Qigong Studien Überblick

Überblick: Einige Studien betreffend Qigong und Heilung

Wie oben ausgeführt gibt es bis jetzt keinen schlüssigen Beweis, dass Qigong – unabhängig von den Sets und der Methodik des Übens – irgendeine Tendenz besitzt, bestimmte Krankheiten oder Leiden zu heilen. Es ist auch nicht wissenschaftlich bewiesen, dass eventuelle Gesundheitseffekte des Qigong in irgendeiner Weise tiefergehender, wirkungsvoller oder in einer anderen Art effektiver sind als jede andere Bewegungsaktivität, wie bspw. konventionelle Gesundheitsgymnastik oder andere westliche oder östliche Sportarten – seien sie modern oder traditionell.

Qigong Studien Überblick

Die folgende Artikelliste ist insofern ein Überblick über Settings und Konstellationen, die bisher Gegenstand von Forschungsprojekten waren (d.h. sie beschreiben, welche Ansätze und Krankheitsbilder bisher überhaupt wissenschaftlich betrachtet wurden). Die Liste enthält keinen Überblick darüber, welche Krankheitsbilder „geheilt“ werden können, indem man Qigong betreibt. Sie enthält somit auch keine Hinweise darauf, bei welchen Beschwerden Qigong typischerweise therapeutisch genutzt werden kann, oder genutzt werden sollte.




Obwohl die Formulierungen in den Studien im Einzelnen voneinander abweichen und unterschiedliche Sympathielevel gegenüber Qigong als möglicher Therapiemethode erkennen lassen, schließen alle Studien mit dem Ergebnis, dass es bisher keinen hinreichenden Beweis für einen Heilungseffekt bzgl. der im Einzelnen erforschten Krankheitsbilder gibt. Eine zweiter Punkt ist oftmals, dass mehr Forschung nötig wäre, um festzustellen, ob es überhaupt einen Effekt gibt und wenn ja, ob dieser Effekt sich qualitativ von den Effekten anderer vergleichbarer Methoden unterscheidet.

Auf der einen Seite sind dies schlechte Nachrichten für alle, die Heilung suchen oder mit heilenden Kräften Geschäfte machen wollen – auf der anderen Seite gibt es jedoch Qigong-Praktizierenden die Freiheit, einfach die Übungen zu machen, die man mag, ohne von anderen Motiven oder Zwängen eingeengt zu werden. Am Ende kann es sein, dass das gute Gefühl das Einzige ist, dass einem die Qigong-Übung gibt. Qigong kann einfach das sein (oder werden), was man gerne macht – ein „gewöhnliches“ Hobby, welches ein wichtiger Teil deines Lebens ist. Wenn das Üben der bewussten Bewegungen das ist, was dich glücklich macht, kann dies der Weg sein, auf dem Qigong dein Wohlbefinden erhält oder verbessert.

Qigong Studien Überblick

Qigong und chronische Atemwegserkrankungen (Chronic Obstructive Pulmonary Disease, COPD)

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Kooperationskrankenhaus der Shandong Universität für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Jinan, China

Schlussfolgerung: Qigong zeigt bessere Ergebnisse als überhaupt keine Übungen, Ergebnisse sind vergleichbar mit anderen Bewegungsübungen.

Quelle: Ding Meng, Zhang Wei, Li Kejian, and Chen Xianhai. Effectiveness of T’ai Chi and Qigong on Chronic Obstructive Pulmonary Disease: A Systematic Review and Meta-Analysis, The Journal of Alternative and Complementary Medicine. February 2014, 20(2): 79-86. https://doi.org/10.1089/acm.2013.0087 (nur Abstract, Volltext hinter Paywall)

Qigong und Bluthochdruck

Art der Studie: Meta-Analyse

Herkunft: Guangzhou Universität für TCM, Guangzhou, VR China / Universitätsklinik Kyoto, Japan.

Ergebnisse: Selbst praktiziertes Qigong ist besser als keine Übungen, aber die Entwicklung ist nicht besser als in aktiven Kontrollgruppen.

Schlussfolgerung: Mehr Studien sind nötig, um den klinischen Nutzen zu belegen und den dahinter liegenden Mechanismus zu erforschen.

Quelle: Guo Xinfeng, Zhou Bin, Nishimura Tsutomu, Teramukai Satoshi, and Fukushima Masanori, Clinical Effect of Qigong Practice on Essential Hypertension: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials, The Journal of Alternative and Complementary Medicine. January 2008, 14(1): 27-37. doi.org/10.1089/acm.2007.7213 (nur Abstract, Volltext hinter paywall)

Qigong und primäre Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen

QigongArt der Studie: Meta-Analyse

Herkunft: Medizinische Fakultät, Universität Warwick (UK) in Zusammenarbeit mit South Korea/China, Universität Exeter (UK)

Ergebnisse: eingeschränkte Belege

Schlussfolgerung: Mehr Studien sind nötig, um die Wirksamkeit von Qigong zur Prävention nachzuweisen.

