Inneres Schlagen

Viele Kampfkünste üben einen Schlag oberflächlich. Dieser Schlag kann durchaus effektiv sein, versperrt aber den Weg zu einem größeren Kraftpotential, weshalb dieser Schlag stets ineffektiv ist gegenüber sogenannten inneren Schlägen, wie sie im Taiji geübt werden sollten.

Oberflächlich heißt: Nur an der Oberfläche – also äußerlich

Taiji Boxen - Inneres SchlagenEin oberflächlicher Schlag zeichnet sich durch eine einfache, fast schon triviale Ausführung aus. Es ist ein grobes Muster entweder einer isolierten Bewegung ab der Schulter bis zur schlagenden Hand oder ab der Hüfte mit Vorschub. Eine weitere oberflächliche Form ist der Schlag, der gemeinsam mit einem Vorwärtsschritt ausgeführt wird. Es handelt sich stets um statische und zumeist isolierte Bewegungen der Gliedmaßen. Kraft geht verloren – schlimmer aber noch: Man verwendet ausschließlich eigene Kraft, so dass es Anfangs- und Endpunkte der eigenen Bewegung gibt, was die Schläge berechenbar, vorhersehbar und ineffektiv werden lässt. Selbiges zeigt sich beim sogenannten Peitscheneffekt.




Etwas mehr nach innen geschaut, aber noch immer äußerlich

Eine etwas tiefere Form, aber noch immer nicht am Kern der Sache des Inneren, ist es, einen Schlag nicht über Muskeln oder Gelenke auszuführen, sondern elastisch über Sehnen und Bänder. Der Körper kann hier zwar als Einheit agieren und z. B. Kraft von einem Fuß bis in die schlagende Hand generieren. Der Nachteil ist aber auch hier, dass ein fester Bezug zum Boden bestehen muss, weil es zur Kollision kommt: Spätestens beim Einschlagen der Faust ins Ziel, frühestens beim Kraftaufbau des Körpers im Raum. Es gibt also wieder Anfangs- und Endpunkte, so dass die daraus resultierende brüchige Bewegung nicht nur Kraft reduziert, sondern auch die eigenen Bewegungen für einen Partner offenlegt.
In den sogenannten inneren Kampfkünsten wie dem Taiji wird ein fester Stand besonders trainiert. Die Fähigkeit des Wurzelns täuscht allerdings über die Bedeutung des eigenen Körpers im Raum hinweg. Die Prämisse, fest zu stehen, um fest schlagen zu können, bedingt nämlich immer einen Bruch in der Bewegung, da zuerst sicher gestanden werden muss, dann geschlagen wird und dann die Kollision gepuffert wird durch den sicheren Stand. Auch hier liegt das Problem in der Idee, selbst Kraft aufbringen zu müssen. Selbst wenn man sinkt, also entspannt in optimale Körperstruktur hineinarbeitet, findet eine Kraftentfaltung aufgrund des eigenen Kraftpotentials statt und man benötigt einen festen Punkt, von welchem aus die Kraft in eine bestimmte Richtung gesteuert werden kann. Dieser feste Punkt ist zumeist der Boden.
Der Weg zwischen Boden zur Trefferfläche des Schlags reduziert nicht nur die Kraftwirkung bzw. Schlagstärke, sondern beeinflusst nachteilig die Wahrnehmung des Partners, der nämlich, sofern man selbst einen festen Punkt hat, diesen erkennen und ausnutzen kann.
Deshalb gilt es, jeden festen Punkt aufzulösen, so dass man selbst mit dem Raum verschmilzt. Das bedingt bruchlose Bewegungen, so dass die Kraft nahezu ohne Verschleiß transportiert werden kann und der Partner den Schlag nicht als Schlag erkennen kann, selbst wenn sich der schlagende Arm direkt auf ihn zubewegt. Der Grund liegt darin, dass das Innere des Schlagens keinen Anfang und kein Ende kennt und es auch keinen Ausgangspunkt einer Kraft gibt.
Gerade Letzteres ist entscheidend: Solange man Kraft aus sich selbst erzeugt, erzeugt man immer auch einen Kontaktpunkt bzw. einen festen Bezug – egal, ob zum Boden, zum Partner oder zu sich selbst. Effektiver ist es, die ohnehin wirkende Schwerkraft in eine Schlagbewegung zu transformieren, denn damit verzichtet man gänzlich auf eigene Kraftpotentiale, so dass es keinen Ausgangspunkt dieser Kraft gibt – sie muss nicht generiert werden, sondern ist omnipräsent vorhanden und muss nur in entsprechende Bahnen gelenkt werden. Die Wahrnehmung des Partners ist nicht fähig, eine solche mit dem Raum verschmolzene Bewegung als Schlag zu identifizieren.
Daraus resultiert die Überflüssigkeit aller Formen von Schlägen, deren Ausgangspunkt das Aufbringen der eigenen Kraft ist – und sei es noch so subtil.

Autor: Christoph Eydt

Foto: Taiji Forum



 

Tai Chi Chuan (Taijiquan)

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