Wie macht Taijiquan üben Sinn?

Taijiquan und seine Verbindung zu Daoismus, Traditioneller Chinesischer Medizin, Kampfkunst und Persönlichkeitsentwicklung

Tai Chi Chuan

Taijiquan hat, seitdem es zu uns in den Westen gekommen ist, viele Freunde gefunden. Diese andere (Bewegungs-)Erfahrung bietet vielen Menschen einen Ausgleich und eine Alternative zum stressigen Alltagsleben und der oftmals eher mechanischen und leistungsorientierten westlichen Sportkultur.
Seine mythenumwobene Herkunft, die mit ihm eng verbundene Philosophie des Dao, die Geheimnisse der TCM und natürlich nicht zuletzt die sagenumwobenen kämpferischen Fähigkeiten der alten Meister faszinieren viele Menschen und bringen und halten sie auf dem Übungsweg des Taijiquan.
Die dieser Kunst zugeschriebenen Effekte sind vielfältig und hier und da übertreffen die verschiedenen Stile sich mit der Anpreisung der Wohltaten, die der Übende von der Praxis erwarten darf. Eine der wohl am häufigsten bemühten chinesischen Spruchweisheiten in diesem Kontext lautet: „Wer Taijiquan übt, wird gelassen wie ein Weiser, stark wie ein Holzfäller und beweglich wie ein Kleinkind“. Es wird also erwartet, dass die Taiji-Praxis uns Weisheit, Gelassenheit, Stärke, Beweglichkeit und damit natürlich auch Gesundheit bringt. Und genau das proklamieren ja auch die meisten Schulen in ihrer Werbung für sich, nämlich, dass Taijiquan Gesundheitspflege, Kampfkunst und Meditation miteinander verbinde.
Die Frage ist aber: Ist dieser Anspruch wirklich gerechtfertigt und wenn ja, unter welchen Bedingungen kann die Praxis des Taijiquan diese Erwartungen erfüllen?

Das Wesen des Taijiquan

Auch wenn die verschiedenen Stile und Schulen des Taijiquan eigene und zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen haben, worum es bei der Praxis des Taijiquan geht und was eine korrekte Praxis auszeichnet, so gibt es jedoch wohl einen gemeinsamen Kern, den alle Übenden anerkennen:
Taijiquan ist als eine Synthese aus Kampfkunst und daoistischen Lebensverlängerungspraktiken, wie Tuna Gong (Atemschulung) und Daoyin Gong (Methoden zum Dehnen und Leiten des Qi), entstanden.
Sein Name weist uns auch sehr unmissverständlich auf seine oberste Maxime hin:
Taiji (太极): Das Prinzip der harmonischen Ergänzung, Interaktion und Wandlung von Yin und Yang.
Quan (拳): Faust, als Symbol der Kampfkunst und des körperlichen Trainings.
Taijiquan ist also seinem Wesen nach ein Übungsweg, auf dem wir uns darin üben, das Wissen um Yin und Yang in der Kampfkunst, Körperschulung und Gesunderhaltung anzuwenden.

Die spezifischen Stilnamen, wie Yang, Chen, Wu, Sun, etc. weisen uns darauf hin, dass es sich hierbei um die spezifischen Interpretationen dieser Prinzipien aus Sicht der Familie Yang, Chen, Wu, Sun, etc. handelt.

Die kulturelle Wurzel

Das Taiji-Prinzip ist eines von 10 universellen Prinzipien des Daoismus. Es entsteht aus dem Wuji (chin.: Wuji Er Taiji) und ist die Quelle für zentrale daoistische Konzepte, wie Himmel-Erde-Mensch (Tian-Di-Ren), 5 Wandlungsphasen (Wu Xing), 8 Trigramme (Ba Gua), etc.

