Mit Qigong die Mitte finden

Dynamische Körper- und Gleichgewichtsregulation

Sinken und Steigen, Öffnen und Schließen

Qigong hat es sich zur Aufgabe gemacht „die Mitte“ zu stärken. Eine starke Mitte nährt uns, versorgt uns mit Kraft und Vitalität, der Geist ist ruhig und ausgeglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, können Sie sich auf drei Ebenen regulieren. Ihr Körper, Ihre geistigen Aktivitäten und die Atmung können sich auf die Mitte ausrichten. Wir können unser Dasein in diesen drei Bereichen erfahren und zum Ausdruck bringen. Deshalb werden sie in der chinesischen Tradition auch „die drei Schätze“ (San Bao) genannt. In ihnen liegt der Schlüssel zu körperlicher Gesundheit und geistiger Glückseligkeit verborgen.
Alle Abweichungen von der Mitte sind entweder Bewegungen von der Mitte weg oder zur Mitte hin. Diese Bewegungen zeigen sich im Raum durch Steigen und Sinken oder Ausdehnung (Öffnen) und Kompression (Schließen). Da der Mensch und das Qi der ständigen Wandlung unterliegen, ist „die Mitte“ nicht als ein statischer Zustand erlebbar. Doch die Ausrichtung auf die Mitte und das Verlangsamen aller Bewegungen um die Mitte ermöglicht ein besonderes Seinserlebnis. Erleben Sie den Puls des Lebens und seine zentrifugalen und zentripedalen Kräfte selbst.

Alles dreht sich um die Mitte

Unser Körper ist durch Rezeptoren, Nerven und Muskeln darauf eingestellt sich gegen die Schwerkraft aufzurichten. Unser Skelett und die Muskulatur ermöglichen eine aufrechte Haltung und Bewegungen. Können die Knochen unsere Körpermasse direkt in die Erde übertragen, so ist minimaler Muskeleinsatz notwendig. Gerät unsere Ausrichtung jedoch „aus der Mitte“, so verlieren wir das Gleichgewicht. Unsere Muskeln werden dann durch Anspannung den Fall zu verhindern versuchen und ziehen uns wieder zurück ins Gleichgewicht.
Abb1_DSC_2677_swAbb2_DSC_2686_sw
Bei Verlust des Gleichgewichts versuchen die Muskeln zu stabilisieren.

Dieses Spiel mit der Balance läuft fortwährend ab, auch wenn wir es nicht bemerken. Kleinste Spannungen im myofascialen System1 regulieren laufend die Ausrichtung im Raum, um den Sturz zu verhindern oder um uns auf gezielte Bewegungen auszurichten.
Um Muskeln optimal einsetzen zu können müssen wir sie aus der Entspannung in eine Vordehnung bringen. Aus der Vordehnung heraus kann die jeweilige Muskelgruppe optimal kontrahieren und wirken. So beugen wir uns, bevor wir springen, oder strecken uns, bevor wir beim Holzhacken kräftig mit der Axt zuschlagen.
Abb3_Streckung

Eine Bewegung wird stets durch ihre Ausholbewegung eingeleitet.
Streckung im Springen wird durch Beugung eingeleitet.
Die Beugerkette wird durch die Streckung aktiviert.

Abb4_Beugung

All diese Regulationen drehen sich um Ihre Körpermitte. Der Balance-Akt des Skeletts mitsamt der Körpermasse dreht sich um den Körperschwerpunkt. Die Muskelkraft ist ein Tanz zwischen Anspannung, Entspannung und Dehnspannung, wobei Muskulatur und Skelett Hand in Hand arbeiten, um uns in kraftvolle und mühelose Bewegungen zu bringen.

Agieren wir aus unserer Mitte, so gibt es keine unnötigen Muskelspannungen im Körper, die kraftvolle Bewegungen verhindern. Ob im Alltag beim Heben der Getränkekiste oder als Kampfsportler, der schnell Kraft entfalten will oder dem Gegner beim Angriff keinen Ansatzpunkt bieten will – die Mitte birgt das größte Kraftpotential.
Weichen wir in unseren Bewegungen und Haltungen von der Mitte ab, so setzen wir unnötige Muskelspannungen ein. Diese blockieren unsere Bewegungen, rauben uns Kraft und verhindern, dass wir mühelos unser Ziel erreichen.
Die Körperhaltung im Qigong ist nicht als eine statische Figur zu verstehen. Als lebendiges System sind wir laufend in Bewegung, auch in den stillen „Haltungen“. Innere Bewegungen wie z. B. der Atem, haben Einfluss auf unser Gleichgewicht. So ist „die Mitte“ als ein dynamisches Gleichgewicht zu verstehen, d. h. als eine fortlaufende Regulation. Werden diese feinen Justierungen nicht zugelassen entstehen Starre, Verkrampfung, Unwohlsein und Stagnation.

