Das Unsichtbare sichtbar machen

oder

Wie Laozi mir bei der Suche nach neuen Taiji-Räumen geholfen hat

VS_Karten_72dpiDas Daodejing ist ein faszinierendes und gleichzeitig schwer zu ergründendes Werk und seine Relevanz für unsere Übungspraxis und unseren Alltag ist für viele nur schwer erkennbar. Isolde Schwarz hat Meditationskarten entwickelt, die Ausschnitte aus dem Daodejing mit Bildern verbinden und dadurch einen intuitiven Zugang zu den Weisheiten eröffnen. Nachdem sie bereits seit Jahren in ihrem Taijiquan- und Qigong-Unterricht mit diesen Karten arbeitet, setzt sie sie nun aus eigener Erfahrung gezielt ein, um in schwierigen Situationen Unterstützung zu erhalten.

Für meinen Workshop im Februar beim diesjährigen Netzwerk-Symposium „Die Spirituelle Dimension des Taijiquan und Qigong“ hatte ich mir das Thema „Was hat Entspannung mit Spiritualität und Laozi zu tun?“ vorgenommen, um zu erkunden, wie wir durch die Beschäftigung mit den Versen des alten Weisen größtmögliche Entspannung erreichen können. Ich wollte Möglichkeiten aufzeigen, unsere Bewegungskünste zur Erschließung des eigenen spirituellen Weges und zur Verfeinerung und Stärkung unseres Geistes zu nutzen.
„Die eins mit dem Dao sind, können gefahrlos gehen, wohin sie wollen.
Selbst mitten in großem Leid nehmen sie den allumfassenden Einklang wahr,
weil sie Frieden in ihrem Herzen gefunden haben.“
Daodejing Vers 35
Anfang Januar kam ich gut erholt aus meinem Weihnachtsurlaub zurück und fand bei meiner Ankunft zu Hause die Kündigung für die Räume meiner Taiji-Gruppen zu Ende April vor. Seit über 20 Jahren befinden sie sich in den Räumen, Schüler und Schülerinnen kommen seit Jahren zu festen Zeiten in fortlaufenden Gruppen, die Basis meines Lehrens sind. Drei Monate Zeit also, einen oder mehrere geeignete und schöne Räume zu finden, möglichst in der Nähe des alten, möglichst zu gleichen Zeiten, um möglichst keine Schüler zu verlieren.
Ist es ein Glück oder ein Unglück? Man weiß es nicht …
Die Nachricht hat mich im ersten Moment doch ziemlich erschüttert. Aber schnell gewann das „man weiß es nicht“ aus der chinesischen Geschichte vom Bauern im Glück oder Unglück die Oberhand. Und schlagartig wurde mir auch klar, dass ja genau dies das Thema meines Workshops war: Hatte ich nicht im Programmtext geschrieben, „es wird größtmögliche geistige und psychische Entspanntheit von uns gefordert, die zulässt sich dem Unendlichen hinzugeben?“ Eines meiner Lieblingszitate angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens stammt von der buddhistischen Lehrerin Pema Chödron:

„Sobald wir bereit sind, die Hoffnung aufzugeben,
dass Unsicherheit und Schmerz jemals beseitigt werden können,
entwickeln wir den Mut,
uns in der Bodenlosigkeit unserer Situation zu entspannen.
Das ist der erste Schritt auf dem Pfad.“
(Pema Chödron: Wenn alles zusammenbricht, Arkana Goldmann 2001, S. 65)