Fuxi (Fuxi Miao, Tianshui)
Abbildung 1: Das Taijiquan hat seine Wurzel in der daoistischen Kultur Chinas – Hier: Statue des legendären Begründers der chinesischen Kultur Fuxi (Fuxi Miao, Tianshui)

Seine Quellen im Bereich Gesundheitspflege und Meditation sind ebenfalls eindeutig daoistischer Herkunft. Taijiquan ist daher ein daoistischer Übungsweg!
Leider gibt es zurzeit sowohl im Westen als auch im Osten Bestrebungen, Taijiquan losgelöst von der daoistischen Kultur zu betrachten. Während im Osten der Grund häufig in der Versportlichung und im Misstrauen gegen die eigene überlieferte Kultur (seitens offizieller Stellen) liegt, finden wir im Westen auf der einen Seite ein großes Unwissen über die daoistischen Wurzeln des Taijiquan auf der einen Seite und die Bestrebung, alles durch die Lupe der westlichen Wissenschaft und damit immer noch eher materialistisch-mechanisch zu betrachten, auf der anderen Seite.
Taijiquan von der daoistischen Kultur zu trennen ist aber damit vergleichbar, einem Baum die Wurzel zu kappen, weil man die Wurzeln ja nicht sieht und Stamm und Blätter ja auch so recht nett aussehen. Dieser Versuch wurde auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin schon unternommen und auch hier mussten die Therapeuten feststellen, dass die chinesische Heilkunst nicht von ihren eigenen Konzepten, Diagnoseverfahren, etc. zu trennen ist, wenn sie voll wirksam sein soll.
Beim Taijiquan ist es meiner Ansicht nach genauso.
Natürlich können wir Taijiquan durch die westliche Lupe betrachten und es als Entspannungsmethode oder als sanftes Funktionstraining mit Entspannungskomponente betrachten. Oder wir können es auch aus buddhistischer Perspektive als Achtsamkeitsübung oder nach moderner chinesischer Art als (Wettkampf-) Sport ansehen.
Ich halte alle diese Auffassungen für zulässig und in gewisser Hinsicht auch für eine Bereicherung.
Allerdings sind sie auch ein klarer Ausdruck dessen, dass wir versuchen, die daoistische Kunst des Taijiquan aus einer anderen als ihrer eigenen, nämlich der daoistischen Perspektive, zu begreifen. Dies verwundert auch nicht, denn die daoistische Kultur wurde bis jetzt nur sehr bruchstückhaft und unvollständig in den Westen übertragen. Und selbst dort, wo einige Elemente ihren Weg zu uns gefunden haben, bleiben sie doch durch Sprach- und Kulturbarrieren bedingt, oftmals sehr schwer verständlich. Der Übertrag in die westliche Lebens-, Denkens- und Fühlensweise ist zumeist noch überhaupt nicht geleistet worden.
So kommt es, dass viele fortgeschrittene Übende instinktiv spüren, dass in der weit verbreiteten Übungspraxis des Taijiquan etwas fehlt und daher Wissen aus anderen Bereichen wie Zen-Meditation, Yoga, Pilates, Feldenkrais, äußeren Kampfkünsten, etc. hinzuziehen, um diese Lücken zu schließen.
Ich glaube, dass es im Sinne einer Evolution des Taijiquan durchaus wichtig ist zu überprüfen, inwieweit unsere Praxis des Taijiquan Lücken oder Fehler aufweist und wo diese durch Wissen und Praktiken aus anderen Bereichen sinnvoll geschlossen werden können. Dies macht allerdings nur dann Sinn, wenn wir die elementaren und dem Taijiquan zu eigenen Prinzipien und Praktiken wirklich tief verstanden und damit die daoistische Wurzel in unsere Praxis integriert haben.
Leider sind im Laufe der Tradierung des Taiji aus unterschiedlichen Gründen in vielen Schulen (auch in China) sehr wichtiges Schlüsselwissen (chin.: Yuan Li – Prinzipien) und Übungsmethoden (chin.: Gong Fa – Übungsmethoden) verloren gegangen, so dass häufig nur noch die Praxis der Taiji-Formen blieb und damit der Zugang zur Wurzel abgeschnitten wurde.
Viele der Fragen, die im Laufe des Übungsweges entstehen und ein großer Teil der Bestrebungen, aus anderen Disziplinen Inhalte zu ergänzen, entsteht meiner Erfahrung nach dadurch, dass die wahrhaften Prinzipien und Übungsmethoden so selten vermittelt werden.
Sich an eine Weiterentwicklung zu machen, ohne dieses ursprüngliche Wissen vorher geprüft zu haben, hieße das Pferd von hinten aufzuzäumen.
Unser Taijiquan kann meiner Meinung nach nur blühen und sich zu seiner vollen Kraft und Schönheit entfalten, wenn wir um die daoistischen Wurzeln wissen und sie auch praktisch in das Üben integrieren können!

