Taiji (chinesische Philosophie)

Der taiji-Begriff

Yin-Yang: Taiji (chinesische Philosophie)Taiji ist ein wichtiger Begriff der chinesischen Philosophie. Als deutsche Übersetzung bietet sich das höchste Äußerste oder das höchste Prinzip an, aber was ist mit taiji, dem höchsten Äußersten gemeint?

Man findet den Begriff taiji in vielen Texten der chinesischen Philosophie, die oft, aber nicht immer daoistischen Ursprungs sind. Die erste wichtige Stelle zur Bedeutung des Begriffes taiji findet sich in den Anhängen des Buches der Wandlungen, wo es heißt:

In der Wandlung ist es das taiji, das die zwei Formen (Yin und Yang) hervorbringt.

Aus dieser Vorstellung entwickelte sich die Formulierung:

Das taiji ist der Ursprung von Yin und Yang.

Zhou Dunyis Lehre und sein taiji-Diagramm

Obwohl sich der Begriff taiji schon in Texten aus vorchristlicher Zeit findet, wird er erst in der Song-Zeit (960 – 1279 n. Chr.) zu einem zentralen philosophischen Begriff. In dieser Zeit versuchten konfuzianische Gelehrte die großen Ströme des konfuzianischen und des daoistischen Denkens zu vereinigen. Dies mündete in der Schule der Neokonfuzianer.

Zhou DunyiZhou Dunyi gilt als erster Neokonfuzianer und wurde berühmt für seine Erklärung des taiji-Diagramms, das zur Grundlage der neokonfuzianischen Kosmologie wurde, aber auch den Weg in den Daoistischen Kanon fand.

Zhou Dunyis Lehre und sein taiji-Diagramm beruhen aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem System des daoistischen Meisters Chen Tuan. Das taiji-Diagramm besteht aus fünf Einzelgrafiken, die untereinander angeordnet sind. Es wird angenommen, dass das Diagramm ursprünglich von den Daoisten von unten nach oben gelesen wurde. Es beschreibt so den Rückweg zum wuji, dem ursprünglichen Zustand des Kosmos. Mit Hilfe von geistigen und körperlichen Techniken sollte man hierbei ein daoistischer Unsterblicher werden.

Nach Zhou Dunyi ist das Diagramm aber von oben nach unten zu lesen und beschreibt die Entstehung bzw. den Aufbau des Kosmos. Seine Erklärung des taiji-Diagramms beginnt folgendermaßen:

Zhou Dunyi, NeokonfuzianismusWuji und doch/dann taiji. In Bewegung bringt das taiji das Yang hervor. Wenn die Bewegung das Äußerste erreicht hat, entsteht Ruhe. Ruhend erzeugt das taiji das Yin, doch wenn die Ruhe das Äußerste erreicht hat, entsteht Bewegung. Bewegung und Ruhe Wechseln einander ab. Jedes ist die Wurzel des anderen. Durch die Unterscheidung von Yin und Yang sind diese beiden Instrumente entstanden.

Eine zentrale Stelle der Erklärung des taiji-Diagramms ist die Beschreibung der obersten Grafik, des einfachen Kreises. Im chinesischen Original heißt es hier:

Wuji er taiji.

Wuji ist ein Begriff aus der daoistischen Philosophie. In frühen daoistischen Texten ist mit ihm einfach unbegrenzt oder unendlich gemeint, später jedoch bekommt er die Bedeutung ursprüngliches Chaos, das Nichts oder vor der Entstehung von Yin und Yang und entspricht so dem ursprünglichen Zustand des Kosmos. Manchmal wurde wuji auch als Äquivalent zum Begriff Dao verwendet.

Das Zeichen er bedeutet und doch oder und auch. Somit kann wuji er taiji mit

wuji und doch taiji

übersetzt werden. Wuji und taiji werden also einander gleichgesetzt. Hier geht man von der Assoziation aus, dass der Kosmos und die ihn treibende Kraft und Struktur vom wuji ausgeht. Aber mit dem Begriff taiji wird anerkannt, dass es überall im Kosmos diese Kraft und Struktur gibt und das Organisationszentrum dieser Kraft und Struktur mit der Kraft und der Struktur selbst identisch ist.

Das wuji erzeugt das taiji

Eine zweite mögliche Interpretation ergibt sich aus der Tatsache, dass es in einer abweichenden Überlieferung, die eventuell sogar dem Original Zhou Dunyis entspricht, heißt:

Das wuji erzeugt das taiji.

Das wuji wird bei der Entstehung des Kosmos hier vor dem taiji angeordnet. Der Kosmos entwickelte sich also aus einem chaotischen Zustand wuji über das taiji in einen Zustand, in dem Yin und Yang getrennt sind. Das Konzept einer stufenweisen Entwicklung des Kosmos findet sich in Analogie schon in alten chinesischen Schöpfungsmythen, so z.B. im Huainanzi, aufgeschrieben im 2. Jahrhundert v. Chr.:

Vor langer Zeit, bevor Himmel und Erde existierten; gab es nur Vorstellungen aber keine Formen, alles war dunkel und verborgen, eine riesige Einöde, eine nebelige Weite, und nichts wusste, wo das eigene Portal war. Zwei Götter wurden aus dem Chaos geboren, die den Himmel webten und die Erde entwarfen. So tiefgründig waren sie, dass niemand ihre tiefsten Tiefen kannte und so erhaben waren sie, dass niemand weiß, wo sie zur Ruhe kamen. Dann teilten sie sich in Yin und Yang und in die acht Pole. Das Harte und das Weiche wurde geformt und die Myriaden an lebenden Dingen wurden erschaffen.

Das Konzept einer stufenweisen Entwicklung des Kosmos ist also alt, aber Zhou Dunyi hat gerade an dieser Stelle zwei große Leistungen vollbracht:

1. Er hat mit der Anerkennung dieses Prozesses daoistische Begriffe wie z.B. wuji in den Konfuzianismus einführt. In der Tat addierte er die daoistische Terminologie, um zu zeigen, dass die konfuzianische Weltsicht einschließender war als die daoistische.

2. Er hat diese Begriffe nicht nur eingeführt, sondern auch in neuartiger Weise in Beziehung zueinander gesetzt. So hat er z.B. als erster die Beziehung zwischen dem taiji und den Paaren Bewegung und Ruhe, sowie Yin und Yang entwickelt. Er führte die These von Bewegung erzeugt Yang, Ruhe führt zu Yin ein.

Mit Zhou Dunyis Erklärung des taiji-Diagramms wurde die Theorie des taiji in den Vordergrund der philosophischen Diskussion gebracht. Die Theorie der Kampfkunst Taijiquan folgt seinen Ideen. So heißt es dann auch im zentralen Klassiker des Taijiquan fast identisch zu Zhou Dunyi:

Das taiji ist durch das wuji erzeugt worden. Es ist der Ursprung von Ruhe und Bewegung und die Mutter von Yin und Yang.

Autor: Martin Bödicker

Fotos: Martin Bödicker und Taiji Forum

Weiterführende Literatur zu Begriff taiji

Veranstaltungstipp zum Thema taiji

2. Taiji Forum Treffen vom 8.- 10. September 2017 in Hannover

Das 2. Taiji Forum Austauschtreffen wird im Gegensatz zum Taiji Forum 2016 international, sprich englischsprachig sein. Im November 2016 werten wir die Rückläufe des Unterstützungsaufrufs aus und gehen in die konkrete Planungsphase… weiterlesen Unterstützungsaufruf Taiji Forum 2017

Das erste Taiji Forum 2016

taiji-forum-treffen-2016Das Taiji Forum vom 12. bis 14. August 2016 war offen für alle Stile, für Neugierige, AnfängerInnen, Fortgeschrittene.
Für Unterrichtende bot es die Möglichkeit zur Fortbildung und zum persönlichen Austausch mit KollegInnen aus anderen Bereichen der chinesischen Künste.
Der rote Faden der Veranstaltung war Taiji, welches das höchste Prinzip des Kosmos bezeichnet und durch das Yin-Yang-Symbol dargestellt wird. Taiji ist die Mutter von Yin und Yang.
Alle Workshops, Vorträge und Diskussionsrunden beleuchteten das Taiji-Prinzip in ihren jeweiligen chinesischen Künsten: Taiji Quan, Qigong, Wushu, TCM, Kalligraphie, Daoismus, usw. Die zahlreichen Aspekte von Taiji wurden dabei unter dem Leitthema Yin und Yang zusammengeführt. Hier erfahren Sie mehr über das Taiji Forum 2016.

2017 findet das 2. Taiji Forum Austauschtreffen vom 8.- 10. September in Hannover statt.

Buchtipp zum Thema taiji

Erläuterung des taiji-Diagramms – Das Buch der Wandlungen verstehenErlaeuterung-des-taiji-Diagramms

von Dunyi Zhou (Autor), Martin Boedicker

Zhou Dunyi (1017 – 1073 n. Chr.) lebte zur Zeit der Song-Dynastie und trug wesentlich dazu bei, dass diese Zeit zu einem Wendepunkt in der Philosophiegeschichte Chinas wurde. Er war es, der die Grundlagen für das Wiedererstarken des Konfuzianismus in neuer Form legte und so nennt man ihn auch den Architekten des Neokonfuzianismus. Mit der „Erläuterung des taiji-Diagramms“, Zhous erstes Hauptwerk, wurde die Theorie des „taiji“ in den Vordergrund der philosophischen Diskussion gebracht und stellte von nun an die Grundlage der neokonfuzianischen Kosmologie dar. In seinem zweiten Hauptwerk interpretiert Zhou das „Buch der Wandlungen (Yijing)“ und konzentriert sich dabei auf das Wesen des Weisen. Nach Zhou ist dessen Ideal das Ruhen in Stille. Dies ist die Grundlage für die Entwicklung von Wahrhaftigkeit. „Das Buch der Wandlungen verstehen“ gilt als gelungene Vereinigung von konfuzianischer Ethik und daoistischer Weltsicht.

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