Taiji Schwert und Säbel

Geschichtliche Entwicklung von Schwert und Säbel

Hinweis: Das vorliegende Manuskript ist in gedruckter Fassung in der Zeitschrift „Taijiquan und Qigong Journal“ erschienen, in der Ausgabe 51 (Heft 1/2013, S. 32-39). Die Druckfassung ist vom Umfang her leicht gekürzt und etwas verändert, v. a. enthält sie weder ein Inhaltsverzeichnis noch ein ausführliches Literaturverzeichnis.

Gliederung

Einführung

Entwicklung der Klingenwaffen in der chinesischen Geschichte

Dao – der Säbel

Entwicklung der Säbeltechniken

Jian – das Schwert

Kulturelle Bedeutung des Schwerts

Rituelle Bedeutung des Schwerts

Schwerttanz

Männliche und weibliche Aspekte des Jian

Fazit

Lebenslauf des Autors

Literatur

Einführung

In dem ersten Teil der Artikelserie wurde ein allgemeiner Überblick über traditionelle Waffen gegeben, die in den chinesischen Kampfkünsten zum Einsatz kommen bzw. kamen. In dem hier vorliegenden zweiten Teil geht es nun um die geschichtliche Entwicklung und kulturelle Bedeutung der klassischen Klingenwaffen, die in allen Stilrichtungen des Taijiquan verwendet werden: Schwert (Jian) und Säbel (Dao).

Entwicklung der Klingenwaffen in der chinesischen Geschichte

Wie in anderen Kulturen auch, ist die Ursprungsform der Klingenwaffen in China auf die Verwendung von Werkzeugen mit Steinklingen in der Steinzeit zurückzuführen. Belegt ist dies ab etwa 5000 v. Chr., verwendete Materialien waren z. B. Obsidian und Jade. Spätestens ab der Shang-Dynastie (ca. 16. bis 11. Jh. v. Chr. [13a, Schm08, S. 136]), dem Beginn der chi­nesischen Bronzezeit, sind Klingenwaffen aus Bronze nachgewiesen [Bohn06a, S. 33]. In der Zhou-Dynastie (ca. 1122/1045-256 v. Chr. [13b, Schm08, S. 136]) kam es dann zu einer Diffe­renzierung in das gerade, zweischneidige Schwert, Jian, einerseits und den gebogenen, ein­schneidigen Säbel, Dao, andererseits [Zhan09, S. 3]. Zunächst war das damals noch recht kur­ze und meist in Weidenblattform [Bohn06a, S. 33] hergestellte Jian deutlich verbreiteter und beliebter als der Dao, da sich gebogene Säbelklingen in hinreichender Qualität und Länge mit dem Bronzegussverfahren nur schwer herstellen ließen [Zhan09, S. 4]. Insgesamt waren da­mals allerdings beide Waffen auf dem Schlachtfeld eher von untergeordneter Bedeutung. Vor allem in den nördlichen Ebenen wurde meist vom Streitwagen aus gekämpft, der Fokus lag daher auf Fern- und Langwaffen [Bohn06a, S. 33]. In Schriftstücken aus dieser Zeit wird bei der Beschreibung von Schlachten meist auf die heroischen Aktionen einzelner gut ausgerüsteter Adliger abgehoben, die einen Teil der Besatzung der Streitwagen darstellten [Peer90, S. 13].

Seit der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (722-481 v. Chr. [13c, Schm08, S. 136]) sind Klingenwaffen aus Ei­sen nachgewiesen. Aufgrund der anfänglich schlechten Qualität dieser Waffen waren sie al­lerdings vorerst nicht besonders beliebt. Erst ab der Qin-Dynastie (221-206 v. Chr. [13d, Schm08, S. 136]) ersetzten die nun deutlich besser hergestellten Klingen aus Eisen und später dann aus Stahl die älteren Bronzewaffen [Zhan09, S. 5]. Das Jian war zu dieser Zeit nach wie vor kürzer als die heute üb­lichen Schwerter, dafür dicker, breiter und schwe­rer und besaß noch keinen Handschutz. Die überwiegende Einsatzmethode war der gerade Stich, Hiebattacken waren allerdings auch möglich [Bohn06b, S. 60].

Hier findet sich eine interessante Parallele zur europäischen Geschichte, wo in der Bronzezeit ab ca. 1700 v. Chr. mit den Mykenern die erste Hochkultur des europäischen Festlands entstand. Die mykenische Kriegsführung war, wie die frühe chinesische, geprägt durch den Ein­satz von Streitwagen [Warr95, S. 14–15] und die Ilias von Homer (ca. 8. Jh. v. Chr. [13e]) ist voller wunderschöner Beschreibungen der Taten der individuellen Helden, die in diesen Wa­gen ge­fahren sind. Etwa ab 700 v. Chr. wurde diese Periode von der griechischen Antike ab­gelöst. Wie in China standen auch den Kriegern in Griechenland, den Hopliten, zwei Typen von Klingenwaffen zur Verfügung, eine gerade und eine gebogene. Die eine war der dem Jian der Zhou-Dynastie vergleichbare gerade, zweischneidige und weidenblattförmige Xiphos [13f]. Die an­dere war der gebogene Kopis [13g], der allerdings, anders als der chinesische Dao, eine sichelför­mig nach vorne geneigte Spitze hatte [Seku00, S. 16–17]. Die römischen Legionäre der frü­hen und hohen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr. [13h]) kämpften dann mit dem aus Eisen gefertigten geraden Gladius [13i, Junk03, S. 180–184], der keinen ausgeprägten Handschutz be­saß und insgesamt dem Jian der Han-Dynastie, also der Folgedynastie der Qin, vergleichbar ist. Die Römer entwickelten den Schwertkampf deutlich weiter und setzten primär auf den ge­raden Stich, wobei mit einem Gladius auch effektive Hiebe ausge­führt werden konnten [Junk03, S. 184–186].

