Chan Mi Gong

Nichts tun, nichts denken, nur schwingen

Chan Mi Gong-Dr. Zuzana Sebkova ThallerQigong schwamm bereits auf der Erfolgswelle, als Chan Mi Gong Anfang der 90er Jahre langsam begann, im deutschen Sprachraum Fuß zu fassen. Ab 1993 kamen regelmäßig der Großmeister Liu Han Wen und die von ihm ausgebildeten chinesischen Lehrer Meisterin Ma Hui Wen und Meister Wang Yu. Die Initiatorin des Ganzen war Ursula Stummvoll, die Liu Han Wen in China kennen gelernt und seine Schriften übersetzt hatte. 1995 wurde die Chan Mi Gong Gesellschaft e.V. (CMG) – damals hieß sie noch „Fördergemeinschaft“ – gegründet. Seitdem wächst die Zahl der Chan Mi Gong-Praktizierenden stetig. Wer Chan Mi Gong gründlich erlernen und/oder unterrichten will, soll bei den auf Chan Mi Gong spezialisierten Kursleitern und Lehrern lernen und die Spezialausbildung zum Chan Mi Gong -Kursleiter und Chan Mi Gong-Lehrer absolvieren, die sich von der Qigong-Ausbildung stark unterscheiden. Die CMG ist Mitglied im DDQT (Deutscher Dachverband für Qigong und Taijiquan) und ihre Ausbildung entspricht den Leitlinien des Dachverbands.

Können Chan Mi Gong und die moderne westliche Wissenschaft miteinander etwas anfangen?
Chan Mi Gong – sein Ursprung und die Bedeutung des Begriffs
Woher kommt Chan Mi Gong?
Die Basisübungen: Nichts wissen, nichts wollen, nur da sein
Die besondere Haltung im Chan Mi Gong
Chan Mi Gong – das sogenannte „Wirbelsäulen-Qigong“
Chan Mi: die „Frau des Qigong“
Durch Vorstellungskraft zu umfassendem Wohlbefinden
Der Atem und die Wirbelsäule
Der Atem ist Leben, Leben ist Schwingung
Schwingung, die uns auch im Alltag „berührt“
Surftipps “Qigong”

Können Chan Mi Gong und die moderne westliche Wissenschaft miteinander etwas anfangen?

21 Jahre nach dem Beginn der Chan Mi Gong-Bewegung in Deutschland habe ich im Mai 2014 im Namen der CMG das Symposium „Alles ist Schwingung – Chan Mi Gong und die Ökologie des Daseins“ in Augsburg organisiert. Dieses Symposium fand zu Ehren des vor 10 Jahren verstorbenen Großmeisters Liu Han Wen in Mai 2014 statt. Es lud zu einem ungewöhnlichen Austausch zwischen der alten tibetischen Methode und Musik, Kunst und der modernen Wissenschaft ein. Die Verbindung zum Gesang und zur Musik und Bewegung stellte sich automatisch ein – allen geht es um die fließende Verbindung zum Atem. Weniger einsichtig schien zunächst die Verbindung zu der modernen westlichen Wissenschaft. Obwohl damit erst der Auftakt gesetzt wurde und der Austausch auf Grund der diametral verschiedenen Zugänge der traditionellen Methode und der modernen westlichen Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckt, wurde es allmählich klar, dass die beiden um dasselbe kreisen und in der Zukunft wegbahnende Synergien bilden können. Eine kleine Ahnung gab davon eine Studie von Dr. Norbert Genser und mir, die von Dr. Norbert Genser präsentiert wurde. Sie konnte zeigen, dass die Basisübungen des Chan Mi Gong auf eine ganz spezifische – und von anderen Qigongarten sich unterscheidende – Weise harmonisierend auf den Herzschlag der Übenden wirken. Ähnlich starke und spezifische Wirkung konnte in unserer Pilotstudie über die Wirkung von Chan Mi Gong auf das Gehirn nachgewiesen werden. (über unsere Forschung s. Haffelder).