Ein abstraktes Philosophieren über die daoistischen Wurzeln des Taijiquan wird uns nur wenig nützen, wenn es uns nicht gelingt, sie praktisch in Übung und Alltag anzuwenden! Für jedes theoretische Konzept existieren in der traditionellen daoistischen Schulung auch praktische Schulungsmethoden, es umzusetzen.
Beispielhaft wird in der nebenstehenden Tabelle die Zuordnung der daoistischen Prinzipien zu grundlegenden Übungsmethoden und Aspekten der Taiji-Form an Hand der Taiji-13er, der Taiji-Tradition der daoistischen Drachentorschule, vorgestellt.

Die Verbindung der 10 universellen Prinzipien des Daoismus mit den entsprechenden Grundlagenübungssystemen und Formfiguren innerhalb der Taijiquan Tradition der daoistischen Drachentorschule (Long Men Taijiquan)
Prinzip Grundlagenübung Formfigur
Vorgeburtliche Leere
(Qian Tian Wuji)
– Wuji Standmeditation – „Vorbereitungsstellung“
Yin Yang (Taiji) – Taiji Standmeditation
4 Yin Yang Körperregulationen
– „Das Qi in Yin und Yang teilen“
Himmel-Erde-Mensch
(San Cai)
– Himmel-Erde-Mensch-Standmeditation – „Vorne der rote Phoenix, hinten die schwarze Schildkröte“
4 Bilder(von Yin und Yang)
(Si Xiang)
Vier Bilder Standmeditation
Vier Körper Qi Gong
– „Das Zentrum wahren – Von der Mitte aus Teilen“
– „Vorne der rote Phoenix, hinten die schwarze Schildkröte – Der Drache wendet sich und der Tiger stürzt nach vorne“
5 Wandlungsphasen – Metall (Wu Xing – Jin) Metall Standmeditation
Metall
– „Nach rechts achtsam sein – Der weiße Kranich breitet seine Schwingen aus“
5 Wandlungsphasen – Wasser (Wu Xing – Shui) Wasser Standmeditation
Wasser Qi Gong
– „Das Zurückweichen ist im eindrehen der Arme“
Wandlungsphasen – Holz (Wu Xing – Mu) Holz Standmeditation
Holz Qi Gong
– „Das nach links achtsam sein ist in den sieben Sternen“
5 Wandlungsphasen – Feuer (Wu Xing – Huo) Feuer Standmeditation
Feuer Qi Gong
– „Das Vorwärtsschreiten ist in den Wolkenhänden“
5 Wandlungsphasen – Erde (Wu Xing – Tu) Erde“ Standmeditation
Erde Qi Gong
– „Das Zentrum wahren – Von der Mitte aus Teilen“
6 Harmonien (Liu He) 6 Harmonien Standmeditation & Übungen
Sitzmeditation zur Vereinigung der drei Elixiere
– „Sich umdrehen und auf dem Pferd sitzend nach dem Weg fragen“
7 Sterne (Qi Qing) 7 Sterne Standmeditation
Formanwendung
– „Das nach links achtsam sein ist in den sieben Sternen“
8 Trigramme (Ba Gua) 8 Trigramme Standmeditation
8 Tore des Taijiquan Übungen (Peng, Lü, Ji, An, Cai, Lie Zhou, Kao)
-„Sich vom Dantian aus wandeln“
9 Paläste (Jiu Gong) 9 Paläste Standmeditation
Spiralenergietraining (Chan Si Gong)
-„Ausweichen und sich mit dem Rücken nach hinten wenden“
Nachgeburtliche Leere (Hou Tian Wuji) Dantian Trainingsmethoden
Formlose/spontane Methoden zur Öffnung der Meridiane
– „Yin und Yang vereinen und zum Ursprung zurück kehren“