Ein weiterer wichtiger Schritt in der Entwicklung der Klingenwaffen in China, der ebenfalls während der Qin-Dynastie stattfand, war der Umstand, dass der Dao das Jian im militärischen Einsatz zu verdrängen begann. Der Grund hierfür war der zunehmende Einsatz der Kavallerie in der chinesischen Kriegsführung. Für den Einsatz vom Pferderücken aus hat eine gebogene, einschneidige Klinge mit stabiler Rückseite viele Vorteile gegenüber einer geraden Klinge [Zhan09, S. 5].

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Abbildung 1: Huan Shou Dao („Ringkopfsäbel“) aus der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) mit einer Länge von 117,5 Zentimetern und einer maximalen Klingenbreite von 2,6 Zentimetern. Der runde Knauf am Griff hat einen Durchmesser von 6,5 Zentimetern. Quelle: Macao Museum of Art, Exhibition: History of Steel in Eastern Asia

Während der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr. [13j, Schm08, S. 136]) wurde das Jian länger, sowohl hinsichtlich der Klinge als auch des Griffs. Die Übergangsstelle zwischen Klinge und Griff wurde mit einer Parierstange bzw. einem Handschutz versehen [Bohn06a, S. 36]. Zur selben Zeit wurde der Huan Shou Dao („Ringkopfsäbel“) sehr beliebt, der eine recht dünne und lange Klinge mit einer nur geringfügigen Krümmung hatte und am Knauf einen Ring aufwies, von dem sich auch der Name ableitet (s. Abb. 1 [13k]). Säbel von diesem Typus wurden in größerer Anzahl nach Japan exportiert, wo sie sich zu dem heute weltberühmten Katana entwickelten, der Waffe der Samurai [Zhan09, S. 5–6].

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Abbildung 2: Darstellung von Positionen mit Säbel und Schild aus dem militärischen Handbuch Ji Xiao Xin Shu („Neues Buch über effektive Disziplin“) von General Qi Jiguang (1528-1588 n. Chr.). Quelle: Zhang Yun (2009)

Während der Zeit der Drei Reiche (ca. 220-280 n. Chr. [13l, Schm08, S. 136–137]) etablierte sich der Dao dann neben der Kavallerie auch als die Standardkurzwaffe die Infanterie [Zhan09, S. 8]. Dies lag daran, dass die Fähigkeiten, die sich für einen Einsatz von Armeen auf dem Schlachtfeld am besten eignen, solche sind, die leicht zu lehren und zu erlernen sind, sich gut einprägen lassen und sich dann auch unter extremem Stress noch anwenden lassen [Zhan09, S. 22]. Diese Voraussetzung erfüllt der Dao deutlich besser als das Jian, so dass er zu der Kurzwaffe der Wahl der einfachen Soldaten wurde, wobei er meist in Kombination mit einem Schild eingesetzt wurde (s. Abb. 2 [Zhan09, S. 23]). Lediglich bei den Offizieren blieb das Jian aufgrund seiner Wirkung als Statussymbol die bevorzugte Kurzwaffe [Zhan09, S. 8].

Der Trend, dass die Klingen des Jian länger und dünner wurden, hielt an und während der Tang-Dynastie (618-907 n. Chr. [13m, Schm08, S. 137]) bildete sich die Schwertform heraus, die im Prinzip auch heute noch bekannt ist [Zhan98, S. 19] (s. Abb. 3 [Zhan98, S. 20]). In der Song-Dynastie (960-1279 n. Chr. [13n, Schm08, S. 137]) wurden dünne und lange Säbel vom Typus des Huan Shou Dao zunehmend unbeliebt und anschließend in China gar nicht mehr hergestellt [Zhan09, S. 14]. Es bildete sich eine große Bandbreite an Säbeln heraus, die dazu tendierten, breiter, kürzer und stärker gekrümmt zu sein. Man spricht hier übergreifend von Shou Dao („Handsäbel“) [Zhan09, S. 11].

Abb_03_Entwicklung_Jian
Abbildung 3: Übersicht über die Entwicklung des Jian. Von links nach rechts:
– Bronzeschwert, Zhou-Dynastie (ca. 1122/1045-256 v. Chr.),
– Bronzeschwert, Frühlings- und Herbstperiode (722-481 v. Chr.),
– Bronzeschwert, Qin-Dynastie (221-206 v. Chr.),
– Eisenschwert, Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.),
– Stahlschwert, Tang-Dynastie (618-907 n. Chr.),
– Stahlschwert, Song-Dynastie (960-1279 n. Chr.),
– Stahlschwert, Ming-Dynastie (1368-1644 n. Chr.) und
– Stahlschwert, Qing-Dynastie (1644-1911 n. Chr.).
Quelle: Zhang Yun (1998)

