Taijiquan als “Technik der Selbstkultivierung”

Das Große Lernen (Daxue)

Der Weg des Großen Lernens liegt in der klaren und reinen inneren Kraft (de) und bedeutet, die Menschen zu lieben und sein Ziel im höchsten Guten zu sehen.

Wu Li
„Das Große Lernen (Daxue)“

Hat man Kenntnis von seinem Ziel, so ist man gefestigt.

Hat man Festigkeit, so wird man ruhig.

Hat man Ruhe, so wird man gelassen.

Hat man Gelassenheit, so kann man gründlich nachdenken.

Hat man gründlich nachgedacht, wird man ankommen.

Die Dinge haben Wurzeln und Verzweigungen.

Die Angelegenheiten haben Ende und Anfang.

Erkennt man, was zuerst kommt und was danach folgt, ist man dem Weg (dao) nahe.

Die Alten, die der ganzen Welt ihre klare und reine innere Kraft erläutern wollten, ordneten zuerst ihren  Staat.

Um ihren Staat zu ordnen, regelten sie zuerst ihre Familie.

Um ihre Familie zu regeln, kultivierten sie zuerst sich selbst.

Um sich selbst zu kultivieren, machten sie zuerst ihr Herz/Bewusstsein (xin) recht.

Um ihr Herz recht zu machen, machten sie zuerst ihre Absicht (yi) wahrhaftig.

Um ihre Absicht wahrhaftig zu machen, erweiterten sie zuerst ihr Wissen.

Die Erweiterung des Wissens liegt in der Untersuchung der Dinge.

Nachdem die Dinge untersucht sind, wird das Wissen erweitert.

Nachdem das Wissen erweitert ist, wird die Absicht wahrhaftig.

Nachdem die Absicht wahrhaftig ist, wird das Herz/Bewusstsein recht.

Nachdem das Herz/Bewusstsein recht ist, wird das Selbst kultiviert.

Nachdem das Selbst kultiviert ist, wird die Familie geregelt.

Nachdem die Familie geregelt ist, wird der Staat geordnet.

Nachdem der Staat geordnet ist, wird die ganze Welt Frieden finden.

Man sagt: Vom Kaiser bis zum einfachen Mann, alle nehmen die Selbstkultivierung als Wurzel.

Dass die Wurzel in Unordnung, die Zweige aber in Ordnung sind, das gibt es nicht.

Dass das Wichtige unwichtig und das Unwichtige wichtig sei, das hat es noch nicht gegeben.

(Dies ist der klassische Kerntext des „Großen Lernens“. Es folgen weitere Kapitel, in denen der Kerntext ausgeführt wird.)

Das „Große Lernen (Daxue)“ erschien zunächst im 1. Jh. v. Chr. im Liji, dem konfuzianischen Buch der Rituale, einer von Dai Sheng zusammengestellten Textsammlung. In den folgenden Jahrhunderten fand das „Große Lernen“ keine besondere Bedeutung. Dies sollte sich mit Zhu Xi, dem zentralen Philosophen der Song-Zeit (960 – 1279 n. Chr.) ändern. Mit ihm wurde der Konfuzianismus wieder die führende Philosophie des Reiches und man spricht seither vom Neokonfuzianismus.

Zhu Xi beschäftigte sich lange Jahre mit dem „Großen Lernen“ und schrieb zu jedem einzelnem Satz einen Kommentar. Das „Große Lernen“ wurde so wichtig für ihn, das er es in die Reihe der „Vier Bücher (Sishu)“ aufnahm. Diese vier Bücher, das „Große Lernen“, das „Buch von Maß und Mitte“, die „Gespräche (des Konfuzius)“ und der Menzius sollten die Standardwerke für die Beamtenausbildung bis 1911 werden. „Im Rahmen dieser Wirkungsgeschichte des Konfuzianismus hat das „Große Lernen“ über die Jahrhunderte unzählige Menschen in seinen Bann gezogen – bis in die Dörfer hinunter las man das Buch, wenn man sich auf die Beamten-Prüfungen vorbereitete, und dies von den Lössgebieten des Nordens bis in den tropischen Süden. Dabei fesselt uns die auffällige Diskrepanz zwischen der Kürze des Textes und seiner immensen geistigen wie praktisch-politischen Wirkung – das „Große Lernen“ ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen.“ (Moritz, S. 48)

In seiner Philosophie umreißt das „Große Lernen“ in kurzen und prägnanten Worten ein zentrales Thema der konfuzianische Lehre: Die richtige Struktur der Gesellschaft, d.h. Ordnung in Familie und Staat, sowie friedfertiger und respektvoller Umgang untereinander, finden ihren Ursprung in der inneren Entwicklung der Persönlichkeit. So wird die Entwicklung der Persönlichkeit zur sozialen Aufgabe und zu einem lebenslangem Prozess, der Selbstkultivierung genannt wird. „Letztlich lautet die Botschaft: Die Ordnung der Welt beginnt im Kleinen, beim Einzelnen. Es hängt vom Einzelnen und seinem Bemühen ab, dass die Welt zu Ruhe und Frieden findet. Man beginne bei sich selbst.“ (Moritz, S. 79)

Genau dieser Punkt – man beginne bei sich selbst – findet sich auch als Forderung der Taijiquan-Meister an ihre Schüler. In der von der „Großen Lehre“ inspirierten Textstelle aus dem Klassiker „Abhandlung von Zhang Sanfeng, wie man durch Kampfkunst das dao erlangt“ heißt es:

„Man sagt: Vom Kaiser bis zum einfachen Mann, alle nehmen die Selbstkultivierung als Wurzel.

Aber wie kultiviert man sich?

Mit dem angeborenen Wissen und dem angeborenen Fähigkeiten.

Durch das Sehen mit den Augen und das Hören mit den Ohren erlangt Klugheit und Klarheit.

Die Gesten der Hände – die Schritte der Füße.

Das Kämpferische – das Kulturelle.

Das Wissen erweitern und die Dinge untersuchen.

Die Absicht ist wahrhaftig und das Herz/Bewusstsein recht.“

(Bödicker, S. 103)

Taijiquan dient also nicht nur als Kampfkunst oder Gesundheitsübung, sondern auch als Technik der Selbstkultivierung. Hieraus erklärt sich sicherlich auch die große Bedeutung der Soloformen im Taijiquan, die in heutiger Zeit für viele Freunde des Taijiquan das wesentliche an ihrer Kunst geworden sind.



Literatur

Bödicker, Martin, Das Tai Chi-Klassiker Lesebuch, Boedicker, Willich 2013

Moritz Ralf, Das Große Lernen, Reclam, Stuttgart 2003

Autor: Martin Bödicker

Foto: Archiv Bödicker

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