Mulanquan eine Synthese aus Qigong, Taijiquan, Wushu, Schwerttechniken, rhythmischer Gymnastik und Bühnenchoreographie

Mulanquan – Bewegungskunst im Namen einer chinesischen Legende

Von Kong Shenfang und Jan Harloff-Puhr

Die chinesischen Kampfkünste blicken nicht nur auf eine lange Tradition zurück, sondern befinden sich nach wie vor in lebendiger Entwicklung.
Ein Beispiel dafür ist das Mulanquan, das in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden und ausdrücklich auf Frauen ausgerichtet ist. Es basiert auf dem Huajiaquan und wurde wie dieses nach Hua Mulan, der berühmten Kriegsheldin, benannt. Ying Meifeng integrierte bei der Entwicklung ihre Kenntnisse aus Qigong, Taijiquan und anderen Kampfkünsten, rhythmischer Gymnastik und Bühnenchoreographie und schuf verschiedene Formen, die einen tänzerischen Charakter haben und besonderen Wert auf Ästhetik legen. Kong Shenfang und Jan Harloff-Puhr stellen das Mulanquan vor, dessen Wirkungen auf Körper, Geist und Seele sowohl auf energetischen Zusammenhängen als auch auf dem sportlichen Training beruhen.

Hua MulanDer Name »Mulanquan«, was auf Deutsch etwa »Kampfkunst der Mulan« bedeutet, leitet sich von einer der bekanntesten legendären chinesischen Kriegerinnen ab. Die Legende der Mulan – wörtlich »Magnolie« – ist im Westen wahrscheinlich hauptsächlich durch den gleichnamigen Disney-Film aus dem Jahr 1998 bekannt. Der Film, in dem der Familienname der Protagonistin von Hua in Fa geändert wurde, gibt die Geschichte, abgesehen von Disney-typischen Zugaben, im Kern korrekt wieder.

Die ursprüngliche Legende der Hua Mulan basiert auf einer alten chinesischen Ballade, die wahrscheinlich in der Zeit der Südlichen und Nördlichen Dynastien (420 bis 581 n. Chr.) entstanden ist, allerdings erst einige Jahrhunderte später während der Tang-Dynastie (618 bis 907 n. Chr.) das erste Mal schriftlich festgehalten wurde.

Die Heldin der Geschichte ist eine schöne Frau aus gutem Hause, die sich als Mann verkleidet, um anstelle ihres alten Vaters in den Krieg zu ziehen, als dieser zum Wehrdienst für den Kampf gegen die Tataren eingezogen werden soll. Im Krieg erweist sie sich als außerordentlich fähige Kämpferin und Strategin und wird im Laufe ihrer zwölfjährigen Dienstzeit bis zum General befördert, ohne dass ihre wahre Identität jemals entdeckt wird.
Als der Kaiser sie für ihre außerordentlichen Dienste belohnen will, erbittet sie sich lediglich ein schnelles Pferd, damit sie unverzüglich in ihre Heimat zurückkehren kann. Nach ihrer Rückkehr kleidet und schminkt sie sich wieder als Frau und tritt so vor einige ihrer ehemaligen Kriegskameraden, die mit ihr geritten waren. Diese können kaum glauben, was sie sehen, und fallen aus allen Wolken, als sie erkennen, dass ihr erfolgreicher General in Wahrheit eine Frau ist. Am Ende der Ballade wird noch eine anschließende Romanze oder gar Heirat mit einem dieser Kriegskameraden angedeutet.

Entstehung einer modernen Kampfkunst

Die Begründerin des Mulanquan ist Ying Meifeng, die am 14.8.1945 in der Provinz Zhenjiang geboren wurde. Bereits als Kind betrieb sie viel Sport, unter anderem traditionelles chinesisches Wushu. Ursprünglich aus Shanghai stammend, arbeitete sie später in der Provinz Anhui, wo sie während einer Hochwasserkatastrophe als Mitglied der Rettungsmannschaften eingesetzt wurde. Wahrscheinlich durch diesen Einsatz bedingt erkrankte sie an einer Lungenentzündung, die mit Herzproblemen und Gelenkbeschwerden einherging. Aufgrund dieser Gesundheitsprobleme kehrte sie nach Shanghai zurück, wo sie versuchte, ihren Gesundheitszustand mittels Bewegungstherapie zu verbessern. Im Park Jing An, in dem sie vornehmlich trainierte, lernte sie 1970 Yang Wendi kennen und war von deren Übungen sehr beeindruckt.

