„Taijiquan bushi wushu“

Von Axel Dreyer

Im Netzwerkmagazin 2011 wurde ausführlich über Taiji-Wettkämpfe und Turniere geschrieben. Das Pro und Kontra der Turnieridee führt in  Taiji-Kreisen immer wieder zu engagiert geführten Diskussionen. Zu dieser Tradition will ich im Sinne Karl Valentins beitragen,  der gesagt hat, „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“

Wenn man Taijiquan praktiziert und nicht Taiji, trainiert man, andere zu besiegen, mögliche Verletzungen werden dabei in Kauf genommen. Taijiquan war in China bis zum Boxerkrieg (1900), der die Illusion der Boxer (vielfach Kampfkünstler), durch die Gewehrkugeln der verhassten Ausländer nicht verletzt werden zu können, unwiederbringlich zerstörte, sicher eine effiziente Form der Selbstverteidigung. Inzwischen sind mehr als 100 Jahre vergangen, wir sind sensibler geworden, was die Anwendung von körperlicher Gewalt betrifft. Bedeutet kämpfen nur gewinnen und verlieren oder kann Kampfkunst heute auch heißen, intelligent mit Kräften und Energien umzugehen?

Tui Shou

„Taijiquan bushi wushu“, „Taijiquan ist keine Kampfkunst“ war eine Redewendung mit der Meister Huang Xingxian (1910-1992) in seinen späteren Jahren oft seinen Unterricht begann und das obwohl der Kampf viele Jahre seines Lebens eine zentrale Rolle spielte. Er kämpfte während des japanisch-chinesischen Krieges gegen die Japaner, schützte Bürger vor den Übergriffen marodierender Banden und demonstrierte immer wieder eindrucksvoll seine Überlegenheit wenn ihn andere Kampfkünstler herausforderten. Wie kommt jemand mit diesem Hintergrund zu einer solchen Einstellung?

Patrick Kelly (geb.1950 ) der bereits 1979 in einer traditionellen Zeremonie in den inneren Kreis der Schüler von Meister Huang Xingxian aufgenommen wurde, meint, dass jene, die sich dem  Wettkampfgedanken verschrieben haben, ihr Inneres schwächen und ihr Ego stärken. Auf die Frage  „Was hältst du von Taiji-Wettkämpfen?“ antwortet er, „Das Vergleichsdenken und die verzweifelten Versuche zu gewinnen widersprechen den grundlegenden Prinzipien. Ich glaube nicht, dass man viel Wertvolles daraus lernen kann.“

Das Buch der beiden Taiji-Experten Shi Ming (1939 – 2001 ?) und Siao Weijia (geb 1941) „Wie Weiches über Hartes siegt“ (engl. „Mind over Matter“) ist voller Hinweise zur Verfeinerung des Bewusstseins und erklärt das Einswerden mit dem Dao zum letztendlichen Ziel aller Taiji-Praxis. Sie halten die sportliche und wettkampforientierte Variante des Taiji, die von der chinesischen Regierung gefördert wird, für seelenlos und lehnen sie daher ab. Für sie zählt nicht der körperliche Sieg über einen anderen Menschen, sondern die Kultivierung des Geistes und der Energie. Siao Weijia sagt, „das traditionelle Taijiquan gleicht einem Schwerkranken … Ich sorge mich darum, ob das moderne China diese Weisheit überhaupt erhalten kann.“ (Handelsblatt, 23. April 2008)

Die Auflistung derartiger Äusserungen liesse sich fortsetzen, wobei ich glaube, dass es einen Unterschied gibt zwischen organisierten Taiji-Wettkämpfen und Push hands-Turnieren mit Schiedsrichtern sowie dem ganzen dazugehörigen Reglement einerseits und Taiji als Kampfkunst andererseits. Das Ideal wahrer Kampfkunst war zu allen Zeiten, ob in China, oder in anderen asiatischen Ländern, zu siegen ohne zu kämpfen. Kampfkunst war nie Selbstzweck sondern ein  Instrument, mit dessen Hilfe man erfahren konnte, dass man Teil eines grösseren Ganzen war. Durch diese Erfahrung relativieren sich unsere vielen kleinen und grossen Ängste, die Angst zu versagen, die Angst vor Verlust, vor Schmerzen und auch die Angst vor dem Tod. In einer friedlichen, ruhigen Umgebung entspannt zu sein ist nicht allzu schwer. In der Kampfkunst trainiert man, diese Gemütsverfassung beizubehalten, auch wenn man unter Druck gerät und sich bedrohlichen Situationen gegenübersieht. Man übt sich in Gelassenheit, das heisst im daoistischen Kontext die Wünsche des Egos stehen nicht mehr im Vordergrund, man kann von sich ablassen und sich dem Dao überlassen.