Wie erspüre ich meine Mitte?

Abb5_Fusssohle

Egal, in welcher Position Sie sich befinden: die Kontaktflächen zur Erde vermitteln Ihnen, ob Sie in Balance sind oder nicht. Im Stehen sind dies die Fußsohlen, im Sitzen die Sitzbeinhöcker. Diese Kontaktflächen sind wie der „Kontrollmonitor“ eines Flugkapitäns, der hier Informationen über die Lage im Raum ablesen kann. Die Höhen- und Querruder ermöglichen die Steuerung des Flugzeugs. Im menschlichen Körper entsprechen die Ruder den Gelenken. Durch Streckung und Beugung verändern wir die Lage im Raum. Wohin sich unser Schwerpunkt verlagert, können wir am „Monitor“ in den Füßen bzw. in den Sitzbeinhöckern ablesen.

Das Körpergewicht nimmt über die Fußsohlen Kontakt zur Erde auf. Je nachdem, welche Bereiche der Fußsohle belastet werden, werden unterschiedliche Reaktionen im Körper hervorgerufen. Um einen ausgewogenen Stand zu finden, wird angestrebt, den Körperdruck über den Fußrücken zu balancieren. Auf der Fußsohle entspricht dies dem Punkt Ni1 – Yongquan – Die sprudelnde Quelle.
Das Körpergewicht verteilt sich über die Fußbrücke vor allem auf die Ballen und die Ferse. Da die Ferse in etwa nur halb so viel Oberfläche bietet wie der Ballen, wird der Druck bei gleichmäßiger Gewichtsverteilung in diesem Bereich in etwa doppelt so stark spürbar sein. Man verteilt also ungefähr 70 % des empfundenen Drucks auf die Ferse und 30 % auf die Ballen.
Abb6_StreckreflexVerlagern Sie Ihr Körpergewicht in Richtung Ballen, so wird zu Beginn eine Spannung der Muskeln auf der Körperrückseite Ihren Körper nach hinten ziehen. Wird ein gewisser Punkt überschritten, so wird der Streckreflex ausgelöst, um Sie zurück in Ihre Mitte zu befördern. Probieren Sie es selbst aus!
Haben Sie bemerkt, dass bereits kleinste Bewegungen nach vorn zu dezenten Spannungen führen? Es reichen bereits geringe Abweichungen von der „Mitte“ aus, um Muskelanspannung zu erzeugen. Die Spannungen nehmen zu, je weiter Sie sich nach vorn bewegen.
Belasten Sie Ihre Fersen, so droht ihr Körper nach hinten zu kippen. Bei kleinen Abweichungen nach hinten werden Muskelspannungen auf der Körpervorderseite das Gleichgewicht stabilisieren. Je weiter oder schneller Sie jedoch nach hinten in die Ferse gedrängt werden, desto mehr werden Sie versuchen durch Beugung den Körper wieder zu stabilisieren. Sie werfen Ihre Arme nach vorn, strecken die Knie nach vorn, der Oberkörper beugt sich.

Abb7_Beugereflex

Unser Körper erlangt sein Gleichgewicht nun dadurch zurück, dass er sich nach vorn beugt. Dafür müssen wir die Muskeln entspannen und es entsteht ein Gefühl der Schwere. Damit wir nicht in uns zusammenfallen, sinkt unser Körpergewicht auf die Knochen und so übernimmt der passive Bewegungsapparat die Stabilisation.
Für den Bewegungsablauf beim Qigong bedeutet das: In der Ferse finden wir die Stabilität der Knochen und initiieren das Sinken. Um beim Sinken nicht nach hinten zu kippen, beugen wir die Gelenke und verlagern das Gleichgewicht wieder nach vorn in Richtung Ballen – wir sinken nach vorn.
Im Ballen lösen wir den Streckreflex aus und beginnen zu steigen. Um hierbei nicht nach vorn aus dem Gleichgewicht zu fallen, steigen wir zurück nach hinten.