Tiefere gesundheitliche Wirkungen ermöglichen

DaoyinGong
Abbildung 2: Meister Shen Xijing zeigt „Die Götter preisen“ aus dem Daoyin Gong

Natürlich wirkt eine entspannte, lockere und von Leistungsdruck befreite Praxis des Taijiquan auf uns oftmals gestresste Menschen im Westen sehr wohltuend und kann uns helfen, ein Gegengewicht zu vielen zivilisatorischen „Übeln“ zu bilden.
Um aber eine wirklich tiefgreifende körperliche und geistig-seelische Gesundung auszulösen, muss das Wissen der Traditionellen Chinesischen Medizin, als Anwendung der daoistischen Kultur im Bereich der Gesundheit, praktisch in unser Üben integriert werden.
Das traditionelle daoistische Taijiquan der Drachentor-Tradition (Long Men Taijiquan) verfügt dafür z.B. über spezielle Grundlagenübungssysteme (Gong Fa), die helfen, zentrale Konzepte der TCM in der Praxis zu verstehen und anzuwenden und damit tiefere Schichten in der (Form-) Praxis des Taijiquan zu öffnen:
Das Training der daoistischen Atemschulung (Tuna Gong) ermöglicht es zu erlernen, wie wir während der (Form-) Praxis pathogene Qi Qualitäten (Xie Qi) aus dem ganzen Körper ausleiten und gesundheitsförderliche Qi Qualitäten (Zheng Qi) in uns anreichern können. Außerdem ermöglicht es, Yin und Yang in den inneren Organen zu regulieren.
Die Methoden zum Dehnen und Leiten des Qi (Daoyin Gong) erlauben durch seine sanften, aber auch den ganzen Körper und die Meridiane öffnenden Bewegungen, strukturelle und energetische Blockaden zu lösen. Dadurch befreien sie nicht nur die Meridiane, sondern ermöglichen auch erst eine bewusste Führung des Qi im Inneren. Sie sind damit ein Schlüssel, um den Qi-Fluss in den verschiedenen Gewebsschichten und Meridianen in der (Form-) Praxis des Taijiquan wirklich bewusst wahrnehmen und anregen zu können.
Die verschiedenen Formen der stehenden Meditation (Zhan Zhuang) helfen nicht nur Stress, Unruhe und Spannung zu lösen, sondern sind bei richtiger Ausführung auch ein sehr wirksamer Weg, um strukturelle und physiologische Blockaden gegen Blut-, Qi- und Kraftfluss in uns zu lösen, Haltungsfehler auszugleichen und das stärkende Qi von Himmel und Erde in uns anzureichern.
Die verschiedenen Formen der daoistischen Meditation (Da Zuo) ermöglichen es u.a., in einen Zustand tiefer innerer Ruhe und des Friedens zu gelangen, wie es durch bewegte Übungen alleine so nicht möglich ist und erlauben u.a. durch eine Regulation der Organ- und Sondermeridiane eine tiefe gesundheitliche Harmonisierung.
All diese Effekte werden sich in der Regel nicht einfach so in der Praxis einstellen und leider kann selbst das fleißigste Üben nur zusammen mit einem klaren Verständnis zu guten und befriedigenden Ergebnissen führen.
Ich glaube, dass insbesondere alle Lehrenden stetig nach den effektivsten und schnellst wirksamsten Übungsmethoden suchen sollten, damit wir den Menschen, die sich oft voller Hoffnung auf gesundheitliche Hilfe an uns wenden, gut und effizient auf ihrem Lebensweg weiter helfen können. Der Weg ist lang genug, wir haben keine Zeit zu verschwenden…

Macht Taijiquan weise?

