Qi Gong im Einsatz bei Tinnitus

Was ist Tinnitus?

MeditationLinAls Tinnitus bezeichnet man „Hörempfindungen unterschiedlichster Art, die nicht durch eine Schallquelle außerhalb des Menschen erzeugt werden.“

Nach epidemiologischen Untersuchungen in westlichen Industrieländern haben

• 10-15 % der Erwachsenen (BRD ca. 5 Mio) zeitweilige, spontane Ohrgeräusche von mehr als 5 Minuten Dauer (manche sprechen von 30% aller Menschen)

• ca. 0,5 % der Erwachsenen (ca. 360 000 Personen), bei denen das Ohrgeräusch den Stellenwert einer eigenständigen Erkrankung mit einschneidender Beeinträchtigung von Lebensqualität durch Konzentrations- und Schlafstörungen, Depression und Angstreaktionen hat (chronisch komplexer Tinnitus).

Was ist Qi Gong (Taiji Quan)?

Qi Gong ist ein 1953 in der VR China gefundener Sammelbegriff für die in der chinesischen Tradition entwickelten Übungen zur Schulung der Lebenskräfte eines Menschen. Wörtlich: „Arbeit mit Lebenskräften“

Man spricht derzeit von über 1000 dokumentierten Übungssystemen (nicht Einzelübungen!) mit ganz unterschiedlicher Zielrichtung: Von spiritueller oder moralischer Entwicklung über Stärkung der Kampfkraft, Psychohygiene bis hin zu therapeutisch bei einem Krebsleiden eingesetzten Übungen.

Meist werden in Deutschland darunter langsame Bewegungsübungen zum allgemeinen Ausgleich und zur Gesundheitsförderung verstanden.

Taiji Quan ist eine seit dem 17. Jhdt. bekannte Kampfkunst, deren Übungen nach den gleichen Grundgedanken wie andere Qi Gong-Übungen arbeiten.

Wie kommt das zusammen?

Als Pädagoge M.A. beschäftige mich seit 1983 mit Qi Gong und Taiji Quan, seit 1988 hauptberuflich. Wie lernen Menschen was, und warum? Und was kann Qi Gong?

Im Mai 1998 bewarb ich mich nach einer Klinikserweiterung um eine Stelle als Taiji Quan & Qi Gong Lehrer und Therapeut für Integrative Bewegungstherapie an der Tinnitus-Klinik Bad Arolsen und blieb dort bis Ende 2002, später noch als Vertretung.




Zurück zum Anfang:

Wie kommt es, daß von der relativ großen Zahl von Menschen mit „Tinnitus-Erfahrung“ nur ein Teil nachhaltig unter Tinnitus leiden?

Was gelingt den einen und warum gelingt es den anderen nicht?

Nach allgemein anerkannter Ansicht ist ein Tinnitusleiden immer

  • individuell und hat eine
  • Vielfalt von Komponenten

Um einige der Komponenten erklären zu können möchte ich Sie weit zurück in die Vergangenheit der Menschheit führen, nach Duderstadt vor 5000 Jahren:

Stellen Sie sich vor:

Eine Sippe von Menschen sitzt an einem Tag wie heute am Lagerfeuer und ruht aus.

Es knackt.

Sofort geht die Aufmerksamkeit aller dort hin, erst die Köpfe, dann auch die Körper. Dies ist die „Was ist los-Reaktion“, die von der Eidechse bis zum Meerschweinchen alle Tiere beherrschen.

Dann folgt die Bewertung, die Emotion und die daraus folgenden Reaktionen:

Ein Hase/Reh? Essen?             Aufstehen und fangen

Ein Wolfsrudel?                         Flüchten und mehr Feuer

Ein Bär?                                     Angreifen

Viele Bären?                             Totstellen

Ein Ast?                                    Entspannen

Was aber, wenn das Geräusch sich nicht verorten lässt, von innen kommt, andauernd da ist und es keine aktuelle Quelle dafür zu geben scheint?

Die Frage nach dem „Was ist los“ beim Tinnitus bleibt offen.

Hier bilden Menschen je nach Lernerfahrungen (bereits Hirntumor gehabt; sehr sensibel und vertraut mit Körpersignalen; Knalltrauma mit unverdautem Ärger auf Verursacher; etc.) unterschiedliche Strategien aus.

Manche kehren nach einer Phase des inneren Alarms wieder zum Alltag zurück und der Tinnitus erhält die Wichtigkeit eines Kühlschranks oder Computerlüfters.

Andere bleiben alarmiert und laden sich emotional immer mehr an dem Geräusch auf (es macht mich wahnsinnig).

Hier wäre eine erste Maßnahme, eine sorgfältige medizinische und neurootologische Abklärung durch einen mit Tinnitus erfahrenen Arzt.