Während der Ming-Dynastie (1368-1644 n. Chr. [13o, Schm08, S. 137]) kam es an den chi­nesischen Küsten zu einem zu­nehmenden Problem mit japanischen Piraten. Viele dieser Pira­ten, häufig ehemalige Sa­murai, waren mit Katanas bewaffnet und der chinesische Ge­neral Qi Jiguang (1528-1588 n. Chr. [13p, Lorg12, S. 8]) zeig­te sich sowohl von der Waffe als auch dem zugehörigen Kampfstil tief beeindruckt [Zhan09, S. 14–15]. Er sorgte dafür, dass auch in China wie­der ein ähnlicher Typ an Dao, mit dünner, langer, nur schwach gekrümmter Klinge, hergestellt wurde, der sog. Miao Dao („langer schlanker Säbel“). In einigen chinesischen Kampf­künsten wird der Miao Dao, der mit zwei Händen zu führen ist, bis heute verwendet [Zhan09, S. 31–32].

Ein extremer Gegensatz zum besonders langen Säbel entstand vermutlich auch während der Ming-Dynastie, der Hu Die Dao („Schmetterlingssäbel“), s. Abb. 4. Diese Variante, die vor allem in Südchina beliebt war und ist, ist besonders kurz, wodurch sie einfach zu tragen und zu verstecken ist [Yang99a, S. 77–78]. Der Handschutz des Hu Die Dao besitzt an der Rück­seite einen nach oben gebogenen Haken, der besondere Techniken erlaubt, um die gegneri­sche Waffe einzuhaken und zu fixie­ren, und es ggf. ermöglicht, den Gegner zu entwaffnen. Der Schmetterlingssäbel, der grund­sätzlich als Paar eingesetzt wird, ist bis heute die Stan­dardkurzwaffe des Yongtjunquan (bes­ser bekannt unter dem kantonesischen Namen, Wing Chun Kuen), wo er die Grundlage für die gesamte Waffenausbildung darstellt [13q].

Der populärste Säbeltypus blieb allerdings die Version mittlerer Länge zwischen dem Miao Dao und dem Hu Die Dao. Ab der Qing-Dynastie (1644-1911 n. Chr. [13r, Schm08, S. 137]) sprach man von Yao Dao („Hüftsäbel“), wobei sich der Name von der bevorzugten Trageweise ableitete, bei der der Säbel in einer Scheide steckte, die am Gürtel befestigt war [Zhan09, S. 16]. Es gab mehrere verschiedene Varianten an Yao Dao, allerdings etablierte sich als be­liebteste Form der Niu Wei Dao („Ochsenschwanzsäbel“). Der Niu Wei Dao ist der gängigste Säbeltyp, der bis heute in den meisten chinesischen Kampfkünsten, so auch dem Taijiquan, zum Einsatz kommt [Zhan09, S. 29].

Dao – der Säbel

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Abbildung 4: Hu Die Dao („Schmetterlingssäbel“), eine kurze Säbelvariante, die besonders in Südchina beliebt ist und im Wing Chun die Grundlage für die Waffenausbildung darstellt. Die abgebildeten Ex¬emplare haben eine Gesamtlänge von 50 Zentimetern, bei einer Klin¬genlänge von 36 Zentimetern und einer maximalen Klingenbreite von 5,7 Zentimetern. Foto: Archiv J. Harloff-Puhr

Ein Sprichwort besagt „Der Säbel ist stark, der Kampf wird durch Kraft gewonnen; das Schwert ist weich, der Kampf wird durch Technik gewonnen.“ [Yang99b, S. 7] Grundsätzlich gilt der Dao als die leichter zu erlernende Waffe. Aus diesem Grund stellt er in den meisten chinesischen Kampfkünsten den Anfang des Waffentrainings dar und gilt als Grundlage für alle Kurzwaffen [Yang99a, S. 7].

Entwicklung der Säbeltechniken

Wie oben im geschichtlichen Abriss erläutert wurde, war der Dao seit der Zeit der Drei Reiche die Kurzwaffe der Wahl des Militärs. Grundsätzlich wurde in der chinesischen Militärgeschichte ein hohes Niveau der Soldaten in den Kampfkünsten als relativ unwichtig angesehen. Tatsächlich spielten für den Erfolg einer Armee ganz andere Aspekte die entscheidende Rolle, z. B. die Fähigkeit der Soldaten, als kohärente Einheit zu agieren. Abseits des Schlachtfelds, etwa im Duell oder im Scharmützel kleiner Gruppen, ist das individuelle Niveau in den Kampfkünsten eines einzelnen Kämpfers dagegen von ent­scheidender Bedeutung. Das Ziel ziviler Kampfkunstgruppen war daher von jeher das Errei­chen einer hohen Kunstfertigkeit durch lange Perioden intensi­ven, spezialisierten Trainings. Aus diesem Grund erlangten die Säbeltechniken in diesem zivi­len Umfeld ein deutlich höhe­res Niveau als im Militär [Zhan09, S. 22–23].