Wenn ich über diesen Satz meditiere, wird mir zwar ganz schwindelig, andererseits weiß ich aber, dass das Leben genau so ist, und frage mich gleichzeitig: Wie soll Entspannung in einer solchen Situation funktionieren? Antwort und Hinweise für die Praxis und das Einüben finde ich bei Laozi:
„Kannst du regungslos verharren,
bis die richtige Handlung sich von selbst ergibt?“
Vers 15
In den allerersten Stunden meines Taiji-Lernens wurde uns gesagt, dass das Daodejing neben dem Yijing der Grundlagentext der daoistischen Bewegungskunst sei. Leider war das die einzige Information, die wir erhielten, und ich konnte mit dem Buch lange Zeit nichts anfangen, auch wenn ich immer mal wieder hineinschaute und Zeilen las wie diese:
„Himmel und Erde sind unbarmherzig;
Sie sehen die Dinge als Opferstrohhunde.“
Vers 5 (Übersetzung von Gia-Fu Feng und Jane English, Hugendubel 1989)
Ich konnte mir nicht vorstellen, was Opferstrohhunde mit Taiji zu tun haben sollten, wenn mir auch das Wort nicht mehr aus dem Kopf ging. Erst Jahre später als Schülerin von Chungliang Al Huang begannen sich mir die Koans, wie er die kryptischen Verse gern bezeichnete, allmählich zu erschließen. Inspiriert durch mein über zehnjähriges intensives Studium seines Lehrsystems, in dem Taiji, Kalligraphie, Poesie und Philosophie eng miteinander verwoben sind, entwickelte ich eigene Wege, mich den philosophischen Rätseln des Daodejing über die mir inzwischen vertraute Meditation und Bewegung anzunähern. Ich beschäftige mich viel und gern mit Bildern, werde von ihnen tief berührt, so dass die Verbindung Daodejing – Bilder – Bewegung nahelag. Im Laufe der Jahre entstanden aus dieser Arbeit die Daodejing-Meditationskarten und ein System zur kreativen Anwendung dieses Werkzeugs in Meditation und Bewegung.
„Öffne dich dem Dao
Und vertraue auf deine natürlichen Reaktionen;
Dann fügt sich eins ins andere.“
Daodejing Vers 23
Laozi beschreibt das Dao, die sich entfaltende Kraft, die im gesamten Universum wirksam ist, und De, die persönliche Kraft, die entsteht, wenn man sich im Einklang mit dem Dao bewegt. Er lädt ein, mit dem Universum in Dialog zu treten – nur: Wie kann das in die Praxis umgesetzt werden? Welche Methode kann ich anwenden, um diesen Dialog zu eröffnen und zu vertiefen?
Auch bereits ohne viel von dem Text zu verstehen, nahm ich wahr, dass etwas in diesen Worten in Resonanz mit meiner Seele ging, dass sie berührt wurde von etwas Unfassbarem, Unsagbarem. Ein ähnliches Gefühl stellt sich ein, wenn ich bestimmte Bilder betrachte: Etwas in mir wird berührt, fern jeglicher Worte, und dennoch tief berührt. Was lag da näher, als diese beiden „Ausdrucksweisen der Seele“ zusammenzubringen, auf dass sie sich gegenseitig ergänzten. Ich entwickelte Bilder, die den jeweiligen Versen entsprechen, und kombinierte die beiden. Diese so entstandenen Bildkarten können für eine ganz persönliche Arbeit mit dem eigenen sinnlichen Erleben und Bewegen genutzt werden.

Bild – Text – Bewegung

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»Ein guter Reisender hat keine festen Pläne und er ist nicht erpicht darauf anzukommen. Ein guter Künstler lässt sich von seiner Intuition leiten, wohin immer sie will. Ein guter Wissenschaftler hat sich von Theorien befreit und hält seinen Geist offen für das, was ist. Demgemäß sind die Meister für alle Menschen da und weisen niemanden zurück. Sie nutzen alle Situationen und verschwenden nichts. Das nennt man Verkörpern des Lichts. Was ist ein guter Mensch anderes als der Lehrer eines schlechten? Was ist ein schlechter Mensch anderes als die Aufgabe eines guten? Wenn du dies nicht begreifst, gerätst du auf Irrwege, wie intelligent du auch bist. Es ist das große Geheimnis.« Daodejing Vers 27