Anscheinend gelingt es dieser Methode, die bei einer maximal entfalteter Wahrnehmung eine aufs Minimum reduzierte äußere Form der Wirbelsäulenwelle monoton rhythmisch wiederholt, den Übenden in eine Art Trance zu versetzen, in der sich die Grundrhythmen unseres Organismus harmonisieren und verstärken können. Das wirkt anscheinend systemisch wie eine Art „Reset“ auf den gesamten Organismus. Womöglich ist die rasche Besserung von so vielen unterschiedlichen Beschwerden, wie sie zum Beispiel an Multipler Sklerose (MS) erkrankte Übende haben, auf dieses Phänomen zurückzuführen. In diese Richtung weisen die Chronobiologie und die Chronomedizin, die viele Krankheiten auf eine Rhythmusdissonanz – sei es der eigenen oder zwischen den eigenen und den universellen Rhythmen – zurückführen. (Fn. Krebs in Dänemark) Das Fazit war klar: es lohnt, hierin fortzusetzen!

Chan Mi Gong – sein Ursprung und die Bedeutung des Begriffs

Die uralte Methode des Chan Mi Gong stammt ursprünglich aus den tibetischen Bergen. Von da aus soll sie sich in der uralten Zeit nach Ceylon, und von da aus wieder nach Tibet zurück begeben haben, bevor eine Linie vor ca. 700 Jahren nach China gegangen sein soll. Dort wurde sie im Geheimen praktiziert bis sie Liu Han Wen 1984 publik machte. Auch wenn der Name „Chan Mi Gong“ neu sei, scheint er bewusst gewählt zu sein (Fn. Laut der Aussage von Großmeister Li Zhi Nan – einem nahen Freund von Liu Han Wen – in einem Interview, das ich 2005 in Weinberg führte, hat Liu Han Wen den Namen auf Anraten seines Freunds aus politischen Gründen gewählt.) „Chan“ ist das chinesische Wort für Zen und bedeutet so viel wie „Meditation“. Das Wort ist eine Übertragung des Sanskrit-Wortes Dhyana ins Chinesische. Das Wort „Mi“ bedeutet geheim. Es weist auch auf „MiJiao“ hin – die Bezeichnung der esoterischen und tantrischen Schulen des Buddhismus, die zwischen dem 7. und 8. Jahrhundert von Indien nach China gelangten und Gemeinsamkeiten mit dem tibetischen Vajrajana aufweisen. Lässt man sich auf die Vielschichtigkeit der Übungen des Chan Mi Gong ein, erzählen sie viel von ihrem Ursprung und Werdegang und zeigen auch Spuren, die zum vorbuddhistischen Schamanismus führen.

Woher kommt Chan Mi Gong?

bild-Dr.-Zuzana-Sebkova-ThallerAls eigenständiges Qigong System wurde Chan Mi Gong von Großmeister Liu Han Wen 1984 zum ersten Mal öffentlich unterrichtet. Er gab damit ein altes Wissen preis, das seine Vorfahren seit vielen Jahrhunderten in China geheim tradierten. Wir wissen, dass er es systematisierte und von religiösen Inhalten befreite, um es der chinesischen Öffentlichkeit vorstellen zu können. Niemand wird je erfahren, wieviel tatsächlich sein persönlicher Anteil an den Übungen ist. Die archaischen Formen der höheren Übungen deuten stark darauf hin, dass sie nur durch Liu Han Wen in Worte gefasst worden sind, und zwar rein auf der energetischen Ebene, ohne religiöse Inhalte. Nur das Wort „Buddha“ – im Sinne von „Gott“ oder „Ganzheit“ – kommt vereinzelt vor. Die Übungen sind unglaublich klar formuliert, entziehen sich aber vollkommen dem Erlernen aus Schriften, weil sie stets nicht nur die Beherrschung, sondern auch das tiefe Verständnis der Basisübungen voraussetzen.