Als Theorie und Praxis des Kampfs mit dem Dao immer ausgefeilter wurden, wurde dessen Effektivität auch vom Militär zur Kenntnis genommen und der Versuch unternommen, eine komprimierte Form der zivilen Kampfkunstsysteme auch in das Säbeltraining der Soldaten zu integrieren. In Zeiten, wo dies besonders vonnöten war, wurden gerne berühmte Kampfkunstmeister eingeladen, um die Truppen zu unterweisen. Orientiert an den Anforderungen des Schlachtfelds wurden diejenigen Fähigkeiten betont, die einfach zu erlernen und anzuwenden waren, und diese Fertigkeiten wurden in das Training und das taktische Vorgehen im Kampf integriert. Die Erkenntnisse aus der Verwendung bestimmter Prinzipien und Techniken im realen Einsatz auf dem Schlachtfeld flossen wiederum an die ausbildenden Kampfkünstler zu­rück und halfen ihnen, den Umgang mit dem Säbel noch tiefer zu verstehen und zu optimie­ren. Über die Zeit hinweg hat dieser kontinuierliche Zyklus des Informationsaustauschs zwi­schen dem Militär und den zivilen Kampfkünstlern dazu geführt, dass die Verwendung des Dao als effektive Waffe in den chinesischen Kampfkünsten einen sehr hohen Standard er­reichte [Zhan09, S. 24–25].

Diese Entwicklung hat sich tatsächlich bis ins 20. Jahrhundert hinein fortgesetzt, und zwar bis zum Zweiten Weltkrieg. Für die Bedürfnisse der chinesischen Armee entwickelten damals mehrere bekannte Kampfkunstmeister ein Konzept für den Nahkampf mit dem Dao, der aus einigen simplen aber sehr brauchbaren Säbeltechniken bestand. Diese Techniken wurden den Soldaten der berühmten „Brigade der großen Hacksäbel“ (Da Dao Dui) beigebracht. Diese Brigade erwarb einigen Ruhm während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs von 1937 bis 1945 und wurde von den japanischen Soldaten aufgrund ihrer Fähigkeiten mit dem Dao gefürchtet [Zhan09, S. 25–26].

Jian – das Schwert

Das Jian gilt in China als eine der am schwersten zu erlernenden Waffen. Gleichzeitig hat es eine sehr hohe symbolische Bedeutung, die weit über den Einsatz als Waffe hinausgeht.

Kulturelle Bedeutung des Schwerts

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Abbildung 5: Qin Shi Huang (259-210 v. Chr.), der Gründer der chinesischen Qin-Dynastie sowie des chinesischen Kaiserreiches, in einer Darstellung mit prominentem Schwert als Zeichen seiner Staatsgewalt.
Quelle: Wikimedia Commons

Obwohl der Dao für das Militär die weitaus größere Rolle gespielt hat, ist die Bedeutung des Jian für die chinesische Kultur viel ausgeprägter. Bis heute gilt das Jian sprichwörtlich als „Bairen Zhi Jun“, die „Edelste unter den 100 Klingen“. Bereits im Altertum hielt man es für einen mystischen Gegenstand, der ex­trem geschätzt wurde. Diese Art der Vereh­rung ist interessanterweise kein typisch chine­sisches Phänomen, sie findet sich in praktisch allen frühen Hochkulturen der Erde wieder. Ein relativ naheliegender ethno-psychologi­scher Erklärungsansatz hierfür ist die ausge­prägte Phallusgestalt des Schwerts, die in den meisten Frühkulturen eine relevante Symbolrolle innehatte [Bohn06a, S. 32]. Bereits früh war es üblich, dass ein Jian von hoher Quali­tät einen Eigennamen erhielt [Bohn06a, S. 33, Bohn06b, S. 58, Yang99b, S. 1]. Auch dies ist übrigens eine Praxis, die sich in vielen an­deren Kulturen findet, besonders ausgeprägt z. B. in der germanischen Kriegertradition [Laib06, S. 17].

Die symbolische Bedeutung des Schwerts blieb in China vom Altertum an bis in spätere Zeiten ungebrochen. Vom Kaiser angefangen über die kaiserlichen Minister und Beamter, von den Lehnsherren und Adligen bis hin zum normalen Bürger galt das Jian seit jeher als Rangabzeichen der Würdenträger, das gleichzeitig zur persönlichen Selbstverteidigung gute Diens­te leistete [Bohn06a, S. 36]. Bei offiziellen staatlichen Riten zeigte das Jian die gesellschaftliche Stellung seines Trägers an, bis hin zum der Kaiser, der dieses Symbol seiner Staatsgewalt beispielsweise verwendete, um seinen Vasallen und Lehnsherren das Recht über Ländereien zuzusprechen [Bohn06b, S. 58] (s. Abb. 5 [13s, 13t]).

Auch hier zeigt sich wieder eine bemerkenswerte Parallele zur europäischen Kultur des Mittelalters, in der das Schwert ebenfalls als Statussymbol die Stellung seines Trägers kennzeichnete und auch neben Krone und Zepter zu den Reichsinsignien gehörte, die die Feudalherrschaft des Kaisers oder Königs repräsentierten [Laib06, S. 15] (s. Abb. 6 [13u]).