Jeder der Taijiquan über eine längere Zeit geübt hat, hat wohl auch schon die wohltuende, beruhigende und geistig-seelisch ausgleichende Wirkung der Übungen bemerkt. In Momenten, in denen das Leben uns herausfordert und auf Trab hält, kann uns die Praxis des Taiji immer wieder helfen, unsere Mitte wieder zu erlangen und damit gelassener und gesünder durch unser Leben zu gehen.

herzuebung
Abbildung 3: Die Kultivierung des Herzens (Xin) hat im Daoismus eigene Übungsdisziplinen

Erreicht unsere Praxis ein tieferes Niveau, können innere Erfahrungen wie Gesunkenheit, Zentrierung, Fluss, etc. natürlich auch unserem Geist und unserer Seele tiefere Impulse geben. Und natürlich können die Formen des Taijiquan und seine Partnerarbeit auch als Bewegungsmetapher eingesetzt werden, in der sich unsere alltäglichen geistig-seelischen Muster spiegeln. Bewusstheit darüber kann uns tiefere Einsichten über uns selbst bescheren und innere Wandlung ermöglichen.

Aus daoistischer Sicht würde die Erlangung von Weisheit aber wesentlich mehr umfassen. Aus Sicht der Drachentorschule des Daoismus könnte man Weisheit als einen Zustand bezeichnen, in dem sich in allen Aspekten unseres Lebens ganz natürlich unser wahres Wesen (chin.: Xing) ausdrücken kann. Dies bedeutet, dass die universelle Ordnung (Dao) jederzeit frei und uneingeschränkt in und durch uns wirkt. Ein Zustand, in dem wir nicht mehr mit unserem oberflächlichen Alltagsselbst identifiziert sind, sondern ganz von der Tiefe unseres wahren Wesens als Mensch, das eins mit allem ist, erfüllt werden.
Praktisch geschieht dies, indem wir durch die praktischen Kultivierungsübungen dafür sorgen, dass die 10 universellen Prinzipien (Shi Da Yuan Li) des Kosmos uneingeschränkt in uns wirken können.
Dies ist jedoch keine Domäne des Taijiquan. Es braucht weitergehende und tiefere Methoden, um dieses hohe Ziel zu erreichen. So wertvoll das Taijiquan für viele Aspekte unseres Lebens auch ist, ist es doch keine Universallösung für alle auf dem Weg der inneren Kultivierung anstehenden Aufgaben!
Wir können dies sehr einfach bemerken, wenn wir einmal schauen, wie viele Menschen, die wir kennen, durch die Praxis des Taijiquan wirklich tiefgreifende innere Wandlungen als Mensch erlebt hätten? Wie viele Heilige kennen wir, die sich durch Taijiquan kultiviert haben? Wie sind die Effekte in Bezug auf persönliche Veränderungen im Vergleich zur Psychotherapie?
Ohne, dass sich unser Geist (Yi) und unser Herz (Xin) wandeln, können wir nicht zu unserem wahren Wesen zurückkehren. Und die Wandlung von Geist und Herz braucht spezielle Übungspraktiken: Meditation, spezifisches Qi Gong, Methoden zur Reinigung des Bewusstseins und Kultivierung des inneren Wesens und auch eine spezielle, auf die Kultivierung ausgerichtete Lebenspraxis, um einige wesentliche Praktiken zu nennen.
Taijiquan kann hier nur einen kleinen Beitrag leisten und wird in diesem Bereich meiner Meinung nach häufig in seiner Wirksamkeit und Bedeutung überschätzt.
Das Nei Dan Gong der daoistischen Drachentorschule setzt es auf seinen richtigen Platz als wunderbare Methode zur Kultivierung von Körper (Essenz/Jing) und Energie (Qi) und damit als eine Säule auf den unteren und mittleren Stufen der daoistischen Kultivierung.
Egal, worum es uns im Üben geht, sei es Gesundheit, innerer Friede oder auch Kampfkunst, aus daoistischer Sicht können wir die höchsten Stufen des Übungsweges und damit der persönlichen Verwirklichung nur erreichen, wenn wir uns auch diesem Bereich der inneren spirituellen Kultivierung widmen (chin.: Xiu Lian).
Dies ist die „große Medizin“, die in der Lage ist, all unsere Probleme zu lösen (chin.: Da Yao).

