-Meridian Fuß Shaoyang (Gb) Hand Taiyang (Dü)Hand Shaoyang (3E) Fuß Yangming (Ma) Hand Yangming (Di) Fuß Taiyang (Bl)

Meridiane und Therapieformen

Die Hauptleitbahnen der Chinesischen Medizin erklären funktionelle und symptomatische Zusammenhänge des Organismus. Viele Patienten beklagen eine Reihe an Symptomen, die häufig schulmedizinisch nicht in Zusammenhang gebracht werden können. Betrachtet man den Verlauf von Meridianen, so beobachtet man häufig einen Zusammenhang der des Meridianverlaufs und des Symptomenkomplexes. Auch die Zusammenhänge der Energiemuster erklären häufig den Zusammenhang von Symptomenkomplexen, die dann als energetisches Syndrom zusammengefasst und gezielt therapiert werden.




Verschiedene Therapierichtungen der Chinesischen Medizin machen sich die Wirkung von Akupunkturpunkten und Meridianen zu Nutze: Moxibustion (kurz: Moxa, Erhitzen von Akupunkturpunkten durch Abbrennen von Beifußkraut), Gua Sha (Reiben und Schaben der Haut mit Hilfe von stumpfen Werkzeugen, wie z.B. Tierhörnern oder Löffeln), Akupressur (Massage, Klopfen oder andere manuelle Stimulation der Akupunkturpunkte), Tuina (Massagetechniken) und Schröpfen (Behandlung von Hautarealen mit Hilfe von Unterdruck in Schröpfgläsern).
Aber auch andere Verfahren nutzen die Erklärungen der Chinesischen Medizin und der Meridianbezüge: Kinesiologie, Akupunktmassage nach Penzel, Elektroakupunktur und viele mehr.

Meridiane im Qigong

Eine der Fünf Säulen der Chinesischen Medizin ist das Qigong. Auch hier nutzen wir die Erkenntnisse der Meridianverläufe, um diese für den Energiefluss durchgängig zu machen. Manche Autoren vermuten, dass die Theorie der Meridiane auf Körpererfahrungen im Qigong zurückgehen.
Qigong ist ein relativer junger Überbegriff für verschiedene Heiltechniken, die sich durch körperliche Aktivität, Atemübungen und Lenkung der Aufmerksamkeit auszeichnen. Das Daoyin (dehnen und leiten) spielt im bewegten Qigong eine wichtige Rolle. Durch die sanften Streckungen werden gezielt Meridianverläufe, Engstellen(lit3), Blockaden, Gelenke und Muskeln geweitet, damit die vitale Kraft besser fließen kann. Manche Übungsreihen, wie z.B. das Meridian Qigong, erzeugen durch gezielte Körperausrichtung einen so detaillierten Stretch der Meridianverläufe, dass diese beinahe linear nachempfunden werden können. Andere Übungen sind eher unspezifischer, was deren Wirksamkeit nicht schmälert. Im Gegenteil ist die zu detaillierte Vorgehensweise oftmals ein (unnötiger) Grund für nicht gewünschte Anspannung.
Die Weitung der Leitbahn erzeugt einen Effekt vergleichbar mit dem Zug an einem gefüllten Wasserschlauch. Durch die Dehnung wird sich das Lumen verringern und der Inhalt des Schlauches beginnt nach außen zu drängen. Für einen fortlaufenden Qi-Fluss ist die anschließende Füllung des „Schlauches“ nun wichtig. Neben der sanften Dehnung der Körperstrukturen ist also die anschließende Entspannung ein wichtiger Übungsaspekt. Beide Bewegungsphasen (Dehnspannung und Entspannung) ergeben zusammen ein Pulsieren. Dieses Pulsieren unterstützt den Qi-Fluss in den Leitbahnen. Durch gezielte Belastung und Entlastung in der Grundbewegung des Qigong (Steigen und Sinken, Öffnen und Schließen) wird der Energiefluss angeregt.
Außerdem werden verschiedene Selbstmassagetechniken eingesetzt, um Akupunkturpunkte und Leitbahnen zu öffnen und zu aktivieren. Sehr bekannt ist das „Ausklopfen der Meridiane“ oder zum Abschluss einer Übungsreihe „das Dantian reiben“. Es werden Techniken eingesetzt wie „Drücken“, „Reiben“, „Ausstreichen“ oder „Klopfen“. Nicht nur die Körperoberfläche sondern auch innere Strukturen werden hierbei energetisiert. Das Zähneklappern oder die Zahnfleischmassage beim Zungenkreisen aktiviert über die inneren Verläufe der Leitbahnen ebenso die Organe.

Markus_Ruppert_AutorTipp der Redaktion: Surf-Tipps zum Thema “Traditionelle chinesische Medizin”

Autor: Markus Ruppert

Fotos: Taiji-Europa, Archiv Ruppert

Kalligraphie: Wang Ning

Literatur:

(lit1) Markus Ruppert, Grundlagen des Qigong – Ein Wegbegleiter durch die ersten Jahre der Qigong Praxis, 1. Auflage 2015, ML Verlag in der Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach, ISBN: 978-3-945695-09-8

(lit2) nach Giovanni Maciocia, Leitbahnen der Akupunktur – klinischer Einsatz der Sekundärleitbahnen und Außerordentlichen Gefäße, 1. Auflage 2009, Elsevier GmbH, München, S. 18

(lit3 )Markus Ruppert, Grundlagen des Qigong – Ein Wegbegleiter durch die ersten Jahre der Qigong Praxis, 1. Auflage 2015, ML Verlag in der Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach, ISBN: 978-3-945695-09-8, Kapitel „die drei Engpässe“, S. 62ff.

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