Der weite Weg zur himmlischen Harmonie

Von Wang Ning

Nach Harmonie zu streben macht einen wesentlichen Teil der chinesischen Kultur und Lebensweisheit aus und scheint heutzutage in Anbetracht der gesellschaftlichen Veränderungen sogar dringlicher zu sein als früher. Wang Ning zeigt anhand verschiedener Begriffe, die Harmonie ausdrücken, dass es dabei immer um Gleichheit, Ruhe, Gerechtigkeit geht, um ein friedliches Mit- einander. Und damit knüpft er an seinen Beitrag über das »unterdrückte Ich« ( TQJ 1/2009) an, denn das Ich scheint die Harmonie zu stören.

Es gibt verschiedene Schriftzeichen und aus diesen zahlreiche zusammengesetzte Wörter im Chinesischen, die im Deutschen »Harmonie« ausdrücken. Mag sein, dass die Chinesen ihre literarische Geschicklichkeit unter Beweis stellen wollen, aber hier geht es um viel mehr, denn diese Gedanken zeigen uns das unermüdliche Streben nach Harmonie, das sicherlich zu ihrer Lebensweisheit gehört, vielleicht der einzigen Lebensweisheit. Gleichzeitig ist es schon seit Jahrtausenden zum höchsten Ziel der Politik gemacht worden. Heutzutage ist der Wunsch nach Harmonie viel stärker als je zuvor, weil sich die Lebensstruktur Schritt für Schritt verändert hat.

he1He – Einklang oder Harmonie, das Zeichen zeigt »Getreide und Mund« oder »Getreide und Sheng (ein Blasinstrument aus Bambus)«, symbolisch bedeutet es, dass »alle das Gleiche zu essen haben oder wie aus einem Mund singen«. In der Verbotenen Stadt in Beijing befindet sich die wichtigste Halle ihrer Zeit: die Halle der höchsten Harmonie, also die Halle der Tai He. Das Zeichen He bedeutet auch mild und mäßig, weil es nicht heftig oder gar nicht, sondern etwas mittelmäßig ist. Wenn die Schachpartie mit einem He endet, heißt das unentschieden. Das He bedeutet auch »und«, weil es eben beide Seiten verbindet.

Hexie ist die häufigste Übersetzung für den Begriff Harmonie, dabei betont das Zeichen Xie nur noch einmal, dass »alle sprechen«. Hexie She Hui – eine sozialistische »Harmonische Gesellschaft« aufzubauen ist die neuste Parole der chinesischen Regierung seit 2004. Heping ist der meist benutzte Begriff für Frieden, wobei das Ping eigentlich die Verstärkung für He ist.

PingPing – eben, flach, ruhig, still. Das Zeichen stellt eine »Waage« dar, weil die beiden Seiten gleich sein sollen. Deswegen bedeutet es auch gleichmäßig, gerecht, ehrlich. Pingchang steht für gewöhnlich, weil es »so oft flach« ist. Pingan meint störungsfrei und sicher, wobei das An selber schon Frieden bezeichnet.

AnAn – Ruhe und Frieden. Das Schriftzeichen zeigt ein »Haus und eine Frau«. Symbolisch bedeutet es die Gründung einer Familie. Daher steht es für Harmonie und Sicherheit. InBeijing schaut man erst den Platz des Himmlischen Friedens, Tiananmen, an.

TongTong – Gleichheit, das Zeichen zeigt »eine Höhle und einen Mund«, symbolisch wird damit ausgedrückt, dass »alle unter einem Schutz bleiben oder wie aus einem Mund essen und sprechen«. Da Tong – Große Gleichheit war schon lange die Parole der Dynastien.

HeHe – vereinigen, das Zeichen zeigt »ein Dach und einen Mund«, also mit dem Mund umschließen. Damit wird gezeigt, dass alles unter einen Hut gebracht wird. He Bi – »zusammengeschlossene Jade« bezeichnet einen ewigen Bund der Ehe. Heli bedeutet rational und vernünftig, weil es in die Schublade der Li–Riten eingeschlossen werden kann.

Ewiges Streben nach harmonischem Zusammensein

Individuum-GexingDiese Worte haben mehr oder weniger die gleiche Bedeutung, nämlich ganz nach dem Ying/Yang-Prinzip, dass alles oder die Gleich- gesinnten friedlich zusammen sein sollen. Das hört sich jederzeit sehr gut an. Es passte lange Zeit zum Lebensstil. Das Leben ist durch und durch organisiert, vom kleinsten Kreis wie einer Familie, der Nachbarschaft, den Straßenanwohnern, einer Schule bis zu Universität, Arbeitseinheit (die man heutzutage Firma nennt) oder Beamtenkarriere sind die Menschen immer voneinander abhängig. Sie leben viel intensiver miteinander. Dabei hat man zu lernen, Ren Qing – das menschliche Gefühl – zu verstehen. Dieses Einfühlungsvermögen bestimmt die sensible Beziehung zwischen Menschen, was eine strategisch nahezu uner- reichbare Technik bedeuten kann. Das Verlangen nach harmonischem Zusammensein wird zum höchsten Ziel des Lebens gemacht.

Mir ist klar geworden, dass all diese Begriffe für Harmonie oder Frieden keineswegs allein dastehen. Im Zusammenhang spielen mindestens zwei Menschen darin mit. Das heißt, Harmonie ist eine Art Beziehung, eine ideale Beziehung.

HexieDann ist die neue Zeitepoche ausgebrochen, in den letzten 30 Jahren haben sich die Menschen in China sehr viel vom westlichen Lebensstil abgeguckt. Diese Welt ist eigentlich ganz neu. Alle versuchen sich anzupassen. Die traditionelle Lebensstruktur droht zu zerfallen. Die alte Pyramide wackelt. Demokratie ist der frische Wind, der plötzlich über das ganze Land weht. Auch wenn man in China unter »Volksdemokratie« (Renmin Minzhu) etwas anderes versteht, ist die Zeit zum Entdecken da. Was entdeckt man? Die Antwort ist: das Ich – womit das Individuum gemeint ist.

Ich erinnere an meinen Artikel über das unterdrückte Ich: Kontrolliert man das Herz, verhindert man das Ich. Verhindert man das Ich, herrscht Frieden unter dem Himmel. Wo immer das Ich betont wird, herrscht Unruhe. »Daher muss man das Ich beseitigen, um die himmlische Ordnung herzustellen.« (Konfuzius) Wollen die Menschen die neue Idee oder bleiben sie beim Alten? Beides geht anscheinend nicht so einfach. Maodun – der Widerspruch ist da. Es ist schwer. Ihnen bleibt noch ein weiter Weg zur himmlischen Harmonie.



DER AUTOR WANG NING

WangNing
Wang Ning, Jg. 1962, ist Lehrer für Taijiquan und Kalligraphie in Frankfurt am Main