Chen-Stil Taijiquan (Tai Chi Chuan)

Entstehungsgeschichte des Chen-Stil-Taijiquan

Kampfkunstschule in Chenjiagou. Chen-Stil Taijiquan (Tai Chi Chuan) gilt als der wohl älteste Taijiquan-Stil. Er hat seinen Ursprung in dem Dorf Chenjiagou in der Provinz Henan in Zentralchina. Der Familiengeschichte nach begann Chen Wangting (ca. 1600-1680), Boxformen zu kreieren, die kampfkünstlerische Elemente mit gymnastischen und meditativen Aspekten zur ganzheitlichen Stärkung und Körperkräftigung verbinden. Beeinflusst wurde er hierbei anscheinend von den militärischen Ausführungen des berühmten Generals Qi Jiguang und von daoistischen Konzepten, da er sich ausdrücklich auf den daoistischen „Klassiker vom Gelben Hof“ von Wei Huacun berief. Einige zentrale Ideen des Chen-Stils finden sich Chen_Changxingbereits in seinem „zusammenfassendem Lied des Boxkanons“, wie zum Beispiel die wickelnde Kraft (chanrao). Die Boxformen wurden im Chen-Klan weitergegeben, bis Chen Changxing (1771–1853) sie der Erzählung nach reformierte und zu zwei Hauptformen zusammenfasste: eine „Erste Form“ (yilu) und eine „Zweite Form“ (erlu). Die „Erste Form“ beinhaltet etwas ruhigere Techniken und dient dem Aufbau einer guten Körperstruktur und -mechanik, die „Zweite Form“ umfasst hingegen mehr explosive Anwendungen (fali), viele Sprünge und kräftiges Fußstampfen, weswegen sie den Beinamen „Kanonenfaust“ (paochui) trägt. Die Stile der Familien Yang, Wu/Hao, Wu und Sun können allesamt entweder auf Chen Changxing oder aber zumindest auf die nahe Umgebung Chenjiagous zurückgeführt werden.

chenzhaokui-zhaopi_klDer Chen-Stil wird heutzutage in zwei unterschiedliche Richtungen eingeteilt: den „Großen Rahmen“ nach Chen Changxing und den „Kleinen Rahmen“ nach Chen Youben (1780–1858). Der „Große Rahmen“ ist gegenwärtig etwas populärer und wird noch einmal unterschieden in eine Tradition nach Chen Zhaopi (1893-1972) sowie eine nach Chen Fake (1887–1957) und dessen Sohn Chen Zhaokui (1928-1981). Die Tradition nach Chen Zhaopi hat eine „Erste Form“ mit 75 Bewegungen und eine „Zweite Form“ mit 43 Bewegungen, die nach Chen Fake und Chen Zhaokui eine „Erste Form“ mit 83 Bewegungen und eine „Zweite Form“ mit 72 Bewegungen. Wie es zu diesen Unterscheidungen kam, soll hier nicht weiter erörtert werden. Grundsätzlich haben alle „Rahmen“ sehr ähnliche Choreografien, so dass eine klare Verwandtschaft festzustellen ist. Es gibt immer wieder Diskussionen, welche dieser Richtungen die älteste Variante darstellt. Dieses ist heutzutage allerdings nicht mehr klar auszumachen (vgl. Ranné, 2011).

Bewegungsführung im Chen-Stil

Seidenspulen, SeidenübungenChen-Stil Taijiquan beinhaltet mehrere wichtige Bewegungskonzepte. Neben den auch explosiven Anwendungen und der „Verbindung von hart und weich“ (chin. gangrou xiang ji) ist vor allem die kontinuierliche Ausführung von spiraligen Bewegungen ein Markenzeichen dieses Stils, um so die „Zentrale Energie“ des Körpers stetig beizubehalten und diesen doch strukturiert zu bewegen. Diese Art der Bewegungsführung wird „seidenspulende Kraft“ (chin. chansijin) genannt (vgl. z. B. Chen Zhaokui, 2005; Gu Liuxin, 2005, S. 24ff.) und je nach Rotationsrichtung in gegenläufiges oder mitläufiges Seidenspulen unterteilt. Werden die Bewegungen explosiv ausgeführt, bezeichnet man sie als „Fajin“ oder „Fali“: das „Ausstoßen von Kraft“. Zusätzlich spielen im Chen-Stil Aspekte der „inneren Arbeit“ (chin. neigong) eine große Rolle. Diese umfassen das Ausrichten des Blickes und des Gehörs, das Lenken der Aufmerksamkeit und die Kultivierung der Vitalität in genauer Koordination mit den Körperbewegungen. Zweck dieser Arbeit ist die „Harmonisierung von innen und außen“ (chin. neiwai heyi).

Chen ZhaokuiDie Bauchregion, die den oberen und unteren Körper des Menschen verbindet, wird traditionell „Zinnoberfeld“ (chin. dantian) genannt. Sie spielt bei der Verbindung von innen und außen sowie oben und unten eine wichtige Rolle: „Die Kraft des Dantian bewegt sich bis in die vier Extremitäten, die Schulter führt den Ellbogen, der Ellbogen führt die Hand; der Hüftknochen führt das Knie, das Knie führt den Fuß, [dabei] ausatmen und die Kraft aussenden ([also] den Schwerpunkt absenken [und] die Kraft nach vorne werfen)…“ (aus dem Chinesischen von Gu Liuxin, 2005, S. 25). Im Rahmen dieser Körperarbeit und der ganzkörperlichen Bewegungsführung wird teilweise eine sogenannte „gegenläufige Bauchatmung“ notwendig, die allerdings im direkten Unterricht erläutert werden muss.
Der Sohn Chen Zhaokuis, Chen Yu, gibt die Anforderungen im Taijiquan folgendermaßen wieder: „Das Chen-Stil-Taijiquan stellt bezogen auf die Koordination aller Körperteile und ihrer Positionierung sehr spezifische Anforderungen. Beispielsweise die aufrechte Haltung ohne Neigung in irgendwelche Richtungen, das Einbehalten der Brust, das Aufziehen des Rückens, das Sinken der Schultern, das Fallen der Ellbogen, das Aufrichten des Steißbeins usw. usf. Gleichzeitig müssen Schritt, Hüftbereich und Knie ebenfalls spezifischen Anforderungen genügen: […] das Kniebeugen wird betont, der Schrittbereich gerundet und der Hüftbereich geöffnet“ (2007, S. 85). Sein Vater, der wohl wichtigste Vertreter des „Großen Rahmens“ in der 18. Generation der Chen-Familie, fasste hierfür acht grundlegende Anforderungen eines äußerlich korrekten Trainings zusammen, die stets beachtet werden müssen:

1. Die aufrechte Körperhaltung stellt die wichtigste Voraussetzung dar; sie beinhaltet, dass die Knie leicht gebeugt werden, aber nicht über die Fußspitzen ragen sollten, dass der Schrittbereich gerundet ist, der Hüftbereich gesunken, die Brust zurückgehalten, der Oberkörper aufrecht, der Scheitelpunkt wie aufgehangen, die Schultern gesunken, die Ellbogen hängen, das Qi sinkt, die fünf Finger greifen leicht, das Zentrum ist stabil und man hält sich in alle acht Richtungen aufrecht

2. Start-, Endpunkt und Verlauf jeder Bewegung müssen klar sein

3. [Korrekte] Handhaltung und -methode: vor allem das mit- und gegenläufige Seidenspulen der Arme und die Richtungswechsel der Bewegungen

4. [Korrekte] Schrittarten und -methoden: besonders das Seidenspulen in den Beinen und Füßen und die Positionen von Auf- und Abbewegungen

5. Das Öffnen und Schließen von Brust und Taille: Rotationsrichtungen von Brust und Taille, Winkel und Wechsel des Öffnen und Schließens

6. Das Drehen des Zentrums: beinhaltet das Bewegen des Schrittbereichs hinten herum in einem Bogen und die Gewichtung des Zentrums nach links oder rechts […] und das Kippen und Senken des Gesäßes, welches dem Zentrum folgt

7. Die [korrekte] Blickrichtung der Augen und ihr Ausdruck

8. Die Koordination des Atems mit den Boxpositionen

(aus Ranné, S. 15, Original aus dem Chinesischen nach Ma Hong, 1998, S. 356).

Das Übungssystem

Die praktischen Übungen des Chen-Stil Taijiquan gliedern sich in das Formentraining (chin. taolu), das Stellungstraining (chin. danshi), zudem in Partnerübungen, meist als „Schiebende Hände“ (chin. tuishou) bezeichnet, sowie in die Waffen- und Gerätepraxis (chin. qixie). Die Kampfanwendungen werden innerhalb der Handformen unter anderem mithilfe der traditionellen acht Taijiquan-Techniken trainiert. Anwendungsbezogen gliedert man sie üblicherweise in Schlag-, Tritt-, Wurf-, Greif- und Hebel-Techniken.

Auszug aus dem Stammbaum der Chen-Familie

Der folgende Auszug aus dem Stammbaum der Chen-Familie dient dazu, eine Übersicht über die in diesem Text behandelten Personen zu liefern. Er soll nicht den Anschein erwecken, erschöpfend zu sein. Es gibt diverse Abstammungslinien und bedeutende Vertreter, die hier leider aus Platzgründen nicht aufgeführt werden.

Auzug_Stammbaum Chen Stil Taijiquan

Literatur:
Chen Xin. (2007). Chenshi taijiquan tushuo. Taiyuan: Shanxi kexuejishu chubanshe.
Chen Yu. (2007). Rumen taolu ershiba shi. Beijing: Zhongguo Chen Zhaokui taijiquan she.
Chen Zhaokui. (2005). Erläuterung zur seidenspulenden Kraft im Chen-Taijiquan. Erhältlich: www.wuhun.de/202p29chansijin.pdf [2009, 19. Mai]
Chen Zhenglei, Chen Bin, Xin-Hu Zhang, Bissell, G. & Lu Clarence. (2003). Chen Style Taijiquan, Sword and Broadsword. Zhengzhou: Tai Chi Centre.
Feng Zhiqiang & Chen Xiaowang. (1984). Chen style Taijiquan. Hong Kong: Hai Feng Publ.
Gaffney, D. & Sim, D. S. (2009). The Essence of Taijiquan. San Francisco: blurb.
Gu Liuxin. (2005). Paochui: Chenshi taijiquan di erlu (reprint). Beijing: Renmin tiyu chubanshe.
Ma Hong (1998). Chen Tai Ji Quan, Quan Fa, Quan Li. Beijing: Beijing Tiyu Daxue Chubanshe.
Ranné, N. (2011). Die Wiege des Taijiquan. Logos: Berlin. Erhältlich: www.ctnd.de/shop.
Silberstorff, J. (2003). Chen. München: Ludwig, W., Buchverlag GmbH.
Stubenbaum, D. (2005). Chen Peishan. Xiaojia, der kleine Rahmen des Chen Stil Taijiquan. Cultura Martialis, (5), 10-23.
Autor: Nabil Ranné

Fotos: Nabil Ranné