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Abbildung 6: Der Deutsche Kaiser Otto I. (912-973, im Bild bezeichnet als „Otto I. Thevconicor[um] REX“) empfängt als Zeichen der Unterwerfung ein Schwert vom knienden König Berengar II. („Beringarius“). Ein Gefolgsmann Ottos trägt ein Schwert mit der Spitze nach oben als Zeichen der Richtgewalt. Illustration aus einer Hand¬schrift der Weltchronik Ottos von Freising, um 1200. Quelle: Wikimedia Commons
Das Jian steht auch schon lange als Symbol für Gerechtigkeit. Damit wurde es zur geradezu archetypischen Waffe der chinesischen Youxia, der fahrenden Ritter, die durch das Land zogen, um das Unrecht in allen seinen Erscheinungsformen zu bekämpfen [Bohn06b, S. 58]. Anders als in Europa handelte es sich bei diesen „Rittern“, nicht um einen Adelsstand, der sich von der Abstammung der Person ableitete, sondern um eine Lebensweise, die jemand bewusst gewählt hatte [Liu67, S. 2–4]. Verschiedene historische Dokumente nennen als Youxia Prinzen, Regierungsbeamte, Poeten, Musiker, Ärzte, Soldaten, Händler oder Metzger [13v]. Entscheidend waren das Temperament, die Freiheitsliebe und das Gerechtigkeitsempfinden einer Person, nicht der soziale Status [Liu67, S. 2–4]. Da sich von den real existierenden Youxia die Tradition der sog. Wuxia-Romane ableitete, wurde die Symbolkraft des Jian perpetuiert und verstärkt, als eine Waffe, die eingesetzt wird, um diejenigen, die in Not sind, zu beschützen und ihr Recht durchzusetzen [Teo09, S. 17–21].

Rituelle Bedeutung des Schwerts

Seit der Zeit der Drei Reiche sind, v. a. durch eine zunehmende Beeinflussung durch Schamanismus und Daoismus, eine ganze Reihe von Wunderschwertern, Shen Jian, bekannt, die zu zahlreichen obskuren Praktiken eingesetzt wurden, etwa zum Vertreiben von Gespenstern, zum Exorzieren von Dämonen, zum Unsichtbarmachen oder zur Tötung auf große Distanz. Ihre mystischen Kräfte erhielten diese Klingen durch spezielle Herstellungsverfahren und Gravuren [Bohn06a, S. 37, Bohn06b, S. 58].

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Abbildung 7: Lü Dongbin, einer der Acht Unsterblichen aus der chinesischen daoistischen Mythologie. In Bildern wird er meist in der Kleidung eines Gelehrten dargestellt, bewaffnet mit einem magischen Schwert (das er hier auf dem Rücken trägt), mit dessen Hilfe er böse Geister und Dämonen vertreiben kann. Quelle: Wikimedia Commons

Auf dem Einsatz des Jian von taoistischen Mönchen für mystische Praktiken basiert auch die Tradition der Schwertkunst aus dem Wudang-Gebirge [Bohn06b, S. 66, Endnote 5, HuCh09]. In taoistischen Ritualen wird das Schwert häufig als symbolische Waffe verwendet, um böse Kräfte zu überwinden (s. Abb. 7 [13w]). Traditionell wurden Schwerter auch den Taoisten gegeben, die sich auf Wanderschaft begaben, um das Zerschneiden aller ihrer Bindungen an die materielle Welt zu symbolisieren [13x]. Mit der Zeit wurde das Jian dann mehr und mehr zu einer echten Waffe, die die Mönche zur Selbstverteidigung bei sich trugen [Lu09, S. ix]. Tat­sächlich galt das Schwert als eine „sanftmütige Waffe“, die man verwenden kann, um einen Gegner zu „überzeugen“, statt ihn mit roher Gewalt zu töten [Zhan98, S. 263]. Dies basiert auf der Möglichkeit, mit der sehr scharfen Klinge des Jian präzise Schnitte zu setzen, die beispielsweise die Waffenhand des Gegners ausschalten oder durch mehrere oberflächliche Wunden zu einem Blutverlust führen, der den Gegner zwar hinreichend schwächt, um ihn kampfunfähig zu machen, aber nicht zu seinem Tod führt.

Die Schwerttradition des Wudang-Gebirges beruft sich, genau wie das Taijiquan, auf den le­gendären Zhang Sanfeng als Gründer. Wie man in dem sehr informativen Buch „Chinese Martial Arts Training Ma­nuals – A Historical Survey“ von Brian Kennedy und Elizabeth Guo nachlesen kann, ist dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lediglich ein My­thos und es ist davon auszugehen, dass Zhang Sanfeng mit den Kampfkünsten nichts zu tun hatte [KeGu05, S. 48]. Eine lesenswerte Passage von Brian Kennedy aus diesem Buch möchte ich an dieser Stelle zitieren[1] [KeGu05, S. 97–98]:

„Es gibt den gemeinsamen Wunsch in den chinesischen Kampfkunstsystemen, die Gründung an eine wichtige oder mysteriöse Figur zu koppeln. Die drei häufigsten Wahlmöglichkeiten als Gründungsperson sind der General Yue Fei, der Weise Zhang Sanfeng oder ein mysteriöser Tao­ist. Wenn man einen weiteren geheimnisvollen Nimbus ergänzen will, dann kann man sagen, dass der taoistische Mönch ein Albino, ein Zwerg, ein uralter Greis oder eine Kombination davon war. Ernsthafte Kampfkunsthistoriker las­sen solche Behauptungen außer Acht.“

[1] „There is a common desire in Chinese martial arts systems to link their founding to an important mysterious figure. The three most common choices for founders are General Yue Fei, the sage Zhang San Feng, or some mys­terious Taoist. If you want to add some further mystique you can say the Taoist monk was an albino, dwarf, ex­tremely aged, or some combination thereof. Serious martial arts historians disregard such claims.“

Die vergleichbaren Gründungsmythen des Wudang Jian und des Taiji Jian verweisen aber bereits auf eine enge Verwandtschaft dieser beiden Systeme.

