Passive Kraft im Taiji

Passive Kraft im TaijiquanInnerhalb der sogenannten „inneren“ Kampfkunst Taiji werden Fähigkeiten und Fertigkeiten geschult, mit denen darauf hingearbeitet wird, Bewegungen ohne unnötige Muskelkraft auszuführen. Gemeinhin soll die Jin-Kraft entwickelt werden, während die Kraft „Li“ vernachlässigt wird. „Li“ kann mit „träger Kraft“ oder roher Kraft“ übersetzt werden, während „Jin“ als elastische Kraft verstanden wird, die über Sehnen und das Bindegewebe erzeugt und transportiert wird. Dass der Unterschied zwischen Jin und Li nicht eindeutig ist, belegt die relativ neue Kampfkunst Yi Chuan, in der die Begriffe gleichwertig und teils auch synonym verwendet werden, denn Jin kann auch als eine fein ausgeprägte Li verstanden werden. Das zeigt sich u. a. am Beispiel der ausstoßenden oder abgebenden Energie, die im Taiji ausschließlich als „Fa Jin“ bezeichnet wird, im Yi Chuan man aber sowohl von „Fa Jin“ als auch von „Fa Li“ spricht.

Äußere Kraft gibt es auch im Körperinneren

Für die Herausbildung der Jin-Kraft existieren spezielle Übungen wie die „Stehende Säule“ oder die Seidenübungen. Um das Phänomen eines Fa Jin, also das Abgeben der Energie, zu beschreiben, werden Begriffe verwendet, die nicht immer einheitlich sind und großen Spekulationsraum lassen. Die Rede ist von Ganzkörperbewegungen, Energiespeicherung, Chi Bewegungen oder gar von „geheimen Lauten“, die sich vornehmlich auf eine spezielle Form der Atmung konzentrieren.
Nicht umsonst existieren Systeme, in denen „Jin“ und „Li“ synonym verwendet werden, beschreiben diese Begriffe doch zunächst nichts weiter als körpereigene Kraft. Die Qualität dieser Kraft mag verschieden sein, die Grundlage ist aber stets dieselbe: Es handelt sich ausschließlich um Kraft, die im Körperinneren erzeugt wird – selbst das Anspannen eines Muskels ist in diesem Sinne eine innere Kraft, die gemeinhin „Li“ zugeordnet werden würde. Da es aber immer körpereigene Kraft ist, sind letztlich alle Qualitäten äußere Kraft, da, auch wenn sie in tieferen Körperregionen entwickelt werden, dahingehend äußerlich sind, dass es immer noch einen Punkt „hinter“ diesen Körperregionen gibt, der „mehr innerlich“ ist.

Wer also in diesem Sinne Kraft nutzt, betreibt Taiji als eine äußere Kampfkunst und nicht als eine innere, in der es nämlich darum geht, Bewegungen nicht nur zu mikroskopieren, sondern bruchlos zu organisieren. Jede im Körper erzeugte Kraft führt aber unweigerlich zu Brüchen, denn die Kraft muss erzeugt, transportiert und entladen werden.




Körperstruktur ist nur eine Hilfsgröße

Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich mit guter oder schlechter Körperstruktur bewegt, ob man die Hüfte zum Ausholen verwendet oder ob man einen Peitscheneffekt mit dem gesamten Körper generiert. Es ist stets eine aktive Kraft, die aufgebaut wird. Doch gerade das Aktive will im Taiji vermieden werden. Das heißt, jede Form von Krafterzeugung ist dahingehend falsch, dass sie bewusst erzeugt wird. Die Art der Krafterzeugung mag unterschiedlich sein, das Konzept ist aber dasselbe, weshalb es keine Rolle spielt, ob ein Karateka oder ein Taiji-Adept eine Kraft generiert.

