Laozi

Laozi (Laotse), der verborgene Weise

Laozi
Laozi

Neben Konfuzius ist Laozi – sein Name bedeutet „alter Meister“ –  eine der berühmtesten Figuren der chinesischen Philosophie. Im Gegensatz zu Konfuzius weiß man über das Leben des Laozi so wenig, dass oft angenommen wird, es habe Laozi gar nicht gegeben. Die berühmteste Geschichte über Laozi erzählt uns, er sei im 6. Jh. v. Chr. Archivist am Hofe der Zhou gewesen. Unzufrieden mit dem Zustand der Regierung trat er von seinem Posten zurück und verließ auf einem schwarzen Ochsen reitend das Land. Beim Überschreiten des Hangu-Passes bat der Passwächter Yin Xi ihn, etwas Schriftliches zu hinterlassen. Laozi stimmte dem Wunsch zu und schrieb auf der Stelle das Daodejing (Taoteking). Daraufhin setzte er seine Reise fort und niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Es gibt auch Erzählungen darüber, wie Konfuzius Laozi traf. Moderne Autoren gehen jedoch davon aus, dass die Person des Laozi eine Legende ist.

Der Klassiker vom dao und vom de (Daodejing)

Das Buch Laozi bzw. Daodejing, das oft auch als „der Text der 5000 Zeichen“ bezeichnet wird, unterteilt sich in 81 kurze Kapitel. Die Kapitel sind teils in gebundener, teils in freier Sprache formuliert. Der Inhalt fasst Weisheitssprüche, Lehren vordaoistischer Schulen, gereimte Aphorismen verschiedener kleiner daoistischer Gruppen und Gedankengut anderer zu gleicher Zeit existierender Philosophenschulen zusammen. Die Sammlung scheint langsam entstanden zu sein und hat wohl erst spät ihre endgültige Form erhalten. Im 3. Jh. n. Chr. versetzte Wang Bi das Buch mit einem eigenen Kommentar. Diese Niederschrift war für viele Jahrhunderte die älteste vollständige Version des Daodejing und diente den meisten Kommentatoren und Übersetzern als Standard.

Erst 1978 mit dem Fund der Seidentexte von Mawangdui sollten ältere vollständige Versionen des Daodejing zugänglich werden. Sie stammen aus der Zeit vor 179 v. Chr. und unterscheiden sich von der Standardversion dadurch, dass sie länger sind und keine Kapiteleinteilung haben. An manchen Stellen sind Sätze anders angeordnet und aufgrund zahlreicher zusätzlicher Zeichen ist die Grammatik präziser und der Inhalt klarer, als es bei Wang Bi der Fall ist.

Die Lehre vom dao und vom de

Das Wort dao ist eines der wichtigsten Fachwörter in der chinesischen Philosophie. Seine ursprüngliche Bedeutung war einfach „Weg“ oder „Pfad“, als Verb auch „einen Weg bahnen“ oder „führen“. Doch allmählich verbreiterte sich die Bedeutung von dao:

„Beginnend mit der ursprünglichen Bedeutung hat es schon seit alters her eine metaphorische Bedeutung angenommen, nämlich die, des „Weges des Menschen“, also die menschliche Moralität, Führung oder Wahrheit.“

(Fung, S. 177).

In dieser Bedeutung wird dao auch in konfuzianischen Texten verwendet, wo es dann oft als der „rechte Weg“ übersetzt wird.

In der Philosophie des Laozi wird die Bedeutung von dao wesentlich erweitert und unter zwei Gesichtspunkten betrachtet. Einerseits ist das dao das allgemeinste und grundlegende Ordnungs- und Bewegungsprinzip des Naturgeschehens. Damit wird der Gedanke der Einheit der Welt erstmals philosophisch abstrakt zum Ausdruck gebracht. Daodejing Kapitel 42:

„Das dao gebar das Eine.

Das Eine gebar die Zwei.

Die Zwei gebar die Drei.

Die Drei gebar die zehntausend Dinge.

Die zehntausend Dinge –

getragen vom yin, umfangen vom yang.

geeint werden sie durch das allumfassenden fließende qi.“

(Bödicker, 2013, S. 27)

Anderseits ist das dao etwas, zu dem der Mensch durch Versenkung in das innere Selbst gelangen kann, also eine Art individualethisches Prinzip, das auf Einsicht in den natürlichen Gang der Dinge beruht. Daodejing Kapitel 15:

„Wer das dao bewahrt, begehrt nicht Überfülle.“

(Laozi, S. 31)

Neben dem Wort dao, das sich im Daodejing 74-mal findet, ist der Begriff de, welcher 44-mal vorkommt, eines der Schlüsselkonzepte des Laozi. Der Begriff de hatte ursprünglich die Bedeutung „(wirkende) Kraft“ oder „Fähigkeit“. Im Konfuzianismus wurde daraus eine moralische Kraft, die in der Regel mit „Tugend“ übersetzt wird. De kennzeichnet den Edlen (junzi) und drückt sich in den fünf Grundtugenden (wude) Menschlichkeit (ren), Gerechtigkeit (yi), ritueller Anstand (li), Weisheit (zhi) und Vertrauenswürdigkeit (xin) aus. Im Gegensatz dazu ist de bei Laozi eine Kraft, die vom dao ausgeht. Es handelt sich hier also nicht um eine direkt bestimmbare moralische Kraft, sondern um eine Art höhere Kraft. Diese wirkt durch das Prinzip des Nicht-Handelns (wuwei). Daodejing Kapitel 38:

„Höhere Kraft [de] ist kraftlos –

gerade daher hat sie die Kraft“

(Möller, S. 31)

Das Nicht-Handeln (wuwei)

Das Nicht-Handeln bedeutet bei Laozi nicht Aktionslosigkeit, sondern vielmehr ein Handeln in Übereinstimmung mit dem dao. Daodejing Kapitel 37:

„Das dao ist beständig ohne Aktion (wuwei),

wodurch es nichts gibt, was nicht geschieht.“

(Kaltenmark, S. 95)

Im Sinne des Nicht-Handelns ist man nicht inaktiv, sondern begleitet das Reale während seines ganzen Ablaufs. Die Handlung verläuft damit „einfach so“ bzw. natürlich (ziran) und kann dadurch praktisch nicht mehr als Handlung ausgemacht werden. Dass es sich hierbei nicht um weltabgewandte Gedanken handelt, zeigt Laozi durch direkte Verhaltensanweisungen. Daodejing Kapitel 24:

„Wer sich selbst zur Schau stellt, erstrahlt nicht.

Wer sich selbst vorzeigt, ist nicht erhellt.

Wer sich selbst lobt, hat keinen Erfolg.

Wer sich selbst zu sehr gefällt, ist nicht von Dauer.“

(Möller, S. 198)

Wer mit der Fähigkeit des Nicht-Handelns handelt, der muss nur minimal Kraft einsetzen und erreicht trotzdem höchste Wirksamkeit. Dieses Handeln mit Leichtigkeit erreicht man vor allen Dingen dann, wenn man rechtzeitig handelt. Daodejing Kapitel 64:

„Was ruht ist leicht zu halten.

Was noch nicht ist, ist leicht zu lenken.

Was spröde ist, ist leicht zu teilen.

Was gering ist, ist leicht zu zerstreuen.

Handle, solange es noch nicht ist.

Regele, solange es noch nicht verwirrend ist.“

(Bödicker, 2005, S. 35)

Um dieses Ideal zu erreichen, ist es notwendig, sein Herz/Bewusstsein (xin) zu leeren und sich selbst zu kennen (zizhi). Man erlangt so eine Art intuitive Weisheit, die es einem ermöglicht, im Einklang mit dem dao zu handeln. Lernen und sich zu bilden, wie es bei Konfuzius geliebt wird, verliert hier seine Bedeutung.

Die geistesgeschichtliche Wirkung des Laozi

Laozi gilt als der Stifter des philosophischen Daoismus. In seinem Werk Daodejing entwirft er das Bild des Weisen, der durch Nicht-Handeln dem dao folgt. Durch seine Übereinstimmung mit dem dao ist sein Handeln von Leichtigkeit bei gleichzeitiger großer Wirksamkeit gekennzeichnet. Dieser Weise soll dem Individuum und insbesondere dem Herrscher als Vorbild dienen. Das Daodejing ist damit dem Einzelnen ein philosophischer Ratgeber zur weisen Lebensführung und bietet dem Regierenden ein staatstheoretisches Modell: eine gute Regierung ist eine solche, welche die Menschen nicht spüren. Dieses doppelte daoistische Gesellschaftsmodell sollte großen Einfluss auf die chinesische Geistesgeschichte haben.

Taijiquan und Laozi

Gemeinhin gilt Taijiquan als daoistische Kampfkunst. Interessanterweise aber ist das Fachvokabular des Laozi, wie z.B. dao, de oder wuwei in den fünf Kernklassikern nicht wiederzufinden. Und doch finden sich wesentliche Ideen des Laozi im Taijiquan wieder. Dies soll hier an zwei Beispielen dargestellt werden.

Das Prinzip der Weichheit

Mit der Einführung des wuwei-Begriffes entwickelt Laozi die Vorstellung, dass das Weiche das Harte besiegt. Daodejing Kapitel 78:

„Das Schwache besiegt das Starke.

Das Weiche besiegt das Harte.

Es gibt niemanden in der Welt, der das nicht wüsste,

Aber keinen der danach handelt.“

(Bödicker, 2005, S.37)

Dies ist sicherlich auch eine der zentralen Thesen des Taijiquan. Sie findet sich z.B. im „Klassiker des Taijiquan (Taijiquan jing)“ formuliert:

„Der andere ist hart, ich bin weich, das nennt man Mitgehen (zou).“

(Bödicker, 2013, S.11)

Die Einheit von Gegensätzen

Im Daodejing werden Erscheinungen als Paare von Gegensätzen verstanden. So heißt es z.B. in Kapitel 2:

YinYang Symbol„Alle auf der Welt wissen um die Schönheit des Schönen,

darum wissen sie auch um das Hässliche.

Alle wissen um die Güte des Guten,

darum wissen sie auch um das Böse.

Deshalb: Sein und Nicht-Sein bringen einander hervor,

leicht und schwer vollenden einander.“

(Moritz, S. 107)

Diese Gegensätze formen eine Einheit. Sehr ähnliche Gedankengänge finden sich auch im Taijiquan. So heißt es im „Klassiker des Taijiquan (Taijiquan jing)“:

„Einmal verborgen – einmal sichtbar.

Links schwer – links leer.

Rechts schwer – rechts leer.

Yin trennt sich nicht von yang.

Yang trennt sich nicht von yin.

Yin und yang ergänzen einander.

Das ist der Weg zum Verstehen der jin-Kraft.“

(Bödicker, 2013, S.11)



Literatur

Bödicker Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, Willich 2013

Bödicker, Freya und Martin, Philosophisches Lesebuch zum Tai Chi Chuan, Boedicker, Düsseldorf 2005

Fung Yu-Lan, A History Of Chinese Philosophy, Princeton University Press, Princeton 1952

Kaltenmark Max, Lao-Tzu und der Taoismus, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1996

Laozi, Hunan People´s Publishing House, Changsha 1999

Möller Hans-Georg, Hrsg., Laotse, Tao Te King, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1995

Moritz Ralf, Die Philosophie im alten China, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1990

Autor: Martin Bödicker

Fotos: Martin Bödicker und Taiji-Europa