Der Einsatz des Schwertes im Wudang-Gebirge hat in jedem Falle eine sehr lange Tradition und es kann davon ausgegangen werden, dass der Schwertkampf sowohl von den wandernden Mönchen als auch von den taoistischen Gemeinden in Tempeln seit Jahrhunderten praktiziert und perfektioniert wurde. Heutzutage ist Wudang Jian eine der berühmtesten und am meisten respektierten Schwerttraditionen in China [Lu09, S. ix–x]. Das Jian wurde tatsächlich so etwas wie ein „Markenzeichen“ für den Daoismus, so ähnlich wie der Langstock aufgrund der Geschichte des Shaolin-Tempels geradezu ein Wahrzeichen für den Buddhismus wurde [Shah08].

Es ist interessant, dass das Schwert auch im mittelalterlichen Europa über Jahrhunderte hinweg ein Symbol für eine Religion war, in diesem Falle natürlich für das Christentum. Nicht zufällig glich das Profil des ritterlichen Schwerts dem christlichen Kreuz. Tatsächlich wurde die gerade Parierstange im Mittelalter auch als „Creutz“ bezeichnet. Im Gegensatz dazu entsprach die Form des islamischen Säbels der Krümmung des Halbmonds. Die Waffe wurde bewusst dem Symbol der christlichen Ideale des Rittertums angeglichen [Laib06, S. 12]. Auch das Konzept eines wehrhaften, kriegerischen Mönchs, analog zum bewaffneten daoistischen oder buddhistischen Mönch in China, gab es in Europa. Die Mitglieder der geistlichen Ritterorden, z. B. Templerorden oder Deutscher Orden, legten Mönchsgelübde ab und lebten nach Ordensregeln, die denen anderer christlicher Orden vergleichbar waren (s. Abb. 8 [13y]).

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Abbildung 8: Sankt Georg rettet die jungfräuliche Königstochter vor dem Drachen (ein Symbol für das Böse), indem er diesen mit seinem Schwert tötet (Gemälde von Jost Haller, „Le Combat de Saint Georges“, ca. 1445-1450). Der heilige Georg wurde als „miles Christi“, als Soldat Christi, zur Identifikationsfigur der Ritter während der Kreuzzüge. Das Georgskreuz, ein gerades rotes Kreuz auf weißem Grund, wurde von den Kreuzfahrern als Erkennungssymbol genutzt, und Georg wurde eine entscheidende Heiligenfigur für die entstehen¬den Ritterorden, wie den Deutschen Orden oder die Templer, deren rotes Tatzenkreuz dem Georgskreuz stark ähnelt. Quelle: Das Drachen-Bestiarium

Und auch esoterisch-mystische Aspekte waren in Europa verbreitet, sowohl was das Schwert als Objekt angeht, als auch den Schwertkampf als Tätigkeit. Die Tradition, besonderen Schwer­tern magische Eigenschaften zuzuschreiben, war u. a. bei den Germanen verbreitet. Man denke beispielsweise an Gram, das Schwert von Sigurd (bzw. Sieg­fried). Zerbrochen von dem Gott Odin höchstper­sönlich wurde es später mit der Hilfe des Zwergs Regin neu geschmiedet und konnte anschließend sogar einen Amboss zer­schneiden [Laib06, S. 17]. Die Ehrfurcht vor den Eigenschaf­ten ausgezeichneter Klingen ging dabei, wie in China, deut­lich über den Bereich der Le­genden und Mythen hinaus, ihr magischer Charakter wurde durchaus ernst genommen. Die Relevanz mystischer Aspekte für das eigentliche Kampfge­schehen waren in Europa deutlich weniger ausgeprägt als in China, aber durchaus vorhanden. So findet sich in der berühmten Fechthandschrift von Hans Talhoffer aus dem Jahre 1443 ein ganzes Kapitel über die sog. „Namenmantik“, eine Form der Wahrsagerei über den Ausgang von Zweikämpfen, die auf den Namen der Kämpfer basierte und in Abhängigkeit von dem Wochentag und der Tageszeit eines Kampfes nicht nur den Gewinner, sondern auch den verwundeten Körperteil des Verlie­rers vorherzusagen imstande sein sollte [Bach07, S. 36–42].

Schwerttanz

Während, wie im ersten Teil dieser Artikelreihe beschrieben, in der Zhou-Dynastie noch der Umgang mit dem Bogen als eine der „Sechs edlen Künste“ angesehen wurde [Harl12, S. 26–27], änderte sich dies später und die Fertigkeit mit dem Jian wurde eine der „Fünf herausragenden Disziplinen“, wobei die anderen vier Guqin (ein Musikinstrument mit sieben Saiten), Weiqi (chinesischer Name für das Brettspiel Go), Dichtkunst und Malerei wa­ren. Diesen Dis­ziplinen unterstellte man, dass ihr Studium und ihre Ausübung der Formung des Charakters dienen, indem sie zu Rechtschaffenheit, einem vornehmen Geist, Zartgefühl und körperlichem Wohlbefinden führen [Zhan98, S. 21].

