Taijiquan / Qigong und Gesundheit

Taijiquan und Qigong sind unterschiedliche Fachdisziplinen die je nach inhaltlicher Schwerpunktsetzung den Kampf-, Bewegungs- und / oder Gesundheitslehren mit chinesischen Wurzeln zugeordnet werden können. Bei aller Vielfalt und Unterschiede weisen sie insbesondere in Bezug auf die gesundheitlichen Aspekte viele Gemeinsamkeiten auf. Gesundheit soll hier aus der Perspektive der Gesundheitswissenschaften, der westlichen Medizin und dem Denkmodell der klassischen chinesischen Medizinphilosophie  (heute oft mit TCM abgekürzt) / betrachtet werden, um mögliche Beziehungen zu Qigong und Taijiquan abzuleiten.

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Gesundheit wird im westlichen Biomedizinischen Modell in der Regel als Abwesenheit von Krankheit beschrieben. In den Gesundheitswissenschaften hat sich das Modell eines Kontinuums von Gesundheit und Krankheit etabliert und eine salutogenetische Betrachtungsweise verstärkt. Das bedeutet der Fokus der Betrachtung liegt auf dem, was zu Gesundheit führt bzw. Gesundheit bewahren lässt, anstatt darauf Krankheiten zu vermeiden oder Erkrankungen zu bekämpfenden, wie beim medizinischen Modell.

Wie ist es in diesen Modellen möglich Gesundheit zu erlangen oder zu bewahren?

Im Biomedizinischen Modell wird Krankheit als Folge gestörter somatischer Prozesse aufgefasst die mit Hilfe von Expertenwissen behandelbar ist.  Der Körper wird nach einem mechanistischen Modell in seinen Einzelteilen gesehen und Gesundheit und Krankheit sind eindeutige Gegensätze. Der Patient ist Laie und wendet sich an einen Experten, der für „Reparatur“ oder „Wartungsarbeiten“ zuständig ist. Lernen und Wissen ist in diesem Kontext auf Seiten der Experten, der Ärzteschaft.

Die gesundheitswissenschaftlichen Modelle verstehen Gesundheit als ein Prozess der die kontinuierliche Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst und seiner Umgebung (Familie, Arbeitswelt, Freizeit,….) erfordert. Gesundheit wird als eine Kompetenz des Einzelnen zu einer aktiven Lebensbewältigung verstanden, als mehrdimensional: positives psychisches, körperliches und soziales Wohlbefinden einbeziehend. Gesundheit und Krankheit werden als ein Kontinuum gesehen. Solange der Mensch lebt, bewegt er sich immer zwischen Gesund und Krank. Die Eigeninitiative des Menschen und die Kooperation mit den Fachkräften (Compliance) ist gefragt und setzt ein gleichwertiges Interesse an Information und Weiterbildung zur Zielerreichung voraus. (Die gesundheitswissenschaftliche Betrachtung berücksichtigt allerdings auch die gesellschaftliche Gesamtverantwortung zum Thema Gesundheit).

In der westlichen ganzheitlichen Naturheilkunde wird von der an Normwerten ausgerichteten Trennung von Gesundheit und Krankheit – als abstrakter wissenschaftlicher und administrativ notwendiger Begriff (Krankschreibung) – abgewichen. Um Erkrankungen zu diagnostizieren werden komplexe Lebenszusammenhänge (z.B. biokybernetische Verbindungen und psycho-physische Wechselwirkungen) berücksichtigt. Krankheit wird als Teil eines Musters verstanden, Heilungsprozesse sind weniger Eingriff von außen sondern haben als Ziel Störungen innerhalb des Musters zu beheben. Auch in diesem Ansatz ist die subjektive Einschätzung der Situation wesentlich für den weiteren Prozess. Behandelnder und Patient bringen sich und Ihr Wissen in den Behandlungsprozess ein.

Im traditionellen chinesischen Denken ist ein zentrales Modell das Yin und Yang. Die sich ergänzenden Pole, die die immerwährenden Prozesse natürlicher Veränderung im Streben nach Gleichgewicht beschreiben. „Harmonie“ ist in der chinesischen Kultur entsprechend  eine beliebte Metapher für Gesundheit, die sowohl einen bestimmten regelmäßigen Rhythmus, wie auch einen angepassten Rhythmus umschreibt. „Wenn alles frei fließt wie kann Krankheit entstehen ….“ ist ein deshalb beliebtes Zitat aus dem Klassiker der chinesischen Heilkunst, der auch heute noch Grundlage für die klassische Ausbildung in Chinesischer Heilkunde bildet. Gesundheit bedeutet dann harmonischer freier Fluss, Krankheit eine anhaltende Störung dessen. Im System der klassischen Chinesischen Gesundheitslehren (Yangsheng) sind demnach Bewegung (i. S.v. freiem Fluss) und Anpassung (i. S. v. genügend und an der richtigen Stelle) zentrale Themen, um Gesundheit zu bewahren und Krankheiten abzuwenden. Dieser Ansatz erfordert Verständnis und Einlassen auf diese Grundprinzipien von jedem Einzelnen: Behandelnden und Patienten, Begleitenden und Klienten wie Übenden. Denn bewegt werden nicht nur Arme und Beine sondern innere Prozesse. Das besondere Betrachtungsprinzip erlaubt – bei entsprechender Ausbildung und Erfahrung – auch Störungen zu erkennen und auszugleichen bevor sie sich als eine Erkrankung manifestiert haben. Besonders im Taijiquan, Qigong und der Ernährungslehre sind diese präventiven und gesundheitsfördernden Wurzeln der chinesischen Medizin noch erkennbar.