2Ying MeifengYang Wendi praktizierte Huajiaquan – zu Deutsch etwa »Kampfkunst in der Form von Frau Hua«, was sich auf den Familiennamen von Hua Mulan bezieht –, eine Kampfkunst, die speziell für Frauen entwickelt wurde. Auf ihr Bitten hin erklärte sich Yang Wendi bereit, Ying Meifeng als ihre Schülerin anzunehmen. Auf der Basis des Huajiaquan entwickelte Ying Meifeng dann das Mulanquan, wobei sie aus ihrer über zwanzigjährigen Erfahrung Elemente aus Qigong, Taijiquan, Wushu, Schwerttechniken, rhythmischer Gymnastik und Bühnenchoreographie einfließen ließ.

Zunächst hatte Ying Meifeng das Mulanquan für sich selbst entwickelt und trainierte nach wie vor, um ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Dann wurde sie während des Trainings im Park allerdings von Leuten angesprochen, die sich für ihre Übungen interessierten und sie von ihr lernen wollten, ähnlich, wie es ihr zuvor mit Yang Wendi gegangen war. Sie sagte zu und bekam so eine Gruppe von SchülerInnen, die beständig wuchs. 1988 gründete sie dann den »Shanghai Shi Mulanquan Xiehui« (Shanghai Mulanquan Verein), 1995 wurde Mulanquan in China als die 130. offizielle Kampfkunst-Stilrichtung anerkannt.

Ying Meifeng ist nach wie vor als Lehrerin aktiv und ständig darum bemüht, das Mulanquan weiter zu verfeinern und im In- und Ausland zu verbreiten. Mit der Zeit hat sich Mulanquan durch ihre Bemühungen sowie durch SchülerInnen, die die Kunst inzwischen selber lehren, auch außerhalb von China praktisch in ganz Asien verbreitet, vor allem in Japan. Außerhalb Asiens wird es in den USA und Kanada praktiziert, während es in Europa noch relativ unbekannt ist. In Shanghai findet alle zwei Jahre ein Mulanquan-Festival statt, mit Wettbewerben im Formenlaufen und Vorführungen.

Vielfältige Ausdrucksformen

Ying Meifeng hat im Laufe der Zeit insgesamt 15 Formen des Mulanquan entwickelt. Am Anfang standen sechs Langformen, zwei verschiedene Faustformen und vier Waffenformen für Fächer (Shan), Doppelfächer (Shuang Shan), Schwert (Jian) und Doppelschwert (Shuang Jian). Später entwickelte sie daraus sechs vereinfachte Kurzformen (ebenfalls zwei Faustformen und die oben genannten vier Waffentypen), um AnfängerInnen den Einstieg zu erleichtern, sowie drei Wettkampfformen (eine Faustform mit 28 Bildern, eine 38-er Fächerform und eine 48-er Schwertform).

In Bezug auf die verwendeten Waffen ist erwähnenswert, dass ihr Aufbau ein wenig anders ist, als man es vom Taijiquan her gewohnt ist. Die Fächer, sowohl für die Einzel- als auch für die Doppelform, sind an ihrem oberen Ende mit einem Tuch ausgestattet, das etwa zehn Zentimeter über die Rippen des Fächers hinausragt. Das Schwert ist mit einer sehr langen und schweren Troddel versehen. Die konkreten Maße für Länge und Gewicht hängen dabei von der jeweiligen Person ab, liegen aber in der Größenordnung von 75 Zentimeter und 100 Gramm.

Die Troddel erfüllt unterschiedliche Funktionen, die über eine reine Verzierung beziehungsweise ein ästhetisches Element hinaus- gehen. Zum einen wird durch die Troddel der Schwerpunkt des Schwertes zum Griff hin verschoben, was die Klingenkontrolle verbessert und beispielsweise Drehungen vereinfacht. Zum anderen dient sie durch ihre Bewegun- gen als Indikator für die Übenden, ob die Führung des Schwertes korrekt ist. Darüber hinaus ist die Troddel ein funktionaler Teil des Schwertes in seiner Eigenschaft als Waffe, so dass die Schwertformen des Mulanquan Bilder enthalten, in denen nicht die Klinge, sondern die Troddel zum Angriff eingesetzt wird. Die Ausmaße der Troddel und ihre komplexen Bewegungsmuster machen die Handhabung des Schwertes, verglichen mit einem Schwert ohne oder mit sehr viel kleinerer Troddel, wie man sie im Taijiquan kennt, zu einer echten Herausforderung, besonders bei der Doppelschwertform.

Eine Besonderheit der Formen des Mulanquan ist ihre stark tänzerische Note. Die Formen werden immer, nicht nur bei Wettkämpfen und Vorführungen, sondern auch im normalen Training, mit musikalischer Untermalung gelaufen, und zwar jeweils mit einem konkreten Musikstück, dass zu jeder Form gehört. Die Korrelation zu diesem Musikstück, also das exakte Timing der Bewegungen, spielt eine große Rolle, wodurch das Takt– und Rhythmusgefühl der Übenden geschult wird.

3Mulanquan
Im Mulanquan werden besondere Waffen verwendet: Die Fächer sind durch ein Tuch, das etwa zehn Zentimeter über die Rippen hinausragt, erweitert. Zu den Schwertern gehört eine sehr lange und schwere Troddel, die nicht nur eine ästhetische Funktion hat, sondern darüber hinaus die Schwertführung günstig beeinflusst und sogar in bestimmten Techniken zum Angriff dient.

Inneres und äußeres Training

Wie die übrigen inneren Kampfkünste verfolgt Mulanquan das Ziel, das Qi im Körper in Bewegung zu bringen. Neben diesem energetischen Aspekt ist das Mulanquan aber auch darauf ausgerichtet, einen sportlichen Effekt im Sinne eines ganzheitlichen Körpertrainings zu erzielen, wie man es eher von den äußeren Kampfkünsten oder aus dem Fitnessbereich kennt. Anders als im Taijiquan spielt zum Beispiel die Dehnung des Körpers eine große Rolle. So wird beim Laufen der Formen Wert gelegt auf einen ständigen Übergang zwischen einer Entspannung des Körpers und einer deutlichen Dehnung der Muskulatur.

Die Formen enthalten auch Bilder, die eine starke Überstreckung nach hinten oder zur Seite beinhalten, bei denen die Wirbelsäule und ein Bein wie ein Bogen gespannt wer- den. Die Rotation der Gelenke, vor allem im Arm, ist deutlich ausgeprägt. In vielen Bildern befinden sich alle Gelenke im Arm, von der Schulter bis zum Handgelenk, gemeinsam in rollenden und kreisenden Bewegungen. Gerade komplexere Figuren werden auf einem Bein stehend durchgeführt, was die Balance fordert und fördert. In den Formen wechseln sich immer wieder sehr hohe Stände mit sehr niedrigen Positionen ab, die teilweise so tief sind, dass der Rumpf auf dem Boden aufgesetzt wird.

Gesundheit, Anmut und Selbstvertrauen

Basierend auf der Grundlage des Huajiaquan und begünstigt dadurch, dass Ying Meifeng das Mulanquan zunächst als Gesundheitsübung für sich selbst entwickelt hatte, lag der Fokus für die Wirkungen, die die Bewegungen erzeugen sollten, auf dem weiblichen Körper. Auch später, als sie in zunehmendem Maße SchülerInnen aufnahm und das Mulanquan weiterentwickelte, um anderen den Zugang zu erleichtern, blieb es das Ziel von Ying Mei- feng, eine Kunst zu lehren, die vor allem auf Frauen ausgerichtet ist und sich in Bezug auf die Bewegungsqualität, die Energetik und die gesundheitlichen Auswirkungen am weiblichen Körper orientiert. Nichtsdestotrotz interessieren sich auch Männer für diese Bewegungskunst, wobei sie zahlenmäßig eindeutig eine Randgruppe darstellen.

DehnungenEinbeinstände
Neben der energetischen Wirkung soll der Körper im Mulanquan insbesondere durch vielfältige Dehnungen, Einbeinstände und Wechsel zwischen hohen und tiefen Ständen trainiert werden.

Viele der Grundlagen des Mulanquan sind analog zum Taijiquan und anderen inneren Kampfkünsten, es gibt aber auch einige deutliche Unterschiede. So spielt etwa der kämpferische Aspekt, also die Anwendbarkeit der geübten Techniken im Sinne einer realen Selbstverteidigung, kaum eine Rolle im Mulanquan. Partnerübungen, wie das Tuishou (Push Hands) im Taijiquan oder gar Freikampf (Sanshou/Sanda), werden nicht trainiert. Stattdessen liegt der Schwerpunkt, ähnlich wie beim Qigong, darauf, welche geistigen und körperlichen Effekte das Training auf die Übenden hat. Diese Wirkungen werden im Folgenden in vier Aspekte unterteilt, die sich allerdings nicht scharf gegeneinander abgrenzen lassen:

– Ästhetik,
– Psyche,
– Gesundheitsförderung und – Heilungsprozesse.

Ästhetik

Eine Eigenart des Mulanquan, die es von den meisten anderen inneren Kampfkünsten unterscheidet, ist der Umstand, dass besonderer Wert auf Ästhetik gelegt wird. Das Üben ist darauf ausgelegt, Schönheit und Eleganz zu steigern, speziell im Hinblick auf weibliche Anatomie und Bewegungsmuster.

Zum einen sollen gerade durch den tänzerischen Aspekt der Übungen geschmeidige und anmutige Bewegungsabläufe einstudiert wer- den. Zum anderen beinhaltet die Ausführung ein Training des ganzen Körpers, das zur Gewichtsreduktion und zur Straffung der Figur beiträgt. Dabei sind die Übungen bewusst so konzipiert, dass sie, analog zur Problemzonengymnastik im Fitnessbereich, besonders die Beine, den Po und den Bauch beanspruchen.

Psyche

Ein weiteres Ziel des Mulanquan ist es, positiv auf die Psyche und den Gemütszustand einzuwirken. Über die Entspannung des Körpers und das Leermachen des Geistes wird ein innerer Ruhezustand angestrebt. Gleichzeitig wirkt das Training anregend auf Körper und Geist und stärkt das Selbstbewusstsein. Diese Dualität aus Ruhe und Aktivität erzeugt ein Gefühl der Harmonie und erhöht die Lebensqualität und -freude. Es verbessert die Leistungsfähigkeit des zentralen Nervensystems und dient dem Stressabbau.

Gesundheitsförderung

Das Mulanquan fördert die Gesundheit, beugt Erkrankungen vor und hält den Körper jung. Es ist gut für die Beweglichkeit und den Zustand der Gelenke. Darüber hinaus verbessert es die Funktionen von Kreislauf und Stoffwechsel.

Heilungsprozesse

Die Ausführung des Mulanquan begünstigt den Heilungsprozess bei einigen Krankheiten, vor allem im Bereich der chronischen Erkrankungen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige Beispiele für Beschwerden genannt, für deren Linderung Mulanquan hilfreich ist: Rückenschmerzen, Gicht, Rheuma, Muskelschwund, Schlaflosigkeit, Bluthochdruck und Verdauungsstörungen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Mulanquan eine faszinierende Kampf- und Bewegungskunst ist, die auf einzigartige Art und Weise traditionelle und moderne Einflüsse, innere und äußere Aspekte sowie Ansprüche an Wirksamkeit und Ästhetik der Bewegungen in sich vereint.

 

Fotos: Archiv Kong S., wenn nicht anders gekennzeichnet.

 

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