Qigong-Abenteuer im Riesengebirge

Entdecke das Weiche im Harten und das Harte im Weichen

Ein Erfahrungsbericht von Dieter Mayer

Vom 1.-8.9.02 veranstalteten Dr. Zuzana Sebkova-Thaller (Präsidentin der Deutschen Qigong Gesellschaft) und Dieter Mayer (ASS-Institut für Taijiquan und Qigong) ein Qigong-Seminar im Riesengebirge. Es war als Experiment angelegt. Zuzana unterrichtete Chan Mi-Qigong Basisübungen und Dieter Grundlagen des Qigong der Kampfkünste (Taijiquan, Kung Fu). Unterrichtet wurde im ständigen Wechsel. So konnte sich ein lebhafter Austausch entwickeln. Mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass das Fremde, vermeintlich konträre, einen neuen Zugang für das Eigene eröffnet. Es wurden viele Fragen aus der Übungs-Praxis thematisiert und gemeinsam geübt und geforscht. Wo findet sich z.B. die Chan Mi-Welle im „Bewegten Stehen“. Was unterscheidet die Chan Mi-Haltung (Knie kaum gebeugt, Zehen zeigen nach außen) von der Grundhaltung anderer, mehr vom Taiji beeinflusster Qigong-Stile (Knie gebeugt, Füße parallel)? Was heißt Huiyin schließen? Läßt sich „zielgerichtetes“ mit „absichtslosem“ Üben verbinden? Das Experiment hat sich gelohnt und wurde auf Wunsch der aller Beteiligten im August 2003 wiederholt.

Den Augenblick genießen

Qigong ÜbenDa stand ich nun am Ufer des Sees und übte mit den Anderen die Wellenbewegung der 1. Basisübung des Chan Mi-Qigong. Tagsüber waren wir durch eines der berühmten „Steintäler“ des Riesengebirges gewandert. Unser Weg führte durch ein Labyrinth von Sandsteinskulpturen, die über Jahrhunderte von strömenden Wassermassen geformt wurden. Gegen Abend, als sich die meisten Besucher schon auf den Heimweg begeben hatten, führte Zuzana uns zu diesem wunderschönen Platz am See. In der Abendstimmung viel es mir leicht, die Verbindung von Himmel und Erde zu erspüren und mich ganz der Bewegung hinzugeben. Alle „Technik“ war vergessen. Leicht, harmonisch und fließend, hat „es“ mich bewegt.  Noch nie zuvor ist mir das „Innere Lächeln“ so leicht gefallen.

Eine lange Reise bis hierher

Für mich war dieser Augenblick etwas ganz Besonderes. Es war wie die Ankunft nach einer langen Reise. Die Reise war sicher länger, als die von Landsberg am Lech nach Velka Upa. 16 Jahre hat es gedauert um an diesem Punkt anzukommen. Angefangen hat mein Weg mit Taekwondo. Später wendete ich mich ganz der chinesischen Tradition des Kung Fu, Taiji und Qigong zu. Für mich war es immer wichtig zu verstehen, wann ich was, wie und warum üben sollte. Ich wollte alles ganz genau wissen und verstehen. Manchen Lehrer habe ich mit meinem Wissensdurst zur Verzweiflung gebracht. Viele Antworten konnten mich nicht zufrieden stellen. Sie waren mir zu unklar und erschienen mir nicht plausibel genug und vieles funktionierte schlicht und einfach nicht. Kurz und gut, die Kluft zwischen Theorie und Praxis war mir zu groß. Es blieben zu viele Fragen offen: Wie bewege ich mich richtig? Gibt es „die“ gute Haltung? Wie ist die Wechselwirkung von unbewusster Bewegungssteuerung und Bewusstsein? Wie lassen sich die Fähigkeiten, die in den klassischen Schriften des Taiji beschrieben sind systematisch entwickeln? Der scheinbare Gegensatz von technischer Präzision und unbewusst gesteuerter Bewegung ließ mich nicht mehr los. Mein eigenes Forschen und Suchen begann. Zen-mäßig ausgedrückt, wählte ich das Geheimnis der menschlichen Bewegungskoordination und –steuerung als mein Koan. Wenn man schon nicht sagen kann, dass es die „richtige“ Haltung gibt, wollte ich wenigstens genau wissen, warum das nicht geht.