Peng Jin als Sinnbild für die passive Kraft

Die Energie „Peng Jin“ zeigt einen anderen Ansatz, denn hierbei wird meistens auf das Produzieren der eigenen Kraft verzichtet. Die vom Angreifer aufgenommene Energie wird im Körper gespeichert und anschließend mehr oder weniger stark / schnell zurückgegeben. Dieses Zurückgeben ist eine Folge von Expansion aufgrund des im Inneren vorhandenen Drucks, der seinerseits die Folge des Aufnehmens der angreifenden Energie ist. Man selbst baut bei Peng Jin keine aktive Kraft auf. Auch die Bewegung in den Raum des Partners hinein ist keine aktiv geführte.
Das Prinzip von Peng Jin wird allerdings leider nur für den Kontakt mit einem Partner / Gegner geübt, obwohl es eine Veranschaulichung des gesamten Bewegungskonzepts des Taiji ist. Der Partner und seine von ihm abgegebene Energie ist ein Sinnbild für jeden Umgang mit Kräften – so auch mit der Schwerkraft. Um bei Peng Jin zu bleiben: Passive Kraft sollte sich nicht nur erst in der Berührung mit einer gegnerischen Energie aufbauen, sondern in jeder Bewegung präsent sein. Das Prinzip von Peng Jin wird also auf den Raum übertragen. Die im Raum wirkende Kraft ist die nach unten ziehende Schwerkraft. Diese übt – so wie der Übungspartner beim Peng Jin – einen beständigen Druck auf den Körper aus, der entsprechend gespeichert und/oder umgewandelt werden kann. Damit ist jede Bewegung kraftlos und im wahrsten Sinne des Wortes „innerlich“, weil kein Äußeres (Muskeln, Sehnen, Bänder, Faszien, Gelenke usw.) an der Krafterzeugung beteiligt ist. Sehr wohl sind diese Äußerlichkeiten an der Kraftübertragung und auch an der Verteilung des Drucks im Inneren beteiligt, aber stets passiv. Es wird nirgends aktiv mit den Körperteilen gearbeitet, um Kraft zu erzeugen oder zu leiten.
Die Kraft im Taiji ist ihrer Natur nach also gar keine körpereigene, so dass jede Übung zum Kraftaufbau in die Irre führt. Diese Übungen sind gewiss nicht grundlegend verkehrt, aber sie verzerren das Bild von der Kraft im Taiji, weil man dem Glauben anheimfällt, man würde Taiji „machen“, wenn man auf rohe Kraft verzichtet und stattdessen elastische Kraft aktiv trainiert. Taiji ist Ruhe in Bewegung. Diese Ruhe wird nicht erreicht, indem man aktiv an sich arbeitet – egal, ob Dehn-, Streck-, Halte- oder Hebeübungen – weil jede Aktivität einen Druck erzeugt und dieser Druck nicht der natürliche Druck der nach unten strömenden Energie ist, sondern der Druck des eigenen Bewusstseins im Körper, eine bestimmte Bewegung zu lernen oder anzuwenden. Damit wird Taiji ad absurdum geführt, weil es so nicht als innere Bewegung verwendet wird, sondern lediglich als äußere Bewegung auf minimalen Ebenen, die teilweise unsichtbar sind.
Gewiss ist es nicht verkehrt, den Körper mit Übungen zu kräftigen – auch konventionelles Training ist nicht abzulehnen, auch wenn es den Prinzipien einer inneren Bewegung oft widerspricht. Solange einem Übenden klar ist, woraus sich Taiji-Bewegungen ergeben, wird er nicht bemüht sein, in seinem Körper nach irgendeinem Kraftpotential zu forschen, weil es dieses nicht anzuwenden gilt. Die Bewegung im Taiji ist eine passive. Das heißt, jeder wahrnehmbaren Bewegung geht ein Impuls voraus. In der Peng Jin-Situation ist das z. B. die schiebende Energie des Partners. Ohne Partner ist es die Schwerkraft, die natürlich auch in der Partnerübung relevant ist. Dadurch, dass man auf eigene Kraftpotentiale verzichtet, haben die Bewegungen keinen Anfangs- und Endpunkt, was wiederum dem Konzept der fließenden Bewegung entspricht, welches nämlich mehr beinhaltet, als das möglichst lückenlose Ablaufen einzelner Bewegungsmuster. Jede Bewegung geschieht nicht aktiv, sondern ist immer nur eine Folge des situativen Drucks im Körperinneren. Auch Gewichtsverlagerungen geschehen nicht aktiv, weil die damit einhergehende Aktivität (Bein heben, Hüfte öffnen / schließen usw.) auf eigenen Kraftpotentialen beruht, mögen diese noch so entspannt wie möglich genutzt werden. Eine Gewichtsverlagerung ist immer nur die Folge einer Umlagerung des Drucks im Inneren, so dass ein Abstützen am Boden oder ein Gegendruck zum Boden vermieden wird und eine Bewegung dahingehend als flüssig zu bezeichnen ist, dass es keine Widerstände gibt. Man bewegt sich wie Wasser, das dem natürlichen Verlauf, bedingt durch die Schwerkraft, sich immer den leichtesten Weg sucht. Das Fließen des Wassers ist eine Folge der Anpassung an den auf es einwirkenden Druck – Wasser fließt also passiv. Genauso passiv sollte sich im Taiji bewegt werden.

Zum Schluss

  1. Loslösen von der Idee, man müsse eigene Kraft erzeugen.
  2. Loslösen von der Idee, man müsse „perfekt“ stehen, was auch nur eine Art der Kraftanwendung bzw. von Druck ist).

Der Körper fällt immer. Es gibt immer nach unten wirkende Kräfte. Diese arbeiten um den Körper herum und in ihm drinnen. Es findet permanente Formveränderungsarbeit statt. Wer glaubt, er könne Kraft durch Körperstruktur oder bestimmte Gelenk- oder Sehnenbewegungen erzeugen, handelt gegen diese natürliche Formveränderungsarbeit und baut einen Widerstand im Körper auf, der unweigerlich zu Verspannungen oder Verkeilungen führt. Häufige Fehler sind bei „guten“ Taiji-Übenden daher Stützen, die entstehen, weil man Bezugspunkte aus dem eigenen Ego herauszieht. Beispiele sind:

  • Fokussierung auf Körperstruktur bei zeitgleichem Druck gegen den Boden
  • Statische Momente im Körper durch den Drang, eigene Kraft aufzubauen
  • Kollisionen gegen den Boden und gegen den Partner, weil Bewegungen aktiv gesteuert werden, statt passiv geschehen zu lassen
  • Verhaftet-sein im Detail, weil der Glaube vorherrscht, man müsse sich selbst in eine „perfekte“ Position begeben
  • Idealisierung der Bewegung, die zu Anspannung und Druck führt, da es einen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit (Trennung) gibt und nicht gesehen wird, dass der Anspruch lediglich ein Teilbereich der Wirklichkeit (Einheit)ist
  • Explosive Techniken als „Ergebnis“ von Fajin, die aber nichts weiter sind, als aktiv gesteuerte – und damit äußere – Bewegungen
  • Nichtwahrnehmen der Schwerkraft im Körper, weil der Fokus auf äußeren Merkmalen wie der Strukturarbeit liegt.

Autor: Christoph Eydt

Fotos: Taiji Forum



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