Die Basisübungen: Nichts wissen, nichts wollen, nur da sein

Die Basisübungen sind in ihrem gedanklichen Entwurf auch für unser abendländisch-orthopädisch geschultes Denken sehr logisch aufgebaut, sodass man versucht ist, die Aufteilung dem Großmeister zuzuschreiben, zumal er sie als reine Technik, die Wirbelsäule zu bewegen, weitergab. Auf dieselbe Weise wird die Methode auch immer noch weiter gegeben. Der Aufbau folgt aber gleichzeitig den natürlichen Gegebenheiten der Physiologie des menschlichen Körpers und führt unausgesprochen in die tiefsten Geheimnisse des Lebens ein – ein Zug, der wiederum auf den alten Ursprung der Basisübungen hinweist. Liu Han Wen selber hat selten seine Übungen näher erklärt. Er hat sie eher nur so angesagt, dass sie folgerichtig durchgeführt werden konnten. Seine Äußerungen zum historischen, philosophischen oder religiösen Hintergrund blieben bis ans Ende rar, und so blieb ihre vielschichtige Bedeutung unausgesprochen – ganz im Geiste der fernöstlichen traditionellen „Pädagogik“, die unausgesprochen die Form als „Schlüssel“ zu der Bedeutungsfülle der jeweiligen Übung und zu sich selbst weiter gibt. Dort geht es gerade um diesen langsamen „Weg der Erschließung“, den jeder Übende individuell, entsprechend seiner Erfahrung, geht. So wird die Form auf jedem Schritt innen verankert und ganzheitlich erschlossen. Darin liegt meiner Meinung der größte Unterschied zu unserer westlichen „Pädagogik“, die das äußere Wissen (über die historischen und kulturellen Hintergründe, über die Lehre der Traditionellen Chinesischen Medizin etc.) der äußeren Form bereits in voraus oder gleichzeitig als wichtige Theorie beigibt.

Welch ein Glück, dass wir über das Chan Mi Gong nicht so viel wissen! Wir müssen uns auf die Übungen – und hier spreche ich vor allem über die Basisübungen – einfach einlassen. Und da passiert – außer der Wirbelsäulenwelle, die sich monoton wiederholt – nichts! Auf dieses „Nichts“ muss man bereit sein, sich einzulassen – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Nichts wissen, nichts machen – gerade im Gegenteil: alles los-lassen und nur anwesend zu sein. Da schärfen sich die Sinne…

Die besondere Haltung im Chan Mi Gong

Chan Mi Gong unterscheidet sich auffallend von anderen Qigong Arten in China. Es scheint faktisch näher den indischen Yoga-Systemen zu stehen als den chinesischen Qigong-Arten, die aus China stammen. Es arbeitet auch nicht mit den Meridianen der TCM, jedoch mit dem Yin- und Yang-Prinzip und den vier bekanntesten Sondermeridianen. In den höheren Übungen hat der Zentralkanal, der durch die Mitte des Körpers führt, eine zentrale Bedeutung. Die Grundhaltung des Chan Mi Gong unterscheidet sich grundsätzlich von der Grundhaltung des üblichen chinesischen Qigong. Die Füße sind nach außen gewendet – das öffnet das Becken, und gegenüber der gleichmäßigen Gewichtsverteilung im chinesischen Qigong liegen sieben Zehntel des Gewichts auf den Fersen. Das Becken, das in Chan Mi Gong als Michu – der geheime sakrale Ort – bezeichnet wird, wird entspannt und mit Hilfe der Vorstellung zum „Blühen“ gebracht. Im daoistischen Qigong gibt man dem Beckenboden eine gewisse Festigkeit, indem man den After leicht nach oben zieht, um die Energie nicht nach unten zu verlieren, sondern sie in den Umlauf des entlang der Wirbelsäule verlaufenden Kleinen Himmlischen Kreislauf, einzubringen. Während der daoistische Stand eine stabile und leicht statische Haltung ist, in der der Übende „wie ein Baum“ verweilen kann, ist der Chan Mi Gong -Stand stets leicht bewegt, da es nichts gibt, was die statische Haltung unterstützen würde. Die Wirbelsäule ist entspannt und kein Gelenk ist fixiert, sondern alle Gelenke sind locker und durchlässig – vergleichbar mit Kugellagern, die auch die geringste Bewegung weiterleiten. All das erlaubt dem Atem, uns stärker zu bewegen und die Wirbelsäule dadurch in eine fließende Wellenbewegung zu versetzen.