Taiji-Kampfkunst

Partnerarbeit im Taijiquan
Abbildung 4: Verschiedene Aspekte der Partnerarbeit im Taijiquan: Tuishou, Formanwendung, Freikampf

Zur Bedeutung des Taijiquan als Kampfkunst gibt es unterschiedlichste Meinungen. Auch wenn sich wohl alle Stile und Schulen darüber einig sind, dass die Kampfkunst eine Wurzel des Taijiquan ist, so wird ihr in der Trainingspraxis doch eine sehr unterschiedliche Bedeutung beigemessen. Die Ansätze reichen von der Erklärung, dass der eigentliche Sinn des Taiji in der Kampfkunst liege, über ein vages Interesse an der Thematik bis hin zur Ablehnung der kämpferischen Dimension.
Aus daoistischer Sicht sind Konflikte ein natürlicher Bestandteil unserer Welt. Was bringt es einem daoistischen Einsiedler, wenn er nach Jahrzehnten der Kultivierung von einer umherziehenden Räuberbande einfach dahingemeuchelt wird?
Gewalttätige Bedrohung von Leib und Leben war im alten China auch für friedliebende Daoisten eine reale Gefahr. Aus dieser Perspektive gibt es bei korrekter Praxis keinen Widerspruch zwischen innerer Kultivierung und Praxis der Kampfkunst.
Ob und inwieweit wir, die wir heute in einem doch recht friedlichen Mitteleuropa leben, diese Motive teilen, muss jeder wohl für sich entscheiden.
Wenn wir uns allerdings für die Kampfkunst interessieren, dann sollten wir einige Dinge berücksichtigen, wenn wir einem unliebsam harten Kontakt mit dem Boden der Realität im „Ernstfall“ vorbeugen wollen.
Taijiquan Formen und auch Tuishou sind eine unzureichende Basis, um unsere Kunst wirklich anwenden zu können.
Wie in vielen anderen Kampfkünsten auch, sind diejenigen mit den schönsten Formen nicht unbedingt die besten Kämpfer und die besten Kämpfer haben nicht unbedingt die schönsten Formen.
Nicht ohne Grund werden bei Taiji-Wettkämpfen, genau wie bei allen anderen Kampfkünsten, Form- und Tuishou/Sanshou Wettkämpfe getrennt.
Um Taijiquan wirklich in der Anwendung zur Entfaltung zu bringen, braucht es auf der einen Seite innere Kraft und auf der anderen Seite funktionierende Technik, denn Technik ohne innere Kraft ist wirkungslos und innere Kraft ohne Technik ist blind.
Die Basis der inneren Kraft bilden die gesundheitlichen Übungspraktiken, denn in einem kranken, blockierten und geschwächten Körper kann sich keine innere Kraft entfalten. In der Taiji-Tradition der daoistischen Drachentorschule werden darauf aufbauend verschiedene Grundlagenübungssysteme (Gong Fa) zur Entfaltung der inneren Kraft vermittelt:
Die Stehende Meditation (Zhan Zhuang) integriert den ganzen Körper, Geist und Energie zu einer auch in Belastungssituationen unzerbrechlichen Einheit und verleiht zentrale innere Fähigkeiten, wie Zentrierung (Zhong Xin), Verwurzelung (Ben) und Haltungsausrichtung.

Das Taiji-Spiralenergietraining (Chansi Gong) stellt den harmonischen und spiraligen Fluss des Kraftimpulses (Li) in uns wieder her, indem es uns zu einer natürlichen, ganzkörperlichen und aus dem Zentrum (Dantian) gesteuerten Bewegungsqualität verhilft.

Die Explosionskraftübungen (Tantu Gong) lehren uns, über die gemeinsame Führung von Kraft und Energie in Kombination mit den Heng- und Ha-Lauten explosiv unsere innere Kraft auszustoßen (Fa Jin, Bao Fa Li) und ist damit die Grundlage, um explosiv Kraft in den Anwendungen übertragen zu können.

Das Training verschiedener Schritte und Stände (Taijiquan Wu Bu) verleiht uns Verwurzelung im Stand und Mobilität und Anpassungsfähigkeit in der Bewegung in die vier Himmelsrichtungen.

Übungen zur Distanzwahrnehmung (Yu Li Gan), Timing (Zhi Jian Ca), kinästhetischer Sensibilität und visueller Beobachtungsfähigkeit (Ting Jin) erlauben uns, den Gegenüber und seine Aktionen klarer wahrzunehmen, um angemessen reagieren zu können.