Im Folgenden möchte ich einige Anregungen für die praktische Arbeit mit den Daodejing-Karten geben. Sie können sowohl allein als auch in der Gruppe angewendet werden. Bei der gemeinsamen Gruppenarbeit ist es für mich immer sehr inspirierend zu sehen, wie individuell jedeR einzelne einen Zugang zu Bild, Text und Bewegung findet, wenn Raum, Zeit und Vertrauen da sind, sich einzulassen und durch das Tor hindurchzugehen:
„In der freien chinesischen Landschaft steht ein Tor. Es markiert nicht eine, wie immer geartete Besitzgrenze noch sonst eine materielle Linie. Vielmehr ist sein Sinn der, dass der Wanderer im Hindurchgehen und Hindurchschauen der stets gebotenen eigenen Wandlung und Läuterung gedenkt. Der irdische Weg hier sei der Weg der Läuterung. Verlasse dein Ich wie durch ein Tor. Tritt ein in dein höheres Selbst wie durch ein Tor. Um die Bezeugung dieses Sinnes geht es bei allem, was Pforte, Tür, Durchgang, Tor, Portal ist.“
(Hugo Kükelhaus: Dennoch heute, in Hanna Moog (Hrsg.): Leben mit dem I Ging: Erfahrungen aus Kunst, Therapie und Alltagspraxis, Diederichs Gelbe Reihe 1996, S. 28)

Glück oder Unglück

Ein armer alter Bauer besaß nur ein einziges Pferd, und dieses lief ihm eines Tages davon. Seine Nachbarn drückten ihr Bedauern über sein Unglück aus, aber der alte Mann sagte:
„Ist es ein Unglück? Man weiß es nicht!“
Einige Zeit später kam das Pferd zurück, aber nicht allein; eine Schar wilder Pferde hatte sich ihm angeschlossen. Die Nachbarn beglückwünschten den alten Mann zu seinem unerwarteten Glück, doch dieser sagte:
„Ist es ein Glück? Man weiß es nicht!“
Der Sohn des Mannes suchte sich das schönste der wilden Pferde heraus und begann es zuzureiten. Das Pferd warf ihn ab und der Sohn brach sich ein Bein. Natürlich kamen die Nachbarn gelaufen und waren entsetzt über das Unglück, fehlte dem Mann doch jetzt die helfende Hand seines Sohnes. Doch der Alte sagte nur:
„Ist es ein Unglück? Man weiß es nicht!“
Nicht lange danach brach ein Krieg aus und alle jungen Männer wurden zum Wehrdienst eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes durfte zu Hause bleiben, denn mit seinem lahmen Bein taugte er nicht zum Krieg …
Liezi (Liä Dsi, Lieh-tzu, Liä-Tse, um 450 v. Chr.)

Ich möchte einladen, durch das Tor zu treten und über die Bilder die Seele berühren zu lassen – auch wenn die Worte noch nicht erschienen sind! Kontemplation mit Bild und Textauszügen sind eine Methode, uns auf der Gefühlsebene zu öffnen, Intuition und Vertrauen zu stärken. Ist das einmal eingeübt, kann das Gefühl anhand des Bildes immer wieder schnell abgerufen werden.
Am Anfang einer Stunde liegen die Karten in der Mitte des Kreises ausgebreitet, so dass die Bilder der Vorderseite gut sichtbar sind. Alle GruppenteilnehmerInnen werden eingeladen, sich eine Karte auszusuchen. Mögliche Themen in einer Taiji-Gruppe könnten hierfür sein:

  • Welches Bild drückt für mich die Taiji-Prinzipien aus?
  • Welches Bild entspricht meiner momentanen Situation?
  • Was wünsche ich mir von dieser Taiji-Stunde?
  • Welches Bild verkörpert das Prinzip des Wuwei?
  • Welches Bild berührt mein Herz?
  • Am Anfang des Jahres: Ich wünsche mir einen persönlich hilfreichen Impuls für dieses Jahr!