Taijiquan, Qigong und Gesundheit

Im Taijiquan wie im Qigong werden diese inneren Prozesse auf eine spezielle Art und Weise gefördert. Ganz am Anfang des Lernens mag Taijiquan und Qigong von anderen westlichen Bewegungsformen nur durch die Choreografie zu unterscheiden sein. Mit dem beständigen Üben und Verfeinern der Bewegung, dem Verbinden von Bewegung und Aufmerksamkeit entsteht langsam das, was das Besondere ausmacht.

Die Gesundheitswissenschaften, wie auch die westliche Medizin erkennen heute, dass Bewegung einen wichtigen Stellenwert für Gesundheitserhalt und -wiedererlangung hat. Neuere Studien zeigen außerdem zunehmend die Zusammenhänge von Bewegung und Gehirnfähigkeiten.

Auffallend an den bewegten Übungen des Taijiquan und Qigong ist zunächst die Langsamkeit der Ausführung. Diese Langsamkeit kann bis zu einer äußerlich ruhigen Haltung führen. Der Übergang zu dem was unter Meditation bekannt ist, ist damit fließend. Im Taijiquan gibt es durchaus auch schnelle Ausführungen die die grundlegenden Prinzipien des langsamen Trainierens weiterhin berücksichtigen und sich so von rein sportlichen Übungen immer noch unterscheiden.

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Qigong und Gesundheit

Hier ist die Aufmerksamkeit ganz beim Übenden im Kontakt mit sich und möglicherweise seiner natürlichen Umwelt (z.B. Erde, Himmel, Klima). Qigong üben, bringt uns zunächst zu uns selbst: Die Wahrnehmung wird vertieft und körpereigene Prozesse werden spürbar und erfahrbar: Ein- /ausatmen, Wärme/ Kühle, Schwere / Leichtigkeit – ohne Bewertung das Da-sein erfahren.  Der verbesserte Kontakt zu uns selbst unterstützt die Wahrnehmung der gesunden Prozesse, dessen was sich gut anfühlt; das Wohlgefühl in einem Moment oder die gesunden Anteilen, selbst wenn nach biomedizinischem Modell eine Erkrankung diagnostiziert ist. Die Langsamkeit der Ausführung in dieser aufmerksamen Grundhaltung erlaubt bei den bewegten Übungen über die äußere Körperbewegung immer weiter auch nach innen, integrierte Bewegungen auszuführen (so hebt und senkt sich z.B. das Zwerchfell durch Bewegung der Ellbogen; die Lendenwirbel und der gesamte untere Rücken können entspannen durch das sinken lassen des Kreuzbeins). Bewegen und Bewahren/Lassen sind bei der Ausführung wichtige Leitkriterien (Yang /Yin). Bestimmte Bereiche sind aktiv während gleichzeitig an anderer Stelle deutlich wahrnehmbar eine unterschiedliche Qualität erfahrbar ist. Gleichzeitiges nach oben ausrichten vom Scheitelpunkt und nach unten sinken lassen des Beckens sind Kennzeichen des Prinzips der Mehrdimensionalität der Bewegung und Haltung im Qigong. Die Tragkraft der Übungen besteht im immerwährenden Tun und der damit verbundenen möglichen Weiterentwicklung in der Bewegung, der Entwicklung innerer und individueller Prozesse. In der Ausdrucksweise der chinesischen Denkmodelle das Yangsheng – zur Pflege des Lebens – in der westlichen Welt finden wir parallele Aspekte z.B. in der Betrachtung der Salutogenese, der Resilienzforschung oder im Empowerment.

