Wu Wei

Wu Wei- Handeln durch Nicht-Handeln?

Kalligraphie "Wu Wei"

Handeln durch Nicht-Handeln? Bedeutet „Wu Wei“ gänzlich nichts zu tun? Heißt es, sich zurücklehnen und abwarten? Ist die Lehre von Wu Wei vielleicht eine Aufforderung zur Faulheit und Lethargie? Zumindest scheint das Handeln durch Nicht-Handeln immer wieder für solche oder ähnliche Missverständnisse zu sorgen. Dabei ist gerade das Gegenteil von Nichts-Tun gemeint. Wu Wei ist eine Handlungsmaxime, die nur durch einen entsprechenden Geisteszustand entwickelt werden kann, ansonsten wäre stets das Gegenteil der Fall. Doch was bedeutet das? Im Rahmen taoistischer Ansätze heißt die Forderung „Handeln durch Nicht-Handeln“ lediglich sich selbst zu bremsen und nur dann zu handeln, wenn diese Handlung tatsächlich notwendig ist – und zwar nicht notwendig im Sinne einer subjektiven Wertung der Gegebenheiten, sondern notwendig im Sinne des objektiven Weltgeschehens.

Wu Wei und das Erkennen, das alles ist, wie es ist

Wu Wei – Was bedeutet es für mein Leben?

Wu Wei und das Erkennen, das alles ist, wie es ist

Im Taoismus spielt die Idee vom Tao eine zentrale Rolle. Der Mensch hat seinem Tao zu folgen und die Welt als Ganzes ebenso. Dies suggeriert jedoch die Annahme, dass es etwas geben müsste, dass Nicht-Tao wäre bzw. außerhalb des Taos stehen würde. Wenn der Mensch dem Tao folgen kann, dann muss es – zumindest unserer Logik nach – auch einen Zustand geben, in welchem der Mensch dem Tao nicht folgen kann. Diese logische Erkenntnis ist aber selbst nur Teil des großen Ganzen. In Wirklichkeit gibt es kein Getrennt-Sein vom Tao. Es hat keinerlei Bedeutung, ob der Mensch glaubt, dem Tao zu folgen oder ihm nicht zu folgen, denn er folgt dem Tao – so oder so. Die dualistische Gegenüberstellung von Tao und Nicht-Tao ist Teil der menschlichen Natur.

Dieser erste notwendige Erkenntnisschritt führt unmittelbar zum zweiten. Denn wenn einmal die Erkenntnis gewachsen ist, dass es nie eine Trennung von irgendetwas gegeben hat, dann gibt es auch nichts, dem man folgen müsste oder das man erreichen müsste. Alles ist gut – genau so wie es im Moment ist. Und diese Erkenntnis wiederum zeigt, dass genau das, was ist, ist. Mögen die Gedanken noch so sehr dagegenhalten und immer wieder neue Möglichkeiten aufzeigen, wie etwas noch besser sein könnte. Ist es aber nicht! Das was ist, ist. Und genauso wie das, was ist, sind auch unsere Gedanken Teil dessen, was ist. Dies zu erkennen, führt unweigerlich zu der Einsicht, dass es nichts weiter bedarf außer dessen, was ist. Und das ist schon da. Also muss der Mensch nichts tun und gelangt durch das Handeln im Sinne des Nicht-Handelns zu innerer Ruhe.

Wu Wei – Was bedeutet es für mein Leben?

Zunächst bedeutet Wu Wei die Dinge, so wie sie sind, zu betrachten und sich mit subjektiven Deutungen und Wertungen zurückzuhalten. Würde man immer wieder alles und jeden in seine eigenen Deutungskategorien einsortieren, dann würde man sich immer mehr in seinem Denken verfangen und sich entweder in einen blinden Aktionismus stürzen, weil man glaubt, so vieles ändern zu müssen oder man würde vor der Welt resignieren, weil man sich heillos überfordert fühlen würde. Beide Extrema gilt es zu vermeiden. Dazu kann Wu Wei einen großen Beitrag leisten. Handeln durch Nicht-Handeln ist eine unweigerliche Folge der Einsicht in die Zyklen der Welt bzw. Natur. Sobald man sich von seinem ego-zentrierten Zustand gelöst hat und die ich-haften Gedanken als Teil des großen Weges annimmt, ohne sich in ihnen zu verfangen, dann lösen sich sämtliche Widersprüche, Ungereimtheiten oder Hindernisse in der Form auf, dass sie ihre Zeitlichkeit einbüßen. Sämtliche Vorstellungen werden über das Gedächtnis gebildet, weil sie sich auf Vergangenes berufen. Dadurch erfahren wir, sobald wir kategorisieren, werten usw., nie die Wirklichkeit als solche, sondern immer nur ein Abbild, mit welchem wir zufrieden sein können oder nicht. Sobald die gedankliche Wertung – wenn auch nur teilweise – gestoppt wurde, benötigen wir kein Abbild mehr, sondern sehen im Hier-und-Jetzt genau das, was ist und damit überlassen wir die Kontrolle einer „höheren Macht“. Wir brauchen nicht mehr zu tun, als das, was nötig ist, und das wird sowieso von uns getan, aber in einer passiven Weise. Es geschieht dann durch uns, aber nicht dank uns. Der Mensch bleibt also mit Wu Wei weiter tätig, aber die Qualität des Handelns ist eine andere.



Autor: Christoph Eydt

Kalligraphie: Wang Ning