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Abbildung 9: Antikes Wandgemälde, das die Aufführung eines chinesischen Schwerttanzes darstellt. Im Hintergrund stehen vier Musiker, die auf ihren Instrumenten spielen, im Vordergrund sind acht Personen zu sehen, die den Schwerttanz vorführen. Quelle: Zhang Yun (1998)

Das Schwert erlangte daher auch in zivilen Kreisen eine erhebliche Bedeutung, v. a. in den Kreisen von Künstlern und Ge­lehrten. Ein Aspekt war hierbei durchaus die persönliche Selbst­verteidigung [Bohn06a, S. 36], es ging aber häufig eher um die körperliche Ertüchtigung [Bohn06a, S. 37–38], ganz ähn­lich, wie heutzutage Freizeit­sport betrieben wird, und die oben erwähnte Arbeit am eige­nen Cha­rakter. Häufig wird hier in den Überlieferungen von der Prakti­zierung von Schwerttänzen ge­sprochen, wobei nicht ganz klar ist, ob hiermit tatsächlich immer ein Tanz zu Musik ge­meint ist, oder ob nicht auch das Lau­fen von Soloformen, ähnlich, wie wir es heute kennen, darunter fällt [Bohn06a, S. 38].

Dass grundsätzlich Aufführungen von regelrechten Tänzen mit dem Jian mit musikalischer Untermalung, auch in größeren Gruppen, im alten China prakti­ziert wurden und sehr beliebt waren, ist aus zahlreichen Schriftstücken und Abbildun­gen klar belegt (s. Abb. 9 [Zhan98, S. 19]). Hier liegt er­neut eine spannende Analogie zur deutschen Geschichte vor, wo sich seit der Antike germa­nische Schwerttänze großer Be­liebtheit erfreuten. Diese Tradi­tion ging im Mittelalter in die Schwerttänze der Handwerkszünfte über, von denen einige bis in die Gegenwart tradiert wurden [HuBr87, S. 12–15] (s. Abb. 10 [HuBr87, S. 14]).

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Abbildung 10: „Fechten auf der Rose und Schlange im Nürnberger Schwerttanz“, Federzeichnung, um 1500. In dieser Aufführung eines Schwerttanzes stehen zwei Männer auf einem Gitter aus verwobenen Schwertern. Im Vordergrund wird in der Kette mit umfassten Schwertspitzen getanzt, Musik kommt von Pfeife und Trommel. Quelle: Henner Huhle und Helma Brunck (1987)

Die Beliebtheit und Verwendung des Schwerts in chinesischen Künstler- und Gelehrtenkreisen wurde so groß, dass es zur Herausbildung eines eigenen Schwerttyps kam, des Wen Jian („Gelehrtenschwert“). Dieser Typus wurde auch „weibliches Schwert“ genannt, die Ausfüh­rung war schlank und leicht mit abgerundeter Spitze. Das Wen Jian war definitiv nicht mehr für den Einsatz auf dem Schlachtfeld gedacht, sondern lediglich zur persönlichen Selbstvertei­digung, für den Tanz und die Körperertüchtigung oder gar für dekorative Zwecke. Zur Unter­scheidung sprach man im Gegensatz dazu vom „männlichen Schwert“ oder Wu Jian („Kriegs­schwert“), dessen Aufbau schwerer und wuchtiger war, mit ausgeprägter Spitze, so dass es für die Verwendung auf dem Schlachtfeld geeignet war [Bohn06a, S. 38, Yang99b, S. 14].

Männliche und weibliche Aspekte des Jian

Wie bereits weiter oben im Text beschrieben, ist das Schwert mit seiner Phallusgestalt mit einer ausgeprägt männlichen Symbolik belegt. Gleichzeitig ist das Jian aber schon lange, aufgrund seiner weichen und präzisen Führung, die nicht auf Kraft, sondern auf Technik basiert, die Waffe der Wahl für Frauen. In der chinesischen Geschichte gibt es zahlreiche bekannte Kampfkünstlerinnen, die für ihren Umgang mit dem Schwert berühmt waren. So lebte etwa in der Tang-Dynastie die Meisterin Gongsun Daniang, die v. a. durch eine spezielle, von ihr krei­erte Schwertform zu Ruhm kam, die äußerst beliebt wurde [Zhan98, S. 19].

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Abbildung 11: „Yue Nü macht eine Vorführung mit dem Schwert“, Steinabreibung aus der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.). Die „Maid von Yue“ zeigte dem König des Reiches, der sie an seinen Hof eingeladen hatte, ihre Kunst. Die Antworten, die sie ihm auf seine Fragen als Erläuterung zum Umgang mit dem Jian gab, sollten die Theorie des chinesischen Schwertkampfes bis in die heutige Zeit entscheidend prägen. Quelle: Zhang Yun (1998)

Die wohl berühmteste chinesische Schwertmeisterin ist aber die sog. „Maid von Yue“ (Yue Nü), deren Geschichte in den Frühlings- und Herbstannalen der Königreiche Wu und Yue überliefert ist, die während der Östlichen Han-Dynastie (25-220 n. Chr. [13z, Schm08, S. 136]) aufgeschrieben wurden (s. Abb. 11 [Zhan98, S. 17]). Laut den Annalen bekam der König von Yue zur Zeit der spä­teren Frühlings- und Herbstperi­ode (ca. 560-476 v. Chr. [Rann11, S. 60]) von einem treu­en Berater den Hinweis, er solle eine Frau, die im ganzen Reich für Ihre Schwertkunst berühmt war, einladen, damit sie seine Generäle im Schwertkampf unterrichte. Der König ließ darauf­hin nach dieser Frau schicken und fragte sie nach ihrer Ankunft an seinem Hof, auf welcher Theorie ihre Form des Schwertkampfes begründet sei. Die Antwort darauf ist in der Ge­schichte der chinesischen Kampfkünste recht berühmt geworden und sie soll hier in der schö­nen Übersetzung von Nabil Ranné wiedergeben werden [Rann11, S. 61]:

„Die Theorie ist sehr subtil und doch leicht zu verstehen. Ihre wahre Bedeutung aber ist versteckt und tief. Die Theorie beinhaltet sowohl große als auch kleine Türen, und Yin- und Yang-Aspekte. Öffne die große Tür und schließe die kleine, Yin schwindet und Yang blüht auf. Diese Theorie ist auf jede Form des Nahkampfes anzuwenden: im Inneren einen starken Geist, nach außen erscheine ruhig und gelassen; erwecke den Anschein einer rechten Frau und kämpfe wie ein furchteinflößender Tiger; dehne Energie (qi) in deinem gesamten Körper aus und bewege ihn mit deinem Geist (shen); bleib ver­schwommen wie die Sonne und schnell und flink wie ein umher springender Hase; nun verfolgt dein Gegner deine Form, nun verfolgt er deinen Schatten, und du blitzt immer wieder gegenläufig dazu auf; atme dementsprechend ein und aus und verstoße gegen keine Regel; seitlich und vor- und zurück, direkt attackieren oder entgegengesetzt schlagen, der Gegner hört dieses nicht. Diese Theorie wird es einer Person ermögli­chen, 100 zu widerstehen und 100, 10.000 zu widerstehen.“



Wie die Annalen weiter berichten, war der König sehr beeindruckt und verlieh der jungen Frau den Titel „Maid von Yue“. Dieser Text ist insofern faszinierend, als er, ganz unabhängig davon, ob er den Stand der Schwertkampftheorie von der Zeit, in der die Geschichte spielt darstellt, oder nicht viel eher von der Zeit, als die Annalen geschrieben wurden, eine der frühesten Verbindungen darstellt zwischen Kampfkunst, Qigong und Philosophie. Es ist auffällig, dass diese Ausführungen, die die chinesische Schwertkunst für die nächsten 2.000 Jahre nachhaltig beeinflussen sollten, bereits viele Elemente enthalten, die später typisch für die Theorie des Taijiquan wurden [Rann11, S. 61–62].

In jedem Falle blieb das Jian von damals bis in die heutige Zeit eine typische Frauenwaffe. Damit war und ist ein und dieselbe Waffe gleichzeitig ein Symbol für das Weibliche und das Männliche. Dieses faszinierende und elegante Verschmelzen von Yin- und Yang-Aspekten, das auch bereits die Maid von Yue in ihrer Ausführung erwähnt, charakterisiert sowohl das Schwert als Objekt als auch den Schwertkampf als Tätigkeit wie keine andere Waffe und macht vermutlich einen Teil der anhaltenden Faszination für das Jian aus, das die gesamte chinesische Kultur nachhaltig geprägt hat.

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Abbildung 12: Prof. Cheng Man-ch’ing (1902-1975) beim Tui Jian, einer Schwertpartnerübung des Taijiquan. Cheng Man-ch’ing, der v. a. über seine Lehrtätigkeit in den USA viel für die Verbreitung seiner Interpretation des Yang-Stils im Westen geleistet hat, war u. a. für seinen meisterlichen Umgang mit dem Schwert berühmt. Foto: Archiv Kenneth Van Sickle

Fazit

Das Jian, die edle Waffe der Adligen, der fahrenden Ritter, der taoistischen Mönche, der Gelehrten und Künstler, war aufgrund der Prinzipien seiner Führung, die auf Weichheit und Präzision statt auf Kraft basieren, geradezu prädestiniert dazu, die Hauptwaffe des Taijiquan zu werden. Viele Taiji-Trainerinnen und –Trainer leh­ren heutzutage ausschließlich das Schwert und ignorieren den restlichen Waffenkanon des Taijiquan. Und auch in modernen Zeiten, in denen das Jian seine praktische Bedeutung als Waffe verloren hat, gab und gibt es einige Meisterinnen und Meister des Taiji, die für Ihren Umgang mit dem Schwert be­kannt wurden, z. B. Cheng Man-ch’ing (1902-1975 [13aa]), der seine Interpretation des Yang-Stils und die Schwertpraxis in den USA stark verbreitet hat [Lowe91] (s. Abb. 12).

Der Dao, die pragmatische Waffe der Soldaten, hat dagegen eine umfangreiche Verwendung in den äußeren Kampfkünsten gefunden, wo er als Grundlage des Trainings mit Kurzwaffen gilt. Die martialische Charakteristik des Säbels schreckt viele Taiji-SpielerInnen ab, was schade ist, da auch dies eine wichtige Waffe des Taijiquan ist und im Training eine ideale Ergänzung zum Schwert darstellt. Hiermit wird sich der nächste Artikel dieser Reihe etwas ausführ­licher beschäftigen.

Lebenslauf des Autors Dr. Jan Harloff-Puhr

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