Wu-Stil Taijiquan

Von Udo Kästner

Der Wu-Stil des Taijiquan geht zurück auf Quanyou, dem Kommandanten der kaiserlichen Leibgarde. Sein Sohn Wu Jianquan (ebenfalls Mitglied der kaiserlichen Leibgarde) ist der eigentliche Namensgeber des Stiles. Er zog Ende der 20er Jahre nach Shanghai um dort weiter zu lehren. Ein weiterer Schüler seines Vaters, Wang Maozhai, blieb derweil in Peking und lehrte dort.

Aus diesem Grunde entstanden die so genannte nördliche Linie und die südliche Linie des Wu-Stiles.

Ma Jiangbao und Martin Bodicker: Wu Stil Tai Chi Chuan
Ma Jiangbao und Martin Bodicker: Wu Stil Tai Chi Chuan

Für den nördlichen Wu-Stil war bis zu seinem Tode im Jahre 2004 Wang Peisheng ein äußerst berühmter Linienhalter. Der südliche Wu-Stil wurde durch Ma Yuehliang bis zu seinem Tode im Jahre 1998 vertreten. Diese Aufgabe hat nun sein Sohn Ma Jiangbao übernommen, der seit mehr als 25 Jahren in Europa lebt und unterrichtet. Neben dieser „Shanghai Linie“ hat der Sohn von Wu Jianquan, Wu Gongyi, in Hongkong ebenfalls den Stil vertreten. Diese Linie wird mittlerweile in Kanada durch „Eddie Wu“ (Wu Guangyu) vertreten.

Der Wu-Stil, der in Europa durch Ma Jiangbao verbreitet wird, enthält im klassischen Lehrkonzept folgende Elemente in entsprechender Reihenfolge:
Die fünf Vorübungen
Sie sind eine Reihe von Qigong- bzw. Lockerungsübungen, die schon die Bewegungsprinzipien des Stiles näherbringen.
Die kurze Form
Sie ist eine Reduzierung der langen traditionellen Form auf ca. 45 Bewegungsbilder und benötigt ca. 12 Minuten zum Durchlauf.
Die lange Form
Sie ist die traditionelle langsame Form des Stiles und wird in 100 Bildern und ca. 35 Minuten ausgeführt.
Die Säbelform
Sie besteht aus ca. 100 Bildern, ist also ebenfalls ziemlich lang, und wird trotz ihres ebenfalls fließenden Charakters schon etwas dynamischer ausgeführt.
Die Lanzenform
Sie ist wesentlich kürzer als die Säbelform, wird aber noch dynamischer ausgeführt und es sind auch schon erste Fajing-Elemente sichtbar.
Die schnelle Form
Sie ist die ursprünglichste aller Formen, so wie sie am Kaiserhof ausgeführt wurde. Ihre Bewegungen entsprechen nicht denen der langsamen Formen, sondern sind in der Regel extensiver, da das Element Schwung hier mit eingearbeitet ist.
Die schnelle Form ist trotz ihrer dynamischen- und Fajing-Elemente ebenfalls fließend und keineswegs abgehackt. Sie wurde bis zum Jahr 1982 nur innerhalb der Familie weitergegeben und nicht öffentlich gezeigt.
Die Schwertform
Sie ist die Waffenform auf technisch höchstem Niveau und wird deshalb nach den beiden vorher genannten Formen gelehrt.

Wu Stil Taijiquan Push Hands
Wu Stil Taijiquan Push Hands im Wohnzimmer

Das TuiShou (PushHands)

Das Taijiquan von Ma Jiangbao enthält ein komplexes System von Partneranwendungen.
So stehen 13 Dreharten auf dem Programm welche noch durch einige vorbereitende Dreharten ergänzt werden. Zu jeder Drehart gibt es eine Fülle von Techniken, die allesamt dem Taiji-Prinzip folgen: Begegne Kraft niemals mit Gegenkraft.
Diese „Techniken“ beziehen sich auf die üblichen 8 Qualitäten: peng, lü, ji an, cai, lie, zhou und kao.
Insbesondere dem lü, also dem intelligenten Nachgeben und damit verbundenen Fühlen, wird viel Aufmerksamkeit geschenkt, um ein Abgleiten in ein simples Kräftemessen weitestgehend zu vermeiden.
Das TuiShou (Push Hands) wird nicht erst am Ende aller Formen gelehrt, sondern begleitet den Schüler schon von Anfang an, wenn der Lehrer erkennt, dass er Fortschritte in der langsamen Form macht.

Wu Stil Schwert
Wu Stil Schwert

Der Wu-Stil nach Ma Jiangbao unterscheidet sich offensichtlich in einigen Elementen von anderen Stilen. Der Oberkörper wird gegenüber dem Becken bei Körperdrehungen erst gedreht, bevor das Becken (und in der Regel der Fuß) folgt.
In den Ständen Gongbu und Xubu sind die Füße parallel, was auch beim Vorwärts- und Rückwärtsgehen so bleibt.
Der Rücken ist in sich stets gerade, d.h. zwischen Becken und Hinterkopf ist weder ein Knick noch eine Biegung vorhanden. Im Gongbu führt dies dazu, dass der Rücken, um eben nicht im unteren Bereich gebogen zu werden, eine leichte Vorwärtsneigung erfährt. Von der Seite aus gesehen bildet er eine gerade Verlängerung des hinteren Beines.

Im Übrigen wird die Meinung vertreten, dass die Unterscheidung nach Stilen eher nicht im Vordergrund stehen soll, sondern die allgemeinen Prinzipien des Taijiquan Berücksichtigung finden sollen. So stehen z.B. auch die Qualität des entspannten Gleichgewichtes, der natürlichen Entfaltung von Bewegungen und des ruhigen aber stetigen Übens im Fokus des Lehrens. Man sollte das Taiji schon genug lieben lernen um den Spaß am Üben zu behalten.

Weitere Informartionen zum Wu-Stil und hier

Fotos: Archiv Bödicker