Es ergibt sich ein vertikaler Loop:

Abb8_vertical-loop

Die „Mitte“ kann kein stabiler Zustand sein, im Sinne eines fixen Punktes. Um Stabilität zu erzeugen, schwanken wir laufend um die gedachte Mitte und passen uns fortlaufend den aktuellen Gegebenheiten an, um „auf Kurs“ zu bleiben. Diese Regulationen und „Kurskorrekturen“ werden durch äußere Faktoren, wie z. B. Bodenbeschaffenheit, Schuhwerk, Wind, Gepäck, äußere Anstöße beeinflusst. Auch innere Faktoren, wie die fortlaufenden Atem- und Organbewegungen, kleinste Körperbewegungen, Spannungsänderungen der Muskulatur etc. haben Einfluss auf die Mitte. Alles ist fortlaufend in Bewegung. Die optimale Mitte ist ein sich bewegender Punkt. Sie erreichen diese Mitte, indem Sie sich entweder in beugenden entspannenden (Sinken) oder in streckenden aufrichtenden (Steigen) Bewegungen an dieser beweglichen Mitte orientieren.

So bleibt der innere Pilot „auf Kurs“:

Ballen:
• YangAbb9_hoehenruder-1
• Stabilität durch Muskelkraft
• Auslösen des Streckreflexes
• Aktivierung der Streckermuskelkette
• passive Dehnung der Beugermuskelkette
• Beginn des Steigens
• nach hinten steigen, um Gleichgewicht zu stabilisieren
• Ausdehnung, Verdrängung
• Beschleunigung

Ferse:
• Yin
• Stabilität durch Knochenkraft
• Auslösen der Beugung
• Aktivierung der Beugermuskelkette
• passive Dehnung der Streckermuskelkette
• Beginn des Sinkens
• nach vorn steigen, um Gleichgewicht zu stabilisieren
• Kompression, Verdichtung
• Abbremsen

 

Die Kraft in den Gelenken lenken

Abb10_Engpaesse

Mit der Gewichtsverlagerung und der Beugung im Sprunggelenk folgen alle anderen Gelenke. Die Knie, Hüften, Becken und die Wirbelsäule bis zum Kopf ebenso wie Schultern, Ellenbogen, Handgelenke und natürlich auch der Brustkorb. Alle Ebenen können einzeln reguliert werden und haben Einfluss auf unser Gleichgewicht und damit auf Steigen und Sinken.
Die drei Engpässe (Hüften / Becken, Schultergürtel und Nacken) sind dabei besonders wichtige Regulationsebenen, da sie zur Enge tendieren und Energien leicht stauen. Hier entstehen dann schnell Spannungen und Fehlhaltungen.

Durch die gedankliche Verbindung der Gelenke, z.B. wie durch Gummibänder, entsteht eine innere Struktur, die für mehr Stabilität sorgt. Dadurch sind kraftvollere Bewegungen möglich.

Abb10_aessere_Schliessungen

Bewegung ist nicht alles

Neben der Regulation des Körpers sind im Qigong zwei weitere Regulationsebenen von Bedeutung. Die Atmung und die Aufmerksamkeit werden eingesetzt, um die Harmonie des Steigens und Sinkens zu unterstützen bzw. zu stabilisieren. Dafür stehen zahlreiche Techniken zur Verfügung2.
Bewegung, Atmung und das Bewusstsein werden so gemeinsam in eine Harmonie geführt. Dieses Verschmelzen der Regulationsebenen ist der Zugang zur „Rückkehr zum Ursprung“ – ein daoistisch alchemistischer Weg des Qigong.

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Autor: Markus Ruppert

Fotos: Archiv Ruppert

1 Die Fascien und das Bindegewebe umgeben die Muskeln und die Organe wie ein schwammartiges Gewebe. Sie betten die Organe ein und schützen sie. Die Muskelfascien (myofasciales System) sorgen dafür, dass die Muskeln vorgespannt sind und in der Kontraktion effektiv wirken können. Dieses System verbindet alle Organe und erklärt u.a. wie Meridiane wirken können.

2 Siehe: Markus Ruppert, Grundlagen des Qigong – Ein Wegbegleiter durch die ersten Jahre der Qigong Praxis, 1. Auflage 2015, ML Verlag in der Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach, ISBN: 978-3-945695-09-8