Quelle: Hartley L, Lee MS, Kwong JSW, Flowers N, Todkill D, Ernst E, Rees K. Qigong for the primary prevention of cardiovascular disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2015, Issue 6. Art. No.: CD010390, doi.org/10.1002/14651858.CD010390.pub2 (Abstract, Zusammenfassung in einfacher Sprache, Volltext)

Qigong und Diabetes Typ 2

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Organisation für Krankenpflege Taiwan (Taiwan Nurses Association)

Ergebnisse: Qigong könnte einen positiven Effekt auf den HbA1c-Wert und Blutzuckerwerte bei Nüchternheit haben. Keine signifikanter Effekt bei Ansprechungsvermögen auf Insulin/Insulinresistenz.

Schlussfolgerung: Mehr Studien erforderlich.

Quelle: Ju-Ping Huang / Mei-Ling Yeh. The Qigong Effect on Blood Glucose Control in People With Type 2 Diabetes: A Systematic Review and Meta-Analysis, Journal of Nursing & Healthcare Research. Sep2013, Vol. 9 Issue 3, p199-209. 11p. (nicht online einsehbar).

Qigong und Fibromyalgie / Fibromyalgiesyndron (FMS)

1) Wirksamkeit und Sicherheit

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: AutorInnen verschiedener Universitäten und (Universitäts)krankenhäuser; Duisburg-Essen, Homburg/Saar, Saarbrücken, München, Bochum

Umfang der Studie: Qigong, Tai Chi und Yoga in der FMS-Behandlung

Ergebnisse: Es wurden keine schwerwiegenden nachteiligen Effekte berichtet. Meditative Bewegungstherapien sind sicher.

Schlussfolgerung: Bedarf an hochwertigen Studien mit größerem Umfang, um die Ergebnisse zu bestätigen.

Quelle: Langhorst J, Klose P, Dobos GJ, Bernardy K, Häuser W., Efficacy and safety of meditative movement therapies in fibromyalgia syndrome: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials, Rheumatol Int. 2013 Jan; 33(1):193-207. Epub 2012 Feb 15.
doi: doi.org/10.1007/s00296-012-2360-1. (nur Abstract, Volltext hinter Paywall)

2) Positive Effekte von Qigong

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: AutorInnen verschiedener Universitäten und (Universitäts)krankenhäuser; Duisburg-Essen, Saarbrücken, München

Ergebnisse: Der systematische Überblick offenbart Belege geringer Qualität in Bezug auf kurzfristige Verbesserung von Schmerzen, Lebensqualität und Schlafqualität und Belege sehr geringer Qualität für eine Verbesserung im Bezug auf Ermüdungserscheinungen. Keine Belege wurden gefunden für die Überlegenheit von Qigong verglichen mit anderen aktiven Behandlungen. Obwohl keine schwerwiegenden nachteiligen Effekte berichtet wurden, gibt es keine Belege hoher Qualität für positive Effekte.

Schlussfolgerung: Der Ausblick stellt fest, dass Qigong ein sinnvoller Ansatz für FMS-Patienten sein könnte. Zurzeit kann nur eine schwache Empfehlung ausgesprochen werden. Weitere Forschung hoher Qualität ist erforderlich.

Quelle: A Systematic Review and Meta-Analysis of Qigong for the Fibromyalgia Syndrome
Lauche, R. / Cramer, H / Häuser, W / Dobos, G / Langhorst,J – A Systematic Review and Meta-Analysis of Qigong for the Fibromyalgia Syndrome, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine Volume 2013, Article ID 635182, 12 pages http://dx.doi.org/10.1155/2013/635182 (Volltext zugänglich)

3) Qigong, andere Bewegungstherapien und Fibromyalgie

Art der Studie: Meta-Analyse

Herkunft: Krankenpflegeschule an der Universität für Gesundheit und Naturwissenschaft Oregon, USA

Forschungsinteresse: Ergänzende und alternativmedizinisch basierte Bewegungstherapien, darunter Tai Chi, Qigong, Yoga und eine Anzahl weniger bekannter Bewegungstherapien. (Die endgültige Analyse enthält Tai Chi, Pilates, Resseguier Methode, Biodanza).

Ergebnisse: Schwaches Forschungsniveau, welches auf mittlere bis hohe Effekte in Bezug auf Schmerzreduzierung hindeutet. Das Fehlen von nachteiligen Effekten führt zu dem Schluss, dass es wenig Risiko gibt, diese Praktiken als Teil eines multimodalen Behandlungsplans zu empfehlen.

Schlussfolgerung: Die Analyse stellt einen „Bedarf für große, gründliche Studien mit aktiven parallelen Armen“ fest. – Es wird vorgeschlagen bspw. herkömmliche Aerobic-Übungen mit dem Kreis der hier betrachteten alternativen Bewegungstherapien zu vergleichen, um mehr Belege zu erhalten.

Quelle: Mist, Scott Davis / Firestone / Jones, Complementary and alternative exercise for fibromyalgia: a meta-analysis, Journal of pain research 2013:6 247-260,
http://dx.doi.org//10.2147/JPR.S32297 (Abstract und Volltext)

Qigong und Depressionssymptome

Qigong und DepressionArt der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Universitäten in China und Australien

Studienfeld: Medizin, Sport, Bevölkerungsgesundheit

Umfang: Qigong und Tai Chi

Ergebnisse: Kein grundlegender Unterschied in Bezug auf Symptom-Auswertung (vorher/nachher) wurde festgestellt in Bezug auf Tai Chi, übliche Pflege, andere Übungen, pädagogische Lehreinheiten („education“) und der Gruppe „Sonstige“. Qigong scheint nützlich zu sein in Bezug auf die Reduzierung der Schwere von Depressionssymptomen.

Schlussfolgerung: In Anbetracht der niedrigen Qualität der einbezogenen Studien und der dokumentierten Belege für Voreingenommenheit bei der Veröffentlichung sollten diese Ergebnisse mit Zurückhaltung betrachtet werden.

Quelle: Xin Liua, Justin Clark, Dan Siskind, Gail M. Williamse, Gerard Byrnec, Jiao L. Yangh, Suhail A. Doii, A systematic review and meta-analysis of the effects of Qigong and Tai Chi for depressive symptoms, http://dx.doi.org/10.1016/j.ctim.2015.05.001 (Abstract, Volltext hinter Paywall)




Qigong und Krebs

Anmerkung: Es gibt keinerlei Studien über die Wirksamkeit von Qigong als alleinige Behandlungsmethode für Krebs, wie z. Bsp. Studien über den Einfluss von Qigong auf Tumorwachstum und ähnliches. Klinische Teststudien im Bereich Qigong und Krebs sind somit Studien über Fürsorge und Pflege von Krebspatienten. Die TeilnehmerInnen der Studien sind somit entweder prä- oder postoperativ; einige Studien beziehen sich auf Qigong als Bewegungstherapie, die während oder nach der Chemotherapie stattfindet. Das Hauptinteresse von Studien über Qigong und Krebs ist somit nicht Krebsheilung im engeren Sinn, sondern die Verbesserung der Lebensqualität (QOL – quality of life) von KrebspatientInnen.

1) Medizinisches Qigong und Lebensqualität – Leseempfehlung für eine (typische) Einzelstudie

Anmerkung bzgl. „Medical Qigong“: Der Begriff medizinisches Qigong (medical Qigong) bezieht sich hier auf eine Methode der Körper-Geist-Koordination (body-mind method), also sog. internes Qigong, d.h. auf Übungen, die durch den Patienten selbst ausgeführt werden. Obwohl die Studie den Begriff „medical Qigong“ verwendet, ist damit NICHT das z.T. als heilende Methode beworbene und praktizierte externe „medical Qigong“ gemeint, bei dem ein „Heilender“ von außen auf den Patienten einwirkt. Das äußere Erscheinungsbild einiger dieser externen Praktiken gleicht einem Wedeln in der Luft. Seriöse Studien zu diesem externen Vorgehen, welches streng genommen nicht einmal unter die Gruppe der biofield therapies (Biofeldtherapien) fällt, da letztere mit Handkontakt am Patienten arbeiten (und somit Praktiken von minimal-intensiver Massage bis „Handauflegen“ umfassen), sind nicht bekannt.

Art der Studie: Einzelstudie (randomized controlled trial)

Herkunft: Universität Sydney, Australien und andere

Schlussfolgerung: Medizinisches Qigong kann die allgemeine Lebensqualität und die Gemütslage von Krebspatienten verbessern, spezifische Nebenwirkungen von Behandlungen können reduziert werden. Es kann möglicherweise auf lange Sicht auch körperliche Wirkungen durch Reduzierung von Entzündungen erzeugen.

Anmerkung: Die Schlussfolgerung von Einzelstudien wird geschrieben, um den Umfang und die Ergebnisse der Studie zusammenfassend zu beschreiben. Schlussfolgerungen von Einzelstudien klingen oft positiver als die Ergebnisse von Meta-Analysen, da die tatsächlichen Daten im laufenden Prozess der Studie selbst gesammelt wurden. Diese Studie ist eine gute Lektüre für all diejenigen, die einmal einen Blick auf die „harte Arbeit im Schatten“ werfen möchten. Der Leser / die Leserin bekommt eine Idee, wie die Daten produziert werden und welchen praktischen Hindernisse die WissenschaftlerInnen auf dem Weg begegnen. Man erfährt, welche methodischen Fragen schon an dieser Stelle aufgeworfen werden und bekommt einen Einblick in die (Selbst)kritik der ForscherInnen. – Und schließlich bekommt man auch einen Eindruck davon, wie die Auswirkungen dieser Unsicherheiten sich aufsummieren können, wenn eine Meta-Analyse, die auf vielen dieser Einzelstudien aufbaut, eine zu unkritische Herangehensweise hat.

Diese Einzelstudie wurde als Leseempfehlung ausgewählt, weil sie in einer verständlichen Weise geschrieben ist und online frei zugänglich ist. Daneben gibt es viele andere Studien, die diese Kriterien erfüllen. – Unsere Hoffnung ist, dass interessierte LeserInnen das nächste Mal, wenn neue Erkenntnisse über Qigong und Krebsