Kalligraphie

Der Weg des Schreibens – Shu Fa/ Shu Dao

Wenn wir uns eingehend mit der Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen befassen, können wir viel über die gesamte chinesische Kultur und Entwicklungsgeschichte erfahren. Wang Ning beschreibt anhand einiger Zeichen, wie aus einfachen Bildern durch Kombinationen immer neue Begriffe entstanden sind. Da keine neuen Zeichen mehr hinzukommen, werden außerdem den vorhandenen immer weitere Bedeutungen zugeordnet. Im zweiten Teil zum Thema Schreiben wird es um den Gebrauch von Pinsel und Tusche gehen.

Kalligraphie

Die chinesische Schriftzeichen

Kalligraphie, der Weg des SchreibensDas chinesische Schriftzeichen Shu für Schreiben zeigt »Das ist meine Hand und sie hält einen Pinsel und schreibt Zeilen«.
»Das ist der linke Fuß und da unten ist der rechte Fuß« – sie symbolisieren das Gehen, »hier sind die Haare, die im Winde flattern, da unten ist der Kopf, im Gesicht sieht man das weit geöffnete Auge, der Blick ist in die Ferne auf einen Zielpunkt gerichtet«. Diese Kombination bildet das Zeichen Dao für den »Weg«, der auch das Ziel ist.
»Das Wasser steht auf der linken Seite, rechts oben ist ein Fabeltier wie ein Hirsch, unter ihm ist ein Mensch, der seine Höhle verlässt«. Das Wort Fa steht für Gesetz und auch für Methode. Im Lexikon »Wort- und Zeichen-Erklärung« steht das »Wasser« für die Waage, das »Fabeltier« kann das Rechte von Unrechtem unterscheiden, das »Weg- gehen« bedeutet wegtun beziehungsweise das Un- gerechte beseitigen. Somit ist es dem »Gesetz« zu- geordnet. Man kann das Bild auch so sehen: Das Tier versucht das Wasser zu überqueren. Daraus wird der Begriff »Methode« abgeleitet.

Shu Dao – der Weg des Schreibens bedeutet Kalligraphie. Diese Zusammensetzung wird hauptsächlich in Japan verwendet und heißt dort Shodo.

Shu Fa – das Gesetz des Schreibens wird hauptsächlich in China für Kalligraphie verwendet.
Ob Shu Fa oder Shu Dao, es ist dieselbe Sache gemeint, der Weg oder die Gesetzmäßigkeit des Schreibens. Es entspricht ganz der Vorstellung im Westen, dass es sich hier um das schöne Schreiben chinesischer Schriftzeichen handelt, die hauptsächlich in China, Japan und Korea in diesem speziellen Fach verwendet werden.

Die chinesische Kalligraphie wird vor allem im Gesundheitswesen, in der Kunst und der Philosophie geschätzt. Der Reiz des Schriftzeichens und die raffinierte Bewegung mit dem Pinsel führen uns in eine ganz neue Welt, in der wir gerne verweilen. Die Zeichen werden oft für »abstrakte Bilder« gehalten, weil sie nicht die realen Bilder zeigen, vielleicht liegt es daran, dass man mit wenigen »Zeichen« nahezu komplette Geschichten erzählt.

Der Aufbau der Schriftzeichen war zu Beginn schlicht und einfach. Man fing an mit wenigen Zeichen aus direkter Beobachtung, dann folgten weitere Gedanken sowie Weiterverarbeitungen in einer Zeitdauer von mehr als 5000 Jahren.

Die erste chinesische Schrift »Orakelknochenschrift«

Die erste chinesische Schrift wird heute als »Orakelknochenschrift« bezeichnet. Bei der Orakelbefragung nahm man einen Schildkrötenpanzer, in den man vorher an einer Stelle ein kleines Loch gebohrt hatte, und legte ihn ins Feuer. Der Panzer zersprang an der Stelle, wo das Loch ist. Das Bild Zhao, das sich dabei zeigte, war die Antwort, es ist das Zeichen für »Vorhersage«, abgeleitet für das »Omen«, also das »Schicksal«. Das Zeichen deutet auf vielfältige Splitterungen hin, die in alle Richtungen gehen, niemals gleich sind. Daher ist Zhao auch die für damals und für heute höchste Zahleinheit – eine »Million« oder jetzt eine »Billion«. Vielleicht ist das auch ein Zeichen oder eine Vorhersage, dass weitere unzählige »Wörter« entstehen werden.

Vom Orakel zur Schrift

Im ersten Lexikon Shuowen Jiezi »Wort- und Zeichen-Erklärung«, das etwa im Jahr 100 n. Chr. geschrieben wurde, haben wir eine Sammlung von 9400 einzelnen Schriftzeichen. Die »Orakelknochenschrift« wurde dabei nicht berücksichtigt, weil man zur damaligen Zeit diese Schrift noch nicht wiederentdeckt hatte. Der Verfasser versuchte, die Zeichen nach ihrer Herkunft und ihren Bedeutungen zu erklären und zu ordnen. Damit entstand das Liu Shu – »Sechs Schreiben« in der Bedeutung »Sechs verschiedene Variationen der Entstehung der Schriftzeichen«. (Nach heutiger Meinung gibt das Liu Shu die Herkunft der Schriftzeichen zum Beispiel aus linguistischer Sicht nicht korrekt an; allerdings kann man auch jetzt bestimmte Zeichen der Orakelknochenschrift noch nicht entziffern, sie symbolisierten möglicherweise Töne.)





Egal wie diese Schriftzeichen zugeordnet werden, es ist immer eine Darstellung relativ weniger Bildsymbole, die entweder selbstständig für einen Sinn stehen oder in irgendeiner Art und Weise zusammengesetzt wurden. Heute benutze ich am häufigsten das Xinhua Zidian »Wörterbuch Neues China«, das ich vor 30 Jahren gekauft habe und das über 10.000 Zeichen umfasst, wovon etwa 7000 häufig verwendet werden. Hier wird das Zeichen nur in seiner Bedeutung erklärt.

Es bleiben jedoch Fragen: Warum heißt das Zeichen so? Warum bedeutet das gleiche Zeichen im anderen Augenblick etwas anderes? Auch die Vielfalt der Bedeutungen eines Zeichens konnte ich lange nicht erklären. Mit anderen Worten, man muss verstehen, wie man es verwendet, was zum Beispiel die »Vorsicht« bedeutet, und wann und in welcher Situation man es benutzt; niemand wird weiter fragen, warum es das bedeutet. Und auch wenn einer fragt, bekommt er oft keine Antwort. Die chinesischen Schriftzeichen, zumindest ein

Teil der Zeichen, hinterlassen auf Grund ihres besonderen »Aussehens« – Fang Kuai Zi – recht- eckiges Zeichen – eine Spur, die uns zur Quelle führen kann. Es ist eine Einführung in die (philosophischen) Grundlagen der Schreibkunst – nicht durch einen »fachchinesischen« Vortrag, sondern indem die sich in Bildern äußernden Vorstellungen der chinesischen Weltanschauung nach- gezeichnet werden. Sie sind in den chinesischen Schriftzeichen verborgen.

Ihre Interpretation führt auf einen spannenden Weg durch die chinesische Kulturgeschichte. Sie bringt oft überraschend einen anderen Sinn zum Vorschein, als es uns die im Abendland ver- wendeten Entsprechungen und Übersetzungen nahelegen. Wenn wir hinter diesen Zeichen die außergewöhnlichen Bilder entdecken, entdecken wir eine neue Welt, denn diese Bilder sind nicht allein für unser Auge bestimmt, vielmehr sind sie eine Komposition für unser Gehör und unsere Empfindung und sie sind ein Erbe des gesamten Lebens der Menschheit.

Es beginnt mit einigen einfachen Bildzeichen. Es sind dies Bilder, die man mit einfachen Strichen darstellt. An diesem Punkt zweifelt niemand, die alte Lehre und die moderne Forschung sind sich einig, dass sie aus Bildern entstanden sind. Wenn wir einige dieser Zeichen haben, können wir mit ihnen spielen und arbeiten. Man setzt die Zeichen auf diese oder jene Weise zusammen oder ergänzt ein Zeichen und bekommt damit ein neues. Setzt man die »Sonne« und den »Mond« zusammen, so erhält man das Zeichen Ming für »hell« oder »der Morgen«. Es bedeutet auch »der nächste Tag«, »morgen«, weil der Tag eben mit dem Tagesanbruch – dem Morgen anfängt. Jian bedeutet »Raum«, der wiederum den Zwischenraum wie eine Spalte repräsentiert. Das Zeichen wird aus der »Sonne« und dem »Tor« zusammengesetzt. Setzt man den »Menschen« an den »Baum«, entsteht das Zeichen Xiu für »Ausruhen« beziehungsweise »Aufhören«. Tun wir zwei Bäume zusammen, bekommen wir Lin »den Wald«, drei Bäume bilden Sen »Urwald«.

Fügt man die »Hände« und einen »Stock« als Verriegelung in das Tor, entsteht das Zeichen für Kai »öffnen«. Das Schriftzeichen Qian für Geld setzt man aus »Metall oder Gold und Waffe« zusammen. In den Museen können wir sehen, dass die ersten Münzen in einer Waffenform hergestellt wurden. Ping bedeutet eben, flach, ruhig, still. Das Zeichen stellt eine »Waage« dar, weil die beiden Seiten gleich sein sollen. Deswegen bedeutet es auch gleichmäßig, gerecht, ehrlich. Ben, das Schriftzeichen für Wurzel, zeigt einen »Baum« mit Betonung des unteren Teils; Mo, für Wipfel, zeigt einen »Baum« mit Betonung der oberen Teils.

Das Schriftzeichen Fu für Glück zeigt in der Orakelschrift links einen »Opfertisch« und rechts einen »Weinkrug«. Das Schriftzeichen Rou für weich/ sanft wird als eine Waffe dargestellt. Man setzt das Zeichen aus »Speer« (oberer Teil) und »Holz/ Baum« (unterer Teil) zusammen.

Jing, »die Stille«, besteht aus mehreren Teilen. Der linke Teil zeigt die »erste Pflanze«, die aus der tiefsten Erdmitte Dan (wie in Dantian) gesprossen ist, und steht für »grün«, die Farbe dieser Pflanze, womit auch der Beginn des Lebens symbolisiert wird. Während der rechte Teil den »Kampf« bedeutet, weil er darstellt, wie »zwei Hände um einen Stock/Speer« ringen.

Das einzelne Schriftzeichen kann zunächst ein einzelnes Wort oder ein einzelner Begriff sein, wie bildlich dargestellt, es kann aber auch verschiedene Wörter oder Begriffe bedeuten. Die Zeichen werden nicht von Anfang an so viele Bedeutungen gehabt haben, weil es schwer vorstellbar ist, dass der Mensch schon zu Beginn an alles gedacht hat. Ein Zeichen entwickelt sich, nimmt immer mehr Bedeutungen an.

Das Schriftzeichen Ka enthält die Zeichen für oben und unten. Es bedeutet etwas wie »Bergpass«, weil es so dargestellt werden kann, wenn wir es in der Mitte (am horizontalen Strich entlang) knicken und hinstellen – nun ist der vertikale Strich gebrochen und wie ein Weg, der über einen Berg führt. Wo ein Bergpass ist, dort ist auch die »Grenze«; wo ein Grenzzugang ist, dort errichtet man eine »Festung wie eine Burg«, um zu kontrollieren, ob einer in guter Absicht kommt, also wird der »Reise- pass« kontrolliert. Alle diese Wörter sind diesem Zeichen zugeschrieben. Zwischen dem Bergpass und dem Reisepass liegen bereits 3000 Jahre. Das Schriftzeichen wird »Ka« (manchmal auch Qia, zu Deutsch Tscha) gesprochen. Auch hierfür gibt es einen Grund. Ich nehme an, dass es daher kommt, dass man das Zeichen nicht auf einem glatten Papier, sondern in dieser geknickten Stellung als eine Bewegung sieht, wobei sich diese Bewegung so an- hört, als wenn jemand ein Bambusstäbchen oder ein Stöckchen bricht, eben »Ka« oder »Qia«.

Ich habe oft im Anschluss an einen Vortrag angedeutet, dass der Buchstabe K wie ein langes vertikales Stäbchen auf der linken Seite plus dem geknickten Teil auf der rechten Seite aussieht. Das Zeichen bedeutet auch »knicken« oder »brechen«, steht auch für »Hindernisse«. Wenn zum Beispiel auf der Autobahn ein Unfall passiert, dann ist der Verkehr ge-»Ka«-t, also gebrochen. In den Bach darf ein Kind keine Steinbrocken hineinwerfen, sonst wird der Fluss ge-»Ka«-t, gebrochen. Oder man kann jemandem den Hals »Qia« – brechen. Weil das Zeichen auch »Pass« bedeutet, heißen dementsprechend alle »Karten« Ka, so tauschen

Geschäftsleute, die sich treffen, zuerst die Ka – »Visitenkarten«, oder man zeigt erst Ka – die »Bankkarte«, um Geld abzuheben. Da man am Anfang nicht so einfach das englische »car« übersetzen konnte, schuf man aus phonetischer Sicht den neuen Begriff Ka-Wagen, der heute für LKW steht. Es gibt noch weitere Eigenschaften an diesem Zeichen. Seit über 5000 Jahren hat das Zeichen so viele Bedeutungen angenommen, es ist sehr jung und lebendig, seine Geschichte wird bestimmt noch länger und älter.

Das ist nur ein Beispiel, dass ich mit wenig »nach Beweisen Suchen«, eher mit viel »Fantasie« den möglichen Zusammenhang wiedergegeben habe. (Sinologen und Linguisten sind demgegenüber skeptisch. Große Fantasie und vorsichtige Nachforschungen sind erforderlich, weil man nirgendwo in den Büchern einen sogenannten exakten »Beweis« findet.) Die Bedeutungen dieses Schriftzeichens sind in diesem und jenem Wörterbuch oder in einem alten Klassiker vorgekommen, ich habe sie bildlich vorgestellt.

Die Lexika werden hier von Jahr zu Jahr dicker, weil man neue Wörter aufnimmt. Das chinesische Wörterbuch wird auch dicker, nicht weil wir neue Zeichen erschaffen, sondern weil den alten Zei- chen neue Bedeutungen hinzugefügt werden. Kann man alle Zeichen so erklären? Die Antwort ist: Ja. Aber bis jetzt hat noch keiner das annähernd geschafft. Das ist bereits die Lösung.

Kalligraphie EinsDas »–« bedeutet eins. Ihm folgen zehntausend Sachen nach, in dem Fall zehntausend andere Wörter. Auch in der Kalligraphie beginnen wir mit einer Eins – dem Querstrich. Man setzt den Pinsel an (Anfang), bewegt ihn rhythmisch und zieht sorgfältig eine Linie (Weg gehen), setzt den Pinsel wieder an (Ende) und führt ihn zurück, um einen neuen Strich zu ziehen. In diesem Verlauf »Anfang – Weg – Ende« – ist es nicht nur eine Eins, es kann auch ein Artikel oder ein gesamtes Buch sein, oder es kann das ganze Leben und das Universum sein. Mit jedem Schritt entstehen neue Erfahrungen und neues Wissen.

Mit jeder »Eins« gewinne ich neue Empfindungen.

Tipp: Lesen Sie auch Kalligraphie – Kunst und Meditation

Autor: Wang Ning

Kalligraphien: Wang Ning