Chan Mi Gong – das sogenannte „Wirbelsäulen-Qigong“

Chan Mi Gong ist bekannt als „Wirbelsäulen-Qigong“. Die Basisübungen lehren sanfte, schlangenartige Bewegungen der Wirbelsäule, die durch die Gelenke an den ganzen Körper weiter vermittelt werden. Dadurch kommt der ganze Körper in Fluss. Spannungen im Körper geben nach und der Übende versinkt in einen tief entspannten Zustand. Blockaden lösen sich, Rückenschmerzen weichen und die Energie beginnt unbehindert durch den Körper zu fließen. Das ist die auffallende, aber nur vordergründige Wirkung von Chan Mi Gong. Die Tibeter haben früher Chan Mi Gong nicht deshalb gelernt, damit sie ihre Rückenschmerzen beseitigen, sondern damit sie ihre Lebenskraft schöpfen um im Kampf mit den Elementen zu überleben. Der schmerzfreie Rücken war also eine Art „Nebenprodukt“.

Zuzana Sebkova „Wirbelsäulen-Qigong“Es gibt 4 Basisübungen. Die erste – Yongdong genannt – besteht aus wellenartigen Bewegungen der Wirbelsäule zwischen vorne und hinten. Diese Bewegungen erinnern an die Bewegung einer Raupe. Die zweite Basisübung lässt die Wirbelsäule seitlich schwingen. Sie heißt Baidong, und erinnert je nach dem Leitbild, dem sie folgt, entweder einer Schlange oder einem Pendel. Die dritte Basisübung, die Niudong heißt, hat zwei Formen. Die eine ist eine reine Drehbewegung, die andere beschreibt eine aufsteigende Spirale. Die vierte Basisübung ist eine freie Kombination aller drei anderen Basisübungen. So einfach dies auch klingt, der Übende braucht recht lange, um diese Übungen zu erlernen, und vor allem, um sie zu verinnerlichen.


Chan Mi: die „Frau des Qigong“

Je gelassener die Basisübungen geübt werden, desto stärker und vor allem umfassender ist ihre Wirkung. Es gibt auch daoistische Übungen, die die Wirbelsäule zum Thema haben – nahezu in jedem Zyklus finden wir Übungen, die für die Geschmeidigkeit der Wirbelsäule sorgen, wie zum Beispiel die Übung „Über den See rudern“ oder „Die Welle schieben“ aus den 18 Formen des Taiji-Qigong, die der 1. Basisübung des Chan Mi Gong gleicht, oder die Übung „Der schwimmende Drache“, der die seitliche Wellenbewegung zum Thema hat. Der Unterschied liegt im Verhältnis von „Führen“ – und „sein lassen“ – dem Yang- und Yin-Aspekt. Während die daoistischen Übungen die Bewegungsfolgen klar strukturieren und die Bewegung führen, gründen die Chan Mi Gong -Basisübungen auf dem „sein lassen“. Während im Daoistischen Qigong der Yang-Aspekt im Vordergrund steht und das Yin sich oft auf die Lösung der Gelenke in den Übergangsphasen von zwei Bewegungsrichtungen beschränkt, ist die Yin-Phase im Chan Mi Gong die tragende und das Yang kommt nur in den Übergängen vor, in denen der neue Wellenimpuls gesetzt wird. Salopp ausgedrückt ist Chan Mi Gong die „Frau des Qigong“. Dieser Aspekt führt uns zu den weiteren Eigentümlichkeiten des Chan Mi Gong.