Taijiquan und Gesundheit

Viele grundlegende Prinzipien des Qigong finden sich auch im Taijiquan. Ein weiteres Ziel des Taijiquan ist, das die Aufmerksamkeit über die eigene Person hinausgehen kann. Das kann mit Gegenständen (Stock, Schwert, Fächer, etc.) oder mit einem Partner vertiefend geübt werden ist aber in den sogenannten Handformen als Übungsprinzip angelegt. Diese Aufmerksamkeitsführung intensiviert das Spiel mit Yin und Yang und regt damit die gewünschte besondere Art der Bewegung an. Die Übungsprinzipien können entsprechend z.B. mit „öffnen und schließen“, „vor und zurückgehen“, „sinken und steigen“ benannt werden. Das Taijiquan hat zur Basis aneinandergereihte Bewegungsbilder die mit der Übungszeit eine sehr fließende Abfolge der Einzelbilder erlaubt. Diese Kontinuität in der Präsenz der Bewegungskoordination, wie der Achtsamkeit unterstützt die Entwicklung einer speziellen gleichmäßigen, elastischen Kraft. Spannung und Entspannung auf einer muskulären Ebene betrachtet, wie auch andere qualitative Veränderungen, wechseln sich quasi übergangslos ab mit dem Effekt eines intensiven Bewegens und Bewahrens von Anfang bis zum Ende des Formablaufes. Das „Spiel“ mit Yin und Yang. Die Dauer kann von wenigen bis mehr als 30 Minuten betragen und motiviert damit außerdem eine Disziplin der Dauerhaftigkeit, bei der es nicht um das Ende sondern um die Qualität des Prozesses geht. Neben Bewegung und Achtsamkeit werden damit Bereiche berührt, die heute mit Selbst- und Zeitmanagement, Entschleunigung oder mentalen Übungen bezeichnet werden.



Resumée:

Wenn Gesundheit durch eigene Aktivität gefördert und bewahrt werden kann und der Umgang mit Krankheit als Teil des Heilungsprozesses verstanden wird, bieten Taijiquan und Qigong vielfältige Möglichkeiten auf Gesundheit zu wirken.

Die Konzepte der traditionellen chinesischen Gesundheitslehren erlauben ein Grundverständnis der gesundheitsrelevanten Prozesse im Organismus auch für Nichtexperten was zu Eigenaktivität ermuntert. Sind Bewegung und Anpassung wesentliche Grundannahmen, die auf den Gesundheitszustand Einfluss nehmen zu können, kann dies auf einer allgemeinen ganzheitlichen Ebene durch entsprechende körperliche Bewegung, durch bewusste Atmung und Aufmerksamkeitsführung oder auf einer gezielten Ebene durch Akupunktur und Arzneimittelgabe durch Experten gefördert werden.

Qigong wie Taijiquan Üben motiviert den Einzelnen etwas für sich selbst zu tun und auch tun zu können. Weg von Passivität und Ohnmacht, werden hiermit Möglichkeiten angeboten, selbst für die eigene Gesundheit aktiv zu werden: präventiv, gesundheitsfördernd, Therapie begleitend oder einfach aus Freude am Tun. Je spezifischer sich ein Störungsmuster (bis hin zu einer diagnostizierten Erkrankung) darstellt, desto mehr Expertenwissen ist zusätzlich erforderlich.

Die zahlreichen unterschiedlichen Schulrichtungen im Qigong wie im Taijiquan und die Vielfalt im Übungsspektrum erlaubt Interessierten die Auswahl. Der Zugang zum Thema wird so erleichtert. Es geht nicht darum „eine Übung für…“ zu finden, sondern das Lernen und Ausüben darf einfach nur Spaß machen. Spaß und Freude an dem was wir tun ist eine wichtige Quelle für Wohlbefinden. Die angebotene Vielfalt motiviert außerdem im Lernprozess zu beleiben. Lebenslanges Lernen zu fördern ist damit eine „Nebenwirkung“ des Qigong und Taijiquan Praktizierens.

Es sind demnach viele Aspekte von Qigong und Taijiquan, die einen Beitrag zur Erweiterung der individuellen Gesundheitskompetenz und zur aktiven Lebensbewältigung im Sinne einer gesundheitsförderlichen Ausrichtung annehmen lassen.
Fotos: Ramona Heister, wenn nicht anders gekennzeichnet.

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Autorin: Ramona Heister

Fotos: Ramona Heister

Literaturhinweise:

Badura B. / Strodtholz P.: Soziologische Grundlagen der Gesundheitswissenschaften, in: Hurrelmann K / Laaser U (Hg.), Handbuch Gesundheitswissenschaften, Weinheim 1998.
Kaptchuk, T.: Das große Buch der chinesischen Medizin, Heyne 2001.
Kickbusch, I.: Die Gesundheitsgesellschaft, Verlag für Gesundheitsförderung Gamburg 2006
Bircher, J. / Wehkamp, K.-H.: Das ungenutzte Potential der Medizin, rüffer & rub 2006
Voelcker-Rehage u.a.: Gehirntraining durch Bewegung, DTB 2010

Fotos: Ramona Heister, wenn nicht anders gekennzeichnet