Auf dieser Basis kann das Training der Anwendungstechniken erst zum Erfolg führen.

Um unsere innere Kraft „sehend“ und damit anwendbar zu machen, gibt es eine Vielzahl weiterer hilfreicher Übungsformen:
Grundlagenübungen mit und ohne Partner zu den 8 Grundenergien des Taiji (Taiji Ba Men – Peng, Lü, Ji, An, Cai, Lie, Zhou, Kao) lehren uns die Grundstrategien, um unsere innere Kraft auf den Partner anzuwenden.
Tuishou– und Dalü-Routinen verinnerlichen die energetischen Reaktionsmuster auf verschiedene Formen angreifender Energie auf einfache und gefahrlose Art und Weise.
Anwendungen der Formbewegungen bilden nicht nur die Grundlage zum wirklichen Verständnis des äußeren Rahmens der Formbewegungen, sondern sind auch das technische ABC für die realen und ganz konkreten Anwendungen im Ernstfall.
Partnerformen erlauben diese Anwendungen auf sichere Art und Weise zu verinnerlichen.
Freiere Formen des Tuishou, Yunshou und Sanshou erlauben uns schließlich, unsere Fähigkeiten unter immer realistischeren Bedingungen zu schulen und zu erproben.
(Yunshou – Freie Anwendung in freundlicher und partnerschaftlicher Atmosphäre ohne reale Kraftübertragung)
Taijiquan kann eine sehr wirkungsvolle Kampfkunst sein, wenn wir um die richtige Trainingsmethodik wissen.

 

Wie Taijiquan Sinn macht

Taijiquan macht Sinn, wenn wir uns klar über unsere Ziele und die notwendigen Schritte auf dem Weg dorthin sind, wenn wir uns vertrauensvoll unter Führung eines wissenden, könnenden und offenen Lehrers und mit Hilfe der richtigen Übungsmethodik auf den Weg zu eigenem authentischen Verstehen und Können machen.
Es macht Sinn, wenn wir die daoistische Wurzel des Taijiquan im eigenen Üben ganz praktisch für uns zum Leben erwecken und das Wissen der TCM ganz bewusst integrieren.
Es macht Sinn, der Tradition und ihren Vertretern mit Respekt zu begegnen und ihre Lehren mit Dankbarkeit anzunehmen, aber auch mit Hilfe eines klaren und offenen Geistes nach einem eigenen und zeitgemäßen Verständnis zu suchen und, wo nötig, Fehlendes zu ergänzen und Fehler zu korrigieren, damit wir einen Beitrag zur Evolution unserer Kunst leisten können.
Und es macht Sinn, auch Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren, dass Taijiquan nicht für alle Fragen unsere Lebens Antworten bereit hält und in diesem Zusammenhang seine traditionelle Position im Gebäude der daoistischen Kultivierung realistisch einschätzen können. Hier können uns z.B. der daoistische Kultivierungsweg (Nei Dan Gong) und auch die anderen inneren Kampfkünste, wie Bagua und Xingyi, oftmals wertvolle Impulse geben, die die Praxis des Taijiquan so nicht für uns bereit hält.

Autor: Tobias Puntke M.A.
Tobias Puntke M.A. studierte Sportwissenschaft, Medizin und Rechtswissenschaft und war Lehrbeauftragter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Münster für den Bereich Taijiquan und Qi Gong. Seit 1987 intensive Ausbildung in inneren und äußeren Kampfkünsten, Meditation, Qi Gong und ganzheitlichen Heilwegen bei namenhaften Lehrern in Europa, China und Taiwan. Er ist Meisterschüler des Meisters der 22. Generation der daoistischen Drachentorschule, Shen Xijing, und lernt seit 1997 jährlich mehrere Monate im Privatunterricht bei ihm. Als Direktor der Europäischen TaijiDao Akademie e.V. in Münster und der Europäischen TaijiDao Gesellschaft (ETG) lehrt er in ganz Deutschland und verschiedenen anderen europäischen Ländern.
Kontakt: Europäische TaijiDao Gesellschaft (ETG): www.TaijiDao.com

Fotos: Tobias Puntke M.A. & taiji-forum.de