Durch Vorstellungskraft zu umfassendem Wohlbefinden

Es geht nämlich nicht nur um eine wellenähnliche Bewegung der Wirbelsäule, sondern auch um einen inneren Vorgang mit Hilfe der Vorstellungskraft. Während des Übens steigt und sinkt der Übende mit dem inneren Blick durch die Wirbelsäule und widmet dadurch seine Aufmerksamkeit einem jedem Wirbel. Dem alten chinesischen Satz entsprechend – „Wo die Aufmerksamkeit ist, da ist Energie, wo die Energie ist, da ist Heilung“, werden die einzelnen Wirbel und Bandscheiben, und mit ihnen auch die Nerven- und Energiebahnen, die der Wirbelsäule folgen, mit heilender Energie versorgt. Es geschieht aber richtig erst, wenn die Vorstellung und die Bewegung eins werden. Dann wird auch das Rückenmark energetisch versorgt, was in der Chan Mi Gong-Fachsprache das „Waschen des Rückenmarks“ genannt wird. Die wohltuende Wirkung lässt nicht lange auf sich warten. Chan Mi Gong-Basisübungen haben viele Menschen vor WS-Operationen bewahrt, anderen unmittelbar nach der Operation in der Zeit der Rekonvaleszenz geholfen. Sie haben sich auch bei Nacken- und Kopfschmerzen, bei rheumatischen Beschwerden und allen Arten von Gelenkproblemen bewährt und allgemein zu einem größeren Wohlbefinden und gesteigerter Lebensqualität geführt. Da die Bewegung durch den ganzen Körper führt, gibt es kaum eine Stelle, die von der wohltuenden Wirkung ausgenommen ist. Da liegt die vielleicht größte Bedeutung von Chan Mi Gong.

Der Atem und die Wirbelsäule

Bislang wurde Chan Mi Gong stets als Technik der Bewegungsabfolge unterrichtet. Nirgends in der Literatur ist bislang – abgesehen von meinen eigenen Fachartikeln – darauf hingewiesen worden, dass die erste Basisübung eigentlich nur etwas veranschaulicht, was sowieso geschieht – nämlich die Atemwelle. Bereits die Chan Mi Gong Haltung unterstützt die Sichtbarmachung: Die offene Fußstellung und das offene Becken, die lockere Wirbelsäule, die durchlässigen Gelenke und das Ungleichgewicht der Gewichtsverlagerung destabilisieren gewaltig den Stand. Wird die Aufmerksamkeit auf den Atem gelenkt, vertieft sich der Atem, was zu einer größeren Ausdehnung des Brustkorbs in alle Richtungen führt. Auf die Weise entsteht eine komplexe Brustkorbbewegung. Öffnet sich der Brustkorb beim Einatmen zu den Seiten, überträgt es das Körpergewicht nach vorne; schließt sich der Brustkorb und formt er dadurch einen leichten „Katzenbuckel“, wird das Gewicht nach hinten übertragen. Auf die Weise schaukelt der Körper zwischen vorne und hinten hin und her. Die Atembewegung beim Einatmen hat aber auch noch eine aufsteigende, sich nach oben entfaltende Komponente, und beim Ausatmen eine sinkende. Da alle Bewegungen des Körpers durch die Wirbelsäule weitergeleitet werden, gerät die Wirbelsäule auf diese Weise in Schwingung.




Chan Mi Gong macht uns darauf aufmerksam, dass neben der Aufgabe der Wirbelsäule, uns aufrecht zu halten, die Wirbelsäule auch dazu da ist, uns „im Schwung zu halten“, oder, präziser ausgedrückt: uns zum Schwingen zu bringen. Mit jedem Einatem erhebt sich die Welle vom Steißbein aus und durchfließt und entfaltet und nährt den ganzen Körper und schließt die Verbindung zum Himmel. Mit jedem Ausatem kehrt sie – gemäß ihrem Kreislauf über die Vorderseite des Körpers – in den Michu , den sakralen Raum des Beckens, ein, um in seiner Schale und auch über ihn alles zu erden und sich wiederum mit dem neuen Einatem-Impuls des Steißbeins zu einer neuen Welle zu erheben. Diese Schwingung gehört zu unserem Leben wie der Atem. Im Alltag nehmen wir sie leider noch weniger als den Atem wahr und nur selten erlauben wir diesen Schwingungen wirklich, sich in uns richtig zu entfalten, weil wir meist unter vielfachen Verspannungen auf unterschiedlichen Ebenen leiden. Deshalb nimmt die Entspannung in Chan Mi Gong einen solch großen Raum ein. Die Übenden lernen mit Hilfe der Vorstellung, bis auf die Zellebene ihre Wahrnehmung zu entfalten und mit ihrer Hilfe zu entspannen. Hilfreich sind dabei die Bilder der Lächelns und des Erblühens, denn sie helfen zu lösen, zu öffnen und aufzunehmen.