…viele Stationen

Meine Reise hat mich an vielen Orte und zu vielen Lehrer/innen geführt. Am Anfang war die Suche ziellos. Mit der Zeit bekam sie Richtung und Klarheit. Systemische Zusammenhänge und wirkende Gesetzmäßigkeiten traten deutlich hervor und ich konnte mein Üben und Unterrichten immer mehr an innen ausrichten. Meine Erfahrungen und Erkenntnisse habe ich in meinem Buch „Kraft ohne Anstrengung“ verarbeitet. Ausgehend vom Polaritätsprinzip von Yin und Yang habe ich die praktische Qigong-Vorgehensweise aus der Sicht der Anatomie- und Bewegungslehre und der westlichen Didaktik und Methodik reflektiert.

Eine harte Nuss

Die Arbeit an der „Kraft ohne Anstrengung“ hat sehr viel Freude bereitet, hat mich aber auch immer wieder in einen inneren Konflikt gebracht. Übt man das Qigong der Kampfkünste geht es unter anderem darum innerhalb einer angemessenen Zeit den Körper zu stärken und ihn bewegungstechnisch zu schulen. Techniken müssen erlernt und verfeinert werden. Die Anwendung dieser Techniken muss so verinnerlicht sein, dass sie auch unter erschwerten Bedingungen noch möglich ist. Das Training hat klare Ziele und ist verbunden mit körperlicher und geistiger Anstrengung. Andererseits soll man immer locker und entspannt üben, absichtslos und ohne das„Innere Lächeln“ zu verlieren. Kampfkunsttraining ist wie das öffnen einer Nuss. Die harte Schale will erst durchdrungen werden, bevor man zum weichen Kern vorstößt. Über die Jahre ist das Verständnis für den „weichen“ Kern des Trainings immer mehr gewachsen und doch blieb immer noch ein Rest „Härte“, bzw. „technischer Kontrolle“ übrig. Dem was einer meiner Lehrer einmal sagte: „Wir lernen die Technik nur, um sie wieder zu vergessen“, fühlte ich mich immer noch fern.

Der süße Kern

Vor Jahren lernte ich dann Zuzanna kennen und schätzen. Mit der Zeit begann ich mich immer mehr für ihre Arbeitsweise zu öffnen. Unsere Freundschaft half mir, so manches Vorurteil zu überwinden. Wie so viele Kampfkünstler, begegnete ich den besonders „weichen“ Formen des Qigong, wie z.B. dem Chan Mi-Qigong, bis dahin mit einer gewissen Skepsis. Nach dem wir immer wieder gefachsimpelt und ein wenig geübt hatten, war es in Tschechien endlich soweit, wir übten eine Woche intensiv zusammen. Da stand ich nun im Chan Mi Stand, Zehen nach außen und die Knie gestreckt. Keine Chance durch einen tiefen Stand physische Kraft und Kontrolle aufzubauen. Alles wurde reduziert auf innere Bewegungsimpulse und die körperliche Resonanz auf innere Bilder. Bewegungsimpulse dürfen sich „ungeordnet“ ausbreiten und den inneren Rhythmen wird äußerlich entsprochen. Alles darf schwingen, pulsieren und jede Zelle „lächeln“. Es gibt absolut nichts zu erreichen, nichts was man besonders gut können kann (aus der Sicht eines Kampfkünstlers). Früher hätte mich das „schwelgen“ in der Bewegung vielleicht irritiert und viele Fragen aufgeworfen. Heute finde ich es einfach nur schön und entlastend. Es war für mich so, als dürfte man den süßen Kern der Nuss essen, ohne sich um die harte Schale kümmern zu müssen. Seither hat sich etwas in meinem Üben gewandelt. Es ist genussreicher und innerlicher geworden. Und auch die Technik ist (ganz nebenbei) besser geworden, weil ich sie wieder ein bisschen mehr „Vergessen“ habe.

Fazit

Die Woche hat sich für mich gelohnt. Sie hat mir gezeigt, dass es gut ist zu forschen und sich mit anderen auszutauschen. Die Vielfalt der verschiedenen Qigong-Formen ist ein großer Schatz. Den manchmal braucht es einen kleinen Umweg, um weiter zu kommen. Ich jedenfalls freue mich schon auf die nächste Woche mit Zuzana im Riesengebirge.

Tipp: Lesen Sie auch den Artikel „Typgerechtes Trainieren“ von Dieter Mayer. Das Buch „Typgerecht trainieren mit der Bewegungslehre nach den Fünf Elementen“ ist ab sofort in unserem Shop erhältlich.