Das Taijiquan & Qigong Netzwerk e.V. – ein Wegbereiter für asiatische Bewegungskünste Deutschland

Von Almut Schmitz

Hamburg hatte schon seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Vorreiterrolle in Sachen Taijiquan und Qigong inne. Insbesondere durch das Wirken von Christel Proksch, die mit 49 Jahren nach Asien in ein neues Leben aufbrach und bei ihrer Rückkehr aus Taiwan Taijiquan mitbrachte, entstand in Hamburg eine lebendige Taiji-Szene.

TQN LogoDamals wusste man kaum etwas von dieser eigenartigen Kunst, es waren erst vereinzelt Bücher dazu auf dem Markt, aber das Interesse an asiatischer Kultur und Weisheit war groß. Und Christel Proksch mit ihrer Asienerfahrung und ihren guten Chinesischkenntnissen war eine wunderbare „Übersetzerin“, die sich – natürlich immer im Austausch mit ihren Schülern und Schülerinnen – sehr eingehend damit befasst hat, wie sich das Taijiquan in die westliche Kultur übertragen lässt. Das Qigong kam etwas später hinzu, es wurde erst mit der Öffnung der Volksrepublik China und dem dort ab den 80er Jahren aufgekommenen „Qigong-Fieber“ im Westen populär.

So scharten sich um Christel Proksch viele Menschen, die etwas anderes wollten – etwas anderes als Sport, etwas anderes als seichte Entspannung, etwas anderes als stille Sitzmeditation, etwas anderes als Abhängigkeit von Ärzten, etwas anderes als das herrschende materialistische Weltbild … Und sie fanden im Taijiquan eine Bewegungskunst, die zunächst einmal dazu nötigt, sich mit gewohnten Mustern auseinanderzusetzen, die eigenen Beschränktheiten zu erkennen, und sie gleichzeitig auf ihre Füße und in ihre Mitte brachte, sie Yin und Yang, die allgegenwärtige Polarität des Seins, leibhaftig spüren ließ. Christels Begeisterung sprang auf viele über und so übten Menschen zwischen 20 und 80 zusammen in ihrer Harvestehuder Wohnung und im Innocentiapark und stellten fest, dass ihnen die ungewohnten Bewegungen gut taten, Spaß machten und sie sich selbst ganz neu erleben konnten.

Von Anfang an war Christel Prokschs Unterricht geprägt von der Idee des Austauschs – zwischen Ost und West, zwischen den Generationen, den Berufen und ebenso mit anderen Taiji-Lernenden und –Lehrenden. Sie war eine geborene „Netzwerkerin“, die Menschen zusammenbrachte, Kontakte herstellte, auch immer wieder Leuten Quartier bot in ihrer Wohnung. Diese Idee entwickelten einige ihrer Schülerinnen und Schüler weiter, planten Treffen zum fachlichen Austausch, überlegten, wie die unterschiedlichen Kompetenzen für alle nutzbar gemacht werden könnten. Daniel Grolle, Wilhelm Mertens, Helmut Oberlack, Claus Albermann, Claudia Müller, Michael Plötz, Ulla Sedelies und Michael Dackau gehörten zu den Initiatoren und sind heute noch mit Taijiquan und Qigong aktiv.

So kam es zu ersten Veranstaltungen, zunächst in eher privatem Rahmen, die aber bald schon größere Kreise zogen und eine gewisse offizielle Organisationsform nahe legten. Damit kamen Diskussionen auf über die Gründung eines Netzwerks, das sich schon bald über Hamburg hinaus ausdehnte. 1992 fand das erste bundesweite Netzwerktreffen statt.

Seit diesen Anfangszeiten – in den 80er Jahren konnte es einem durchaus passieren, dass jemand die Polizei rief, wenn man im Park Taiji übte – sind Qigong und Taijiquan kontinuierlich bekannter geworden und wurden zunehmend auch von offiziellen Stellen, speziell den Krankenkassen, anerkannt. Dazu hat das Taijiquan und Qigong Netzwerk durch zahlreiche Veranstaltungen, insbesondere bundesweite Tagungen und die seit Ende der 90er Jahre in vielen Bundesländern stattfindenden Regionaltreffen kräftig beigetragen. Aber auch die Erstellung „Allgemeiner Ausbildungsleitlinien“ zur Qualitätssicherung und Kontakte zu Taiji- und Qigong-Organisationen außerhalb von Deutschland haben mitgeholfen, die chinesischen Bewegungskünste aus ihrem anfänglichen Außenseiterdasein in weitere gesellschaftliche Kreise zu holen.

Über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus bekannte Events wie das alljährlich im Februar ausgerichtete „International Push Hands Meeting“ in Hannover oder das „Drachen- & Tiger-Treffen“ im Juni bei Dötlingen sind aus dem Kreis der Netzwerker heraus entstanden, bereits zweimal hat das Netzwerk die im Zweijahresrhythmus stattfindenden Deutschen Qigong-Tage ausgerichtet. 1995 wurde unter der Leitung von Wilhelm Mertens gemeinsam mit Franz Redl vom Taiji-Verein Shambhala aus Wien ein europäisches Treffen in Italien organisiert, aus dem ein regelmäßiges zweijähriges Treffen, das „European Taijiquan and Qigong Congress Forum“ sowie die Taijiquan and Qigong Federation for Europe (TCFE) entstanden sind. 2007 wurde mit der Qilin Akademie ein eigenes Fortbildungszentrum ins Leben gerufen.

Auch Projekte wie das einer verbandsunabhängigen, stilübergreifenden Fachzeitschrift – das mit dem seit 2000 vierteljährlich erscheinenden Taijiquan & Qigong Journal umgesetzt wurde – und eines Berufsverbandes für Qigong- und Taijiquan-Unterrichtende – seit 2003 gibt es den Deutschen Dachverband für Qigong und Taijiquan – wurden von Netzwerkern, hier insbesondere von Helmut Oberlack, angeschoben.

Natürlich ging diese Entwicklung nicht völlig reibungslos, es gab immer wieder schwierige Diskussionen, zum Beispiel darum, wie viel Struktur nötig sei oder welche Anforderungen an Unterrichtende gestellt werden sollten. Das hat dazu geführt, dass sich manche Vorreiter der ersten Stunden zurückgezogen haben und es immer wieder zu Wechseln in der Leitung des Netzwerks kam. Die Grundidee jedoch, die beiden chinesischen Bewegungs- und Lebenskünste durch offenen Austausch zu fördern und zu pflegen, blieb erhalten.

Auf der anderen Seite kam es durch die zahlreichen Treffen nicht nur zu regem fachlichen Austausch, sondern auch zu vielen interessanten menschlichen Kontakten und tief gehenden Freundschaften, durch die die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Richtungen und Schulen bundesweit und auch international gestärkt wurden. Durch eine solche Begegnung verlor das Netzwerk seine erste bezahlte Büroleiterin Gabi Henzler, die auf sehr freundliche Weise dessen Organisation professionalisiert hatte. Auf dem Kongress »Taijiquan und Qigong als lebendige Gesundheitsförderung und effektive Therapie« in Waldenburg lernte sie den Sekretär der Tai Chi Union of Great Britain, Ronnie Robinson, kennen und lieben und zog alsbald nach Glasgow.

Diese Lücke konnte später wieder gefüllt werden und die Netzwerkidee wurde von Engagierten Ehrenamtlichen weiterentwickelt. Es möchte möglichst vielen Taijiquan- und Qigong-Übenden eine Heimat bieten und sie darin bestärken, ihr Wissen selbstbewusst in ihren Lebens- und Arbeitsalltag einzubringen. Mit der Ausarbeitung von Allgemeinen Ausbildungsleitlinien war 2003 eine Grundlage für ein prozessorientiertes  Qualitätsmanagement geschaffen worden, das die unterschiedlichen Ausbildungswege berücksichtigt. Der Dachverband hat sich später dafür stark gemacht, diesen Qualitätsstandard bei den Krankenkassen bekannt zu machen.  In den nächsten Jahren wird es darum gehen, die Qualitätsstandards zu sichern und für entsprechende Fortbildungsangebote zu sorgen.

Die Projektarbeit ist das jüngste Kind des Netzwerks. Geplant sind Qualitätszirkel und Werkstätten zu bestimmten Fachthemen wie etwa die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, mit Senioren, mit Behinderten, mit psychisch Kranken. Aber auch zu Themen wie Kooperation mit dem Sport, mit der Kunst oder der Wissenschaft können sich Interessenten zusammenfinden.

In den vergangenen 20 Jahren ist aus einem bunten Haufen, der sich um den Teetisch bei Christel Proksch geschart hatte, um den eigenen Horizont im Taijiquan zu erweitern, tatsächlich ein großes und vor allem sehr aktives Netzwerk entstanden, das viel zur Verbreitung von Taijiquan und Qigong in Deutschland beigetragen hat und den Kontakt unter den Aktiven unterschiedlicher Richtungen und Schulen voranbringt und ausbaut. Mit seiner Informationsarbeit, den zahlreichen regionalen Treffen und bundesweiten Veranstaltungen, der europaweiten Zusammenarbeit mit anderen Qigong- und Taijiquan-Organisationen sowie dem Dachverband „Freie Gesundheitsberufe“ fördert das Netzwerk den Erfahrungs- und Informationsaustausch innerhalb von Taijiquan und Qigong, die Verbreitung und Bekanntmachung dieser Künste sowie die Wahrung von Vielfalt und Qualität.

Mitglieder des Netzwerks

432, davon 323 Mitglieder, 91 Fördermitglieder, 16 Mitglieder als Verein oder Schule und 2 Ehrenmitglieder.
Mitglieder mit gültigem Zertifikat:
Lehrer Qigong 78, Kursleiter Qigong 24
Lehrer Taijiquan 131, Kursleiter Taijiquan 15
Ausbilder Taijiquan und Qigong 20

Stand, März 2012

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