Wenn hier keinerlei bedrohliche Diagnosen, wie z.B. ein Tumor, zu finden sind oder klar ist, daß z.B. ein Hörschaden mit einem Gestaltbildungston vorliegt, könnte man sich ja eigentlich entspannen und versuchen das Beste daraus zu machen.

Viel spannender als eine tickende Uhr oder ein Kühlschrank in der Nacht ist dann der Tinnitus nur selten, und genausowenig lebensgefährdend.

Noch dazu wird eine Lautheitsmessung meist einen Lautheitsgrad von ca. 10-15 db über der Hörschwelle ergeben. Das entspricht bei normalem Hörvermögen etwa dem Surren des Computerlüfters, der in Büros meist nicht mehr wahrgenommen wird, da er bedeutungslos und immer gleichbleibend ist.

Vielen gelingt es, den Tinnitus zu überhören – wie andere den kaputten Meniskus.

Aber auch der erwähnte Kühlschrank kann Menschen auf die Folter spannen und wird zum Gegenstand massiver Emotionen..

Allerdings ist dies dann sehr individuell verschieden, abhängig von

  • dem, was ich mit dem Geräusch verbinde und warum es mich so erregt. (das ist der Kühlschrank von der ungeliebten Schwiegermutter und jedesmal wenn er anspringt…oder der Rasenmäher des Nachbarn – je nachdem ob wir befreundet sind und ich zur Party eingeladen bin…)
  • den vorhandenen persönlichen Kräften (ich bin sowieso am Ende, mein ganzes Leben habe ich geschuftet),
  • den Lebensumständen (Partnerin gestorben, Arbeitsplatz in Gefahr, Angst Depression, Trauer, Übererregtheit in den Emotionen),
  • den von Kindesbeinen an erlernten Krisenbewältigungsstrategien (welch unglaubliche salutogene Reserven hatten manche Holocaust-Opfern oder Kriegsgefangene; manche zerbrachen daran, andere haben es überwachsen)

Hier ist ein klärendes und stützendes Gespäch mit einem Psychotherapeuten oder einem verständnisvollen Menschen, der in der Lage ist sein Leben gut zu bewältigen, das Mittel der Wahl. Es geht darum, emotionale Ladung von dem Geräusch zu nehmen, es zu entmachten und nach Quellen der Regeneration und Heilung der Lebensverhältnisse zu suchen.

Allein das Gespräch führt aber nicht immer zum Abschwächen des Tinnitusleidens.

Oft tauchen dann andere Themen auf, die sich nicht über Reden klären lassen, wie

  • die persönlichen Spannungsladung in Körper und Seele aus ständigem Streßempfinden (ein Tick zuviel und die Bombe will hochgehen),
  • mangelndes Wohlsein in seiner Haut und der Grad an Vertrauen in den Körper
  • die Wahrnehmung des eigenen Körpers, seiner Reflexe, Signale, aller seiner Fähigkeiten und Sinne
  • die Qualität und Steuerbarkeit von Wahrnehmungsfiltern (Auf was höre ich auf meinem Balkon – ICE oder Pappeln – was ist objektiv lauter?  Die Meeresbrandung macht mich verrückt vs. Das Meer beruhigt so.)
  • das Fehlen eines inneren Ruhepols

Bei vielen Tinnitusleidenden zeigt sich ein unausgewogenes Körperempfinden.

Kopf und Ohren nehmen überdimensional viel Aufmerksamkeit ein und z.B. die Füsse sind fast nicht vorhanden. Ebenso wird der Spannungszustand im Körper oft nicht mehr wahrgenommen, andere Sinne als der Hörsinn treten in den Hintergrund. Das Tinnitusgeräusch tritt aus dem Konzert der Wahrnehmungen als stetiger Aufmerksamkeitsparasit hervor.

Hier ist das Feld übender Verfahren.

In der Hörtherapie wird gezielt ein Wahrnehmungsfiltertraining durch wahrnehmungspsychologisch fundierte Übungen, von denen viele vom Qi Gong inspiriert sind, eingeübt.

Weiter kann ich ein handfestes körperliches Entspannen in der Progressiven Muskel Relaxation (Jacobsen / PMR) erlernen und erfahren.

Das Autogene Training als Entspannungsübung spricht als Alternative dazu oft Menschen mit einem regen inneren Bilderleben mehr an.

Weiter gehen Verfahren wie Yoga, Feldenkrais-Methode, Eutonie, Qi Gong

Sie können umfassender Körper, Geist und Seele zusammenführen. Entspannung ist hier nicht mehr das Stichwort, sondern Spannungsregulation. Dazu wird ein inneres Gespür entwickelt, ein umfassendes Training der Körperwahrnehmung und der Reorganisation des Körpers angegangen, in dem der Tinnitus mit der Zeit nur einen kleinen Teil des Bewußtseinsfeldes ausmacht.