Nachdem alle ihre Karte gefunden haben, vertiefen sie sich so in das Bild, dass es während der darauffolgenden Meditation leicht vor dem inneren Auge abgerufen werden kann. Dann, nachdem wir still geworden sind, aufrecht und entspannt, betreten wir durch ein goldenes Tor unseren inneren Raum, wir treten ein in das Bild, die Situation der Karte …

„Öffnest du dich der Einsicht, so bist du eins mit der Einsicht
und kannst sie vollständig anwenden.
Öffnest du dich dem Verlust,
so bist du eins mit dem Verlust
und kannst ihn vollständig hinnehmen.“
Daodejing Vers 23

Kraftquelle Zentrierung

So befand ich mich in Vorbereitung des Workshops und der gleichzeitigen fieberhaften Suche nach einem neuen Raum für meine Taiji-Gruppen mit all den damit einhergehenden Höhen und Tiefen, Aufregungen und Verunsicherungen. Deutlich spürbar waren für mich in dieser Zeit meine Erdung und Zentrierung als Kraftquelle in verschiedenen Situationen, so zum Beispiel nach einem Telefonat, in dem als sicher gemietet scheinende Räume eine Woche vor dem Umzug abgesagt wurden und ich ohne Alternative dastand. Statt mich lange mit dieser Enttäuschung aufzuhalten, konnte ich bewusst meine Kräfte bündeln und auf die erneute Suche ausrichten.
Es war in Situationen wie dieser leicht zu erkennen, wie das Umschlagen der Gedankenmuster in Ängste und Unruhe zu Kraftverlust führte, während die Ausrichtung auf die Möglichkeiten, die ein Neubeginn in neuen Räumen mit sich bringen würde, Freude und Energie hervorbrachte. Gleichzeitig stellte ich in Gesprächen mit anderen Menschen vielfach fest, dass kaum jemand meine Gelassenheit angesichts dieser unsicheren Situation nachvollziehen konnte. Mir war klar, dass meine langjährige Taiji- und Meditationspraxis mit dem Zusammenspiel aus Bewegung, Kontemplation und dem Studium der klassischen Texte diese innerer Kraftquelle nährte.
Daher erschien es mir jetzt naheliegend, diese Erfahrung in die Arbeit mit den Versen des Daodejing einfließen zu lassen. Ich entwickelte die Idee der Auseinandersetzung mit den Bildkarten weiter zur Anwendung in einer aktuell schwierigen Situation, um in Kontakt mit den eigenen heilsamen Kräften zu kommen. Im Wissen, dass eine natürliche Kraftquelle mit ihren heilsamen Qualitäten bereits in jedem von uns vorhanden ist, müssen wir nur Mittel und Wege finden, um die Verbindung zu ihr herzustellen. Dieser Weg führt von außen nach innen:
„Die äußere Kraftquelle weckt die innere und aus ihr entsteht der Zugang zur spirituellen – als Fluss einer Bewegung von außen nach innen. Das Geschehen ist dynamisch und erfasst den ganzen Menschen. Es verändert die Sicht auf die Situation, die bewältigt werden muss.“
(Lisa Freund: Das Unverwundbare, O. W. Barth 2011, S. 78)
Die Bildkarten selbst sowie die darauf zu sehenden Elemente sind die äußere Kraftquelle, die zur Erschließung der inneren genutzt wird. So kommt jedeR über das jeweils individuell ausgewählte Bild in Kontakt mit den eigenen Heilkräften.

Anregung für die Praxis

Vorbereitung
Am Anfang einer Stunde mit den Daodejing-Karten könnte nun die Einladung stehen: „Erinnere dich an eine vergangene oder aktuelle Situation, die dich verunsichert, beunruhigt, ängstigt, angespannt hat und für die du dir Unterstützung und/oder Trost wünschst. Schau nach einem Bild, das dir hilft oder das für die jeweilige Situation steht. Dann wähle die entsprechende Karte aus.“ Einige Sätze als Anregung:
– Was unterstützt mich in dieser Situation Song/Entspannung zu erlangen?
– Was könnte mein Ruhepol sein?
– Welches Bild geht in Resonanz mit meiner Seele?
– Welche Karte drückt meine Situation aus?
– Welches Bild strahlt wohltuende Heilkräfte auf mich aus?
Schau dir dein Bild sehr genau an. Erst dann wende die Karte und wähle das Wort oder (höchstens) den einen Satz aus, der dir ins Auge springt. An dieser Stelle ist es ratsam, nicht den ganzen Text zu lesen und auch das Wort nicht bewusst auszuwählen, sondern die Auswahl dem Zufall zu überlassen, im Vertrauen darauf, dass die richtige Stelle erscheint. Wenn der gesamte Vers später gelesen wird, wird er sich durch die intensive Auseinandersetzung mit dem kurzen Stück ganz anders erschließen.