Der Atem ist Leben, Leben ist Schwingung

Dr. Zuzana Šebková-ThallerNimmt man den Atem dann auch wahr als das, was er ist – nämlich als ein wohl portioniertes Lebensgeschenk, das sich ohne unser Zutun einfach vollzieht und uns am Leben erhält -, dann ändert sich auch unsere Einstellung zu ihm. Dann erfasst uns auch das Gefühl der Dankbarkeit und wir nehmen einen tieferen Atemzug ein und halten inne, werden uns seiner bewusst, wie er unsere Körperräume öffnet, weitet und wie sie dadurch schön werden. Es wird uns klar, dass zum Atem unser Herz auch gehört, das einfach den Atem willkommen heißt und „danke“ sagt. Sobald dies geschieht, entfaltet sich die Wellenkraft, weil wir das wesentliche Prinzip des Lebens begriffen haben: die Resonanz. Zunächst müssen wir freilich in den Genuss der Atemwelle kommen. So wie kleine Kinder das Schaukeln einer Schaukel zunächst stundenlang genießen können ohne etwas dafür zu tun. Aus dem Genuss entwickelt sich Freude und aus der Freude, die Lust mitzumachen – da kommt das Kind darauf, im richtigen Augenblick einen kleinen Impuls zu geben – und die Schaukelbewegung vergrößert sich. Chan Mi Gong lehrt dies Schritt für Schritt: Sobald der ganze Körper entspannt ist und sich die innere Freude entfaltet, wird die Wahrnehmung auf die untere Spitze der Wirbelsäule verlagert – den untersten Steißbeinwirbel. Die Wirbelsäule schwingt und der unterste Steißbeinwirbel setzt nun bewusst im richtigen Augenblick einen Impuls und lässt wieder los. Das geübte innere Auge schaukelt und sieht und fühlt, wie sich die Wellen in die verschiedenen Körperhöhlen und Organe ergießen, sich dort ausbreiten, wie Meereswellen, die an die Wände stoßen, und in den Innenräumen verschieden geformt werden – je nach der Form und Dichte eines jeden Organs und Körperteils, bevor sie sinkend wieder nach unten fließen, wo sich alles im Becken sammelt, um mit dem nächsten Einatem wieder aufzusteigen – unaufhörlich, lebenslang. Das geschieht durch den Atem freilich auch ohne Chan Mi Gong. Mit Chan Mi Gong aber kann jeder Mensch die Wirbelsäulenschwingung hochschaukeln und steigern und mit seinem Herzen prägen. Er lernt, den Lebensfluss zu genießen, sich ihm hinzugeben, seine Sinneswahrnehmung steigert sich und führt die Energie auf immer differenzierteren Wegen durch den Körper, der dadurch immer durchlässiger und luzider wird. Er wird zum Liebenden, der das „Ja-Wort“ zu jeder Atemwelle spricht und sie dadurch steigert, dass sie immer kraftvoller wird. Die Kraft der Resonanz ist eine explosive Kraft, die auch die Umgebung erfasst…

Schwingung, die uns auch im Alltag „berührt“

Seit mehr als 100 Jahren wissen wir im Westen, dass „alles Schwingung ist“. Aber dieses theoretische Wissen hat uns Westler im Alltag kaum berührt. (Fn.) Die Schwingung aber, die wir mit Chan Mi Gong wahrzunehmen und zu steigern lernen, bewegt uns tatsächlich und berührt uns innen wie außen, und auf allen Ebenen. Sie durchdringt und erfasst uns, verbindet uns mit Anderen und mit dem großen Ganzen. Sie verwandelt uns und auch unsere Umgebung!

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Autorin: Dr. Zuzana Sebkova-Thaller

Fotos: Dr. Zuzana Sebkova-Thaller