Lebendige_StrukturEs gibt im Innenraum meines Körpers einfach zu viele spannende Dinge zu erleben. Da ist der Tinnitus auf einmal wirklich so unwichtig wie der Computerlüfter, wenn ich mit meinen Kindern spiele oder mit meiner Frau das Alleinsein geniessen kann.

Der Transfer in den Alltag gelingt bei vielen Methoden oft nur unvollkommen, da eine isolierte Übungssituation dazu von Nöten ist.

Hier ist die Stärke von Qi Gong und Taiji Quan. Beides setzt am Alltag an. Sie brauchen nichts als ihre Aufmerksamkeit, ihren Körper und den Willen, sich Zeit für sich zu nehmen.

Ich stehe in der Regel auf meinen Beinen oder sitze zum Erlernen einer inneren Übung auf einem Stuhl, später geht es auch beim Joggen. Ein Stehplatz im Bus kann genauso zum Übungsfeld werden wie die Wartezeit beim Arzt.

Beide Methoden haben einen großen Schatz integrativer Methoden, von der reinen Regulation der Körperhaltung im Sinne einer ökonomischen, situativ angepassten Spannung über reine Aufmerksamkeitssteuerung bis hin zu Übungen die Bewegung, differenzierte Wahrnehmung und Vorstellungskräfte verbinden.

Darüber hinaus ist fernöstlichen Methoden eine Bodenständigkeit eigen, es geht darum gute Bodenhaftung zu haben und Kraft im Bauch und nicht abzuheben.

Der körperliche und seelische innere Schwerpunkt eines Stehaufmännchens wird trainiert, eine Vielzahl von Übungen arbeitet darauf zu.

Meine Wortwahl zeigt, daß dies auf mehreren Ebenen gleichzeitig geschieht.

Im Qi Gong spreche ich davon, dass Spannungsherde die Aufmerksamkeit anziehen; andererseits ernähren die Spannungsherde sich von der Aufmerksamkeit (Auch nicht an ihn denken zu wollen – rosa Elefant!).

Spannungsherde lösen sich dann, wenn ich sie lassen kann, los-lassen.

Um das zu erreichen wird die Aufmerksamkeit langsam in Bewegung durch den Körper geführt, der Körper wird gleichzeitig wahrgenommen, gefühlt und erfasst.

In der Entschleunigung der Bewegung kann ich mit der Zeit eine angemessene Spannung umsetzen, mich vor Überlastungen schützen und das Tempo der Veränderung steuern. Streßbewältigung wird körperlich fassbar.

Eine Körper-Selbstwahrnehmungs- und Gleichgewichts- Schulung (Basalsinne) setzt ein, der Wahrnehmungspool wird neu gemischt.

Die Sinne balancieren sich aus – sensorische Integration ereignet sich.

Dabei treten die Situation begleitende Gefühle und Gedanken ins Bewußtsein, die innere Hast oder Unruhe wird deutlich, genauso aber auch die Möglichkeit, sich gegen Hast und Unruhe zu entscheiden und einfach wahrzunehmen, was geschieht.

In der Ziel- und Absichtslosigkeit des Beobachtens kann sich der Tinnitus in das Orchester der Vielzahl aller Wahrnehmungen einreihen.

Ein körperlicher Ausdruck des Loslassens ist die Entspannung, ein seelischer das Ruheempfinden.

Ein innerer Raum der Stille wird aufgebaut, unabhängig von der Geräuschkulisse und unabhängig vom Trubel innerer Wahrnehmungen, Emotionen oder Gedanken.

Dies lässt sich mit Qi Gong und Taiji Quan mit Übungen ohne äußere Bewegung bis hin zu Partnerübungen  in einer großen Bandbreite einüben.

Die Hörwahrnehmung ist ein sehr komplexes Netzwerk, in dem Höreindrücke aufgenommen, weitergeleitet, aber auch unterdrückt werden können.

Und ihre Benutzung ist erlernt.

Das selbe Prinzip, das den Tinnitus zum ständigen Begleiter werden lassen kann, kann auch zur Verringerung des Ohrgeräusches genutzt werden.

Was soll und kann nun eine Tinnitus Therapie machen?

… Leiden am Tinnitus ist individuell und hat eine Vielfalt von Komponenten …

Eine Therapie muß

• die Funktionen des Netzwerkes aller Komponenten der akustischer Wahrnehmung reorganisieren helfen

• die emotionalen Komponenten des Tinnitus entkoppeln und dadurch

• die psychologische Bedeutung des Ohrgeräusches verändern.

Qi Gong kann dabei helfen.

Viel Erfolg!

Vortrag  Duderstadt, AOK-Tinnitustage 21.04.2008 von Christain Auerbach

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