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»Die Meister aus alter Zeit waren tiefschürfend und scharfsinnig. Ihre Weisheit war so unergründlich, sie lässt sich gar nicht beschreiben; das Einzige, was wir beschreiben können, ist das Erscheinungsbild jener Alten. Sie waren vorsichtig wie jemand, der einen zugefrorenen Bach überquert.Wachsam wie ein Krieger in Feindesland. Höflich wie ein Gast. Wandlungsfähig wie schmelzendes Eis. Formbar wie ein Holzblock. Aufnahmefähig wie ein Tal. Klar wie ein Glas Wasser. Hast du die Geduld zu warten, bis dein Schlamm sich setzt und das Wasser klar ist? Kannst du regungslos verharren, bis die richtige Handlung sich von selbst ergibt? Die Meister streben nicht nach Erfüllung. Ohne Streben, ohne Erwartung sind sie immer bereit und heißen alle Dinge willkommen.« Daodejing Vers 15

Kontemplation
Hat jedeR eine Karte ausgewählt, beginnt die Kontemplation: Von außen nach innen gehend vertiefe dich in das Bild und lass es vor deinem inneren Auge präsent und lebendig werden. Mach dir die positiven Eigenschaften des Bildes bewusst und schau, welche positiven Gefühle sie in dir erzeugen. Verweile so lange bei dem Bild und dem angenehmen Gefühl, bis du seine heilende und wohltuende Kraft spürst. Verstärke dieses wohltuende Gefühl und lass es durch deinen ganzen Körper strömen.
Nach einiger Zeit lass das Wort oder den kurzen Satz wie aus weiter Ferne erklingen und lausche wie auf ein fernes Echo, ohne darüber nachzudenken.
Lass allmählich Bild und Wort zusammenfließen und konzentriere dich auf das nährende heilsame Gefühl. Verweile so lange, bis du die heilende Kraft oder wohlige Wärme im ganzen Körper spürst. Ist das Gefühl präsent, kann das Bild vergessen werden …

Bewegung
In kleinen Gruppen oder einzeln verteilen sich danach alle SchülerInnen im Raum und nehmen eine ihnen bekannte stille Standhaltung ein. In Ruhe stehend, Augen eventuell geschlossen, erinnere dich an dein Bild und das Wort und lass sie den Körper allmählich in Schwingung bringen. Schau, welche Bewegung sich zeigt, wenn du die Erlaubnis gibst und der Schwingung folgst, bis sie immer klarer und deutlicher wahrnehmbar wird. Der Körper wird in Resonanz gehen, lass es geschehen und beobachte. Beobachte, welche Bewegung am stärksten wird, und wiederhole diese wieder und wieder, bis du schließlich ganz und gar mit ihr eins geworden bist …
Eine Bewegungserfahrung mit dem Bild „Tiegel“ und dem Wort „Leere“ (aus Vers 11): Nach einigen Minuten in der Standmeditation beginnen meine Arme sich allmählich zu heben. Ich lasse die Bewegung zu und beobachte, wohin sie mich führen wird. Meine Arme steigen langsam sehr weit nach oben bis über den Kopf und sinken dann zurück bis auf Schulterhöhe, die Arme vor dem Körper gerundet, die Handflächen zum Brustkorb zeigend. Hier kommen sie einen langen Moment zur Ruhe und beginnen dann ein zartes Zusammenziehen und Ausdehnen, dem sich mein Atemrhythmus ganz natürlich anpasst. Durch diese feinen pulsierenden Bewegungen entsteht im ganzen Körper ein Gefühl der Weite und Dehnung. Ich spüre das unsichtbare Rund der Leere, das die Arme formen, diese „Leere“ ist sehr präsent und lebendig und lässt ein Gefühl des Vertrauens in mir entstehen. In der anschließenden Meditation sind meine hustengeplagten Lungen erfüllt von Leere und Weite und können sich erholen …

Erfahrungen aus einer Taiji-Stunde mit dem Daodejing

In dieser Stunde haben wir alle eine Karte zu der Frage nach einer angstvollen, schwierigen Situation ausgewählt. Nadine hat spontan den Eindruck, sie fühle sich fast genauso erdrückt wie der Kopf vom Baum des Bildes von Vers 15. Sie wundert sich, dass sie dennoch zu genau dieser Karte greift. Während der Kontemplation über das Bild erkennt sie, dass der Kopf lächelt und dass er statt erdrückt eher umschlungen und gehalten wird. Nadine fühlt danach ein tiefes Einverständnis mit ihrem Satz: „Die Meister streben nicht nach Erfüllung … sie heißen alle Dinge willkommen!“
Karin wünscht sich auch in schwierigen Situationen Humor, das muss doch gehen! Dann hat sie aber Probleme, eine Bewegung zu finden, und meint „ausgerechnet zu dieser Karte sei es besonders schwierig“. Nach einigem Stocken erkennt sie jedoch, dass sie sich tatsächlich in genau so einer Situation befindet, für die sie sich Humor gewünscht hat! Nun stellt sie mit Laozi lachend fest:
„Wenn ein Törichter vom Dao hört, lacht er laut heraus. Würde er nicht lachen, wäre es nicht das Dao!“
(Vers 41)

Margret wählt den leuchtend orangen Sonnenuntergang, weil sie sich Licht wünscht. Beim Lesen der Worte, die ihr ins Auge springen, ist sie jedoch erschrocken, denn da steht: dunkel und unergründlich! In der Meditation sieht sie sich selbst dann auf einem Floß auf dem Lichtstreifen aus dem Dunkel heraussegelnd und kann am Ende das „Unergründliche“ als unergründlich akzeptieren. (Vers 21)
Sibylle rätselt über den Worten:
„Schau – und es ist nicht zu sehen. Horch – und es ist nicht zu hören. Greif – und es ist nicht zu fassen … Bilder ohne Bilder …“
aber dann zum Glück:
„… nähere dich ihm“!
Sie sagt: „Ich kann es zwar nicht kennen, auch nicht verstehen, aber mich ihm nähern. Da ist kein Anfang und kein Ende – so ist es doch hier in unserer Form auch, oder? Kein Anfang, kein Ende!“ Erleichterung!
Und was sagt das Daodejing mir inmitten von Chaos und Unsicherheit während der nach wie vor erfolglosen Suche nach einem Raum, kurze Zeit, bevor wir umziehen müssen, ohne zu wissen wohin?
„Bevor noch ZEIT und RAUM bestanden –
Seitdem besteht das Dao schon!“
Daodejing Vers 21

VS_Karten_72dpiAlle Daodejing-Zitate ohne Angabe aus:
Isolde Schwarz: Dao De Jing, Meditations- und Übungskarten,
TQJ-Verlag 2014
Die Übersetzung stammt von Stephen Mitchell (deutsch von Peter Kobbe) aus Laotse: „Tao Te King. Eine zeitgemäße Version für westliche Leser“, Goldmann 2003

Autorin: Isolde Schwarz 
ist Sozialpädagogin und unterrichtet Taiji- und Qigong seit 25 Jahren im „Taiji-Weg“ in Berlin – mittlerweile in neuen schönen Räumen, die in den letzten Apriltagen gefunden wurden. Zu Taiji und Qigong kamen im Laufe der Jahrzehnte Philosophie, daoistische Energiearbeit, daoistische und buddhistische Meditation hinzu. Zusammen mit Dietlind Zimmermann bietet sie in der „Bewegten Philosophie“ Taiji- und Qigong-Reisen ans Meer und in die Berge an.

Fotos: Isolde Schwarz