Während es in der Kampfkunst darum geht, sein Ego abzubauen, scheint mir, nach allem was ich gehört und gesehen habe, bei Taiji-Wettkämpfen genau das Gegenteil stattzufinden, das Ego wird aufgebaut. Ich selbst habe bislang an keinem Turnier teilgenommen, doch an etlichen regionalen und überregionalen Push hands-Treffen, deren Charakter in der Regel freundlich und konstruktiv ist, aber selbst dort kommt es immer wieder zu unproduktiven Rangeleien. Wer dazu neigt, eher auf das Ergebnis zu achten als auf den Lernprozess, sollte sich überlegen, ob er/sie sich wirklich einen Gefallen tut, wenn er/sie bei einem Turnier mitmacht, in dem es erklärtermassen um Rangplätze und Medaillen geht. Vielleicht hilft es, sich ehrlich zu fragen, was sind meine Motive, die mich zur   Teilnahme an einem Turnier bewegen? Wenn durch die Antworten klar wird, dass es mir vor allem um meinen Status geht, ist meine Entscheidung eindeutig vom Ego geprägt.

HandformTaiji-Praktizierende wissen oft nicht genau wo sie in ihrer Taiji-Entwicklung stehen. Andere Disziplinen können mit Gürteln, Prüfungen und Abzeichen aufwarten. Wem der 1. Dan-Grad zuerkannt wird, ist stolz und fühlt sich geehrt, er hat den Schüler-Status hinter sich gelassen und weiss genau, was er können muss, um die nächste Stufe zu erreichen. Prüfungen und Graduierungen sorgen für äussere Bestätigung und geben eine gewisse Sicherheit. Taiji-Wettkämpfe haben eine ähnliche Funktion und vermitteln das Gefühl, seinen eigenen Standort besser bestimmen zu können. So gesehen kann ich die Teilnahme an einem Wettkampf gut verstehen, doch es werden ja auch im Taiji Entwicklungsstufen beschrieben, an denen man sich orientieren kann und es gibt durchaus innere Anzeichen, durch die deutlich wird, auf welchem Übungslevel man sich gerade befindet. So entsteht z.B. eine leichte Wärmeempfindung rund um den Körper bereits in einem verhältnismässig frühen Stadium. Im weiteren Verlauf des Übens, mit zunehmendem Energiefluss, werden die Wärmeempfindungen stärker und treten an verschiedenen Stellen im Körper auf. Wenn man sich über seinen Entwicklungsstand klarer werden will, hält man am besten Rücksprache mit seinem Lehrer/seiner Lehrerin, der/die die inneren Entwicklungsstufen im Taiji kennen sollte, bzw. deutlich mehr Erfahrung auf dem Taiji-Weg gesammelt hat als sein/e SchülerIn.

Andere sind einfach neugierig und wollen, ohne besonders ambitioniert zu sein, das ganze Taiji-Spektrum kennenlernen, sie wollen wissen, wie sie sich bei einem Turnier anstellen. Mir scheint dieses Verhalten ist plausibel, wenn das ihre Art ist, offene Fragen zu klären.

Taijiquan beruft sich auf das Höchste, das Letzte oder Äusserste (Tai Ji). Damit ist keine Wertung verbunden, sondern es ist ein Verweis auf den Ursprung und die Quelle aller Dinge. Taijiquan ist nicht besser als Kungfu oder irgendeine der anderen sogenannten äusseren Kampfkünste, aber durch die klare Bezugnahme auf die Quelle unterscheidet es sich von ihnen. Warum lassen wir es nicht dabei, warum wird der Versuch unternommen, den Unterschied zu nivellieren? Taijiquan ist innere Kampfkunst, indem es versportlicht wird, indem die chinesische Wushu-Gesellschaft Weltmeisterschaften ausrichtet und gerne gesehen hätte, dass Wushu zur olympischen Sportart wird, wird Taiji zu einer äusseren Disziplin und damit seiner Eigenheit beraubt. Taiji ist potenziell ein Juwel, damit er in seiner Schönheit und Kostbarkeit erhalten bleibt, ist Handeln im Einklang mit dem Dao (Wu Wei) erforderlich.

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