Gegensätze in Harmonie – zur Philosophie des Taijiquan

Von Dr. Michael Plötz

Das Taijiquan als chinesische Kampf- und Bewegungskunst hat seine Wurzeln in der Philosophie des Daoismus. Der Daoismus ist in unseren Breiten vor allem durch die Werke von Laozi und Zhuang Zi bekannt geworden und beschäftigt sich mit der Anpassung der Lebensführung an die Bewegungen der Natur oder im weiteren Sinne das »Dao«. Dies wird das Wuwei– Prinzip genannt und meint in der Übersetzung »das Handeln im Nichthandeln«. Im übertragenen Sinn besagt es, möglichst wenig aktiven Einfluss auf den Lauf der Dinge zu nehmen, um den natürlich stattfindenden Ausgleich der Kräfte nicht künstlich zu stören. Gleichzeitig soll das Nichthandeln jedoch nicht als Aufruf zur Inaktivität verstanden werden, sondern vielmehr als aktives Nachgeben. Dies bedeutet eine Unterstützung der natürlichen Kräfte ohne Gegenkraft aufzuwenden beziehungsweise ohne Schaden durch sie zu nehmen.

Dieser dualistische Gedanke ist kennzeichnend für den Daoismus. So beginnt Laozi in dem ihm zugeschriebenen 81 kurze Kapitel umfassenden Werk Daodejing mit der Ausführung: »Das Dao, das genannt werden kann, ist nicht das wahre Dao, …«. Das zeigt, dass der Weg offensichtlich nicht so einfach beschrieben werden kann, wie man vielleicht annehmen möchte.

Nichtnennbare_DaoYin_und_YangSo gibt es innerhalb des Daoismus das nichtnennbare Dao dargestellt durch einen leeren Kreis und das nennbare Dao dargestellt durch Yin/Yang Symbol.

Es heißt, das nichtnennbare Dao sei für den Menschen nicht erfahrbar und deshalb nicht benennbar. Hingegen könne das nennbare Dao über das Zusammenspiel von Yin und Yang verstanden werden. Das nichtnennbare Dao soll dem Zustand der Erleuchtung entsprechen, der in der daoistischen Terminologie als »Unsterblichkeit« bezeichnet wird. Das nennbare Dao entspreche der absoluten Einheit und Harmonie der polaren Kräfte Yin und Yang.

In der klassischen Bezeichnung wird das nennbare Dao als die Mutter von Himmel (Yang) und Erde (Yin) beschrieben. Zwischen diesen Gegensätzen bewegt sich der Mensch während seines Lebens.

O Dao (nichtnennbar)

1 manifestes Dao, Taiji, Einheit der Gegensätze (nennbar)

2 Zweiheit, Polarität

3 entstehend aus der Spannung der Gegensätze

Yin & YangDas Yin-/Yang-Symbol

Die graphische Darstellung von Yin und Yang kann als ein Denkmodell, ein Emblem oder auch als ein Symbol verstanden werden, welches trotz der zweidimensionalen Darstellung als dreidimensional verstanden werden soll.

Zwei Seiten, deren Zusammentreffen Spannung entstehen lässt, die das Leben ausmacht. Dort, wo Yin und Yang zusammentreffen, entsteht aus der Spannung der Gegensätze das Qi, welches Bewegung beziehungsweise Leben darstellt. Qi wird meist vereinfachend als Energie oder Lebensenergie übersetzt. Das Yin/Yang-»Modell« lässt sich bis in die Zhou-Dynastie (1100 – 770 v. u. Z.) zurück- verfolgen. In der klassischen Übersetzung der chinesischen Symbole wird Yang als sonnenbeschienene Seite eines Berges und Yin als schattige, von Wolken bedeckte Seite eines Berges bezeichnet. Yin steht also für die dunkle, Yang für die helle Seite dieses Symbols. Ihre gegenseitige Beziehung wird durch das Ineinanderübergehen der beiden Farbanteile (Monaden) sowie der in ihnen enthaltenen gegensätzlichen Farbpunkte dargestellt. In den chinesischen Medizinklassikern werden folgende Gesetzmäßigkeiten von Yin und Yang beschrieben:

Yin und Yang liegen miteinander im Streit und brauchen sich doch. Es gibt kein Yin ohne Yang und kein Yang ohne Yin. Trennen sie sich, bedeutet das auf den Menschen bezogen den Tod. Yin und Yang sind keine Bewertung, sondern nur als Wechselspiel zu begreifen.

Yin und Yang sind niemals absolut. Es gibt keine isolierte Zuordnung von Yin oder Yang, für die Zuordnung ist der jeweilige Standpunkt entscheidend. Immer ist der Gegenpart auch vorhanden, sei es unmittelbar erkennbar oder im Hintergrund. Wenn beispielsweise ein Stock als lang bezeichnet wird, ist damit auch bestimmt, was als kurz betrachtet wird. Im Verhältnis zu einem Baumstamm wiederum wird der Stock kurz erscheinen.

Yin und Yang regulieren und konsumieren sich gegenseitig. Es findet sich immer eine Balancierung von Yin und Yang, ganz egal ob das Yin oder das Yang größer oder kleiner ist.

Yin und Yang wandeln sich ineinander um. Es findet ein kontinuierlicher Wandel der Polaritäten statt etwa von Tag und Nacht, den Jahreszeiten, des Klimas, … Das dynamische, verbindende Zusammenspiel von Yin und Yang ist das Wesentliche an diesem philosophischen Ansatz, daher sollen die Gegensätze nicht als statisch betrachtet werden.

Die folgende Tabelle kann somit nur Tendenzen darstellen.

Yin_und_Yang_Tendenzen
Yin und Yang Tendenzen Foto: TQJ

Im Menschen

Yin_und_Yang_im_Menschen
Yin und Yang im Menschen. Foto: TQJ

Klinische Erscheinung/pathologische Manifestation

Yin_und_Yang_Klinische_Erscheinungpathologische_Manifestation
Klinische Erscheinung/pathologische Manifestation Foto: TQJ

Kampfkunst aus der Harmonisierung von Yin und Yang

In der bekanntesten Entstehungsgeschichte des Taijiquan wird bereits das Zusammenspiel von Yin und Yang im Taijiquan ausgeführt. Es wird von dem Mönch Zhang Sanfeng erzählt, der den Kampf zwischen einem Kranich und einer Schlange beobachtete. Dabei begegnet die Schlange den spitzen Schnabelstößen des Kranichs immer mit weichen Ausweichbewegungen und lässt so die Attacken ins Leere laufen, bis schließlich der Kranich erfolglos davonfliegt. Fasziniert von diesen Bewegungen entwickelte Zhang Sanfeng dreizehn grundlegende Stellungen, die als die Wurzeln des Taijiquan bezeichnet werden. Im übertragenen Sinne handelt es sich um die Begegnung von Yang-Energie in Form von klar gerichteten Angriffsstößen des Kranichs mit Yin-Energie in Form von weichen Ausweichbewegungen durch die Schlange.

Buddha
Buddha, Foto: Liebermann

Zu den klassischen Prinzipien im Üben des Taijiquan zählen das ständige Wechseln von öffnenden und schließenden Bewegungen sowie das Sinken und Steigen. Somit werden der kontinuierliche Wechsel und Ausgleich von Yin und Yang in der Bewegung geübt. Wer diese Prinzipien in seinen Bewegungen nicht berücksichtigt, erzeugt ein Ungleichgewicht im Körper. Interessanterweise sind viele unserer Alltagsbewegungen sehr zielorientiert und folgen nicht diesen Prinzipien. Dies mag ein Grund sein für die zunehmenden Gelenk-, Muskel- und Bänderbeschwerden in unserer Gesellschaft.

Neben diesen allgemeinen Bewegungsprinzipien sprechen die klassischen Schriften des Taijiquan davon, dass, bevor eine Bewegung nach rechts gemacht werden kann, eine Bewegung nach links er- folgt sein muss und umgekehrt. In jeder Vorwärtsbewegung darf nicht die Beziehung nach hinten vernachlässigt werden und andersherum. Jedes Steigen soll zur Ausgewogenheit einen Anteil von Sinken enthalten. Dadurch wird der Qi-Fluss im Körper gewährleistet und der Körper durchlässiger. Nach Vorstellung der chinesischen Medizin werden so Yin und Yang im Körper harmonisiert. Wenn man exzessive Yin- oder Yang-Zustände vermeidet und sich um Ausgeglichenheit bemüht, kann man ein langes Leben erreichen, welches im alten China als eines der wichtigsten anzustrebenden Ziele galt.

Die Harmonisierung von Yin und Yang im Körper führt zum Auflösen von sogenannten Qi-Stagnationen, also energetischen Blockaden, die sich als Zustände von »Leere« oder »Fülle« etwa in Form von Schmerz im Körper bemerkbar machen. Aus chinesischem Verständnis führt das Üben von Taijiquan damit zur Harmonisierung des Körpers und Balancierung des Lebens. Auch in den Taijiquan-Partnerübungen, dem sogenannten Tuishou oder »Hände Schieben« werden die Yin/Yang-Prinzipien geübt. Hierbei versuchen die Partner in festgelegten Übungsfolgen den fließenden Wechsel von zielgerichteter Kraftabgabe (Yang) und aufnehmender Qualität (Yin) umzusetzen. Das eigene Gleichgewicht zu wahren ist ein wichtiges Ziel dieses Übens. Wenn man sich mit Kraft auf sein Gegenüber zu bewegt, ist es daher wichtig, rechtzeitig die Bewegungsrichtung wieder zu ändern, um nicht über das Ziel hinauszuschießen und selbst die Balance zu verlieren. Andererseits wird geübt, die vom Gegenüber ausgesendete Kraft aufzunehmen, ohne den eigenen Stand zu verlieren. Wie in dem Kampf des Kranichs mit der Schlange soll der Angriffsenergie keine Kraft entgegengesetzt, sondern diese ab- und umgeleitet werden. Kann dieser sich wandelnde Kreis von einem der Partner nicht aufrechterhalten werden, verliert dieser das Gleichgewicht, weil sich die Kraft durch seinen eigenen Widerstand auf ihn entladen kann. Der Wechsel von Yang zu Yin wird unterbrochen, das heißt, er kann die Kraft (Yang) nicht in Weichheit (Yin) wandeln und so steigt das Yang seiner Natur folgend im Körper in Richtung Himmel auf und entfernt sich vom Boden (Yin). Wenn die angreifenden Kraft (Yang) nicht neutralisiert werden kann (Yin), steigen die Kräfte in Form von Gegenspannung durch den Körper nach oben und das Gleichgewicht geht verloren.

Daher ist das oberste Gebot im Taijiquan bei auftretenden Kräften (Yang) Weichheit (Yin) zu bewahren, also zu entspannen. Dies erzeugt ein Sinken im Körper, eine Wandlung der Kräfte in Richtung Erde. Demgegenüber steht die Kraftentwicklung des Taijiquan. Wenn man Kräfte durch den Körper nach draußen senden will (Yang), soll dies aus einer guten Verwurzelung, einem guten Stand (Yin) erfolgen. Während Kraft zum Partner gesandt wird, sollte ein kontinuierliches Sinken in Richtung Boden erfolgen, um den sich wandelnden Kreis nicht zu unterbrechen.

Gerade dadurch, dass wir zusammen mit einem Gegenüber bewusst üben, ein harmonisches Gleichgewicht von Yin und Yang herzustellen, kann sich diese Ausgewogenheit nicht nur körperlich und mental, sondern auch auf alle Ebenen zwischenmenschlicher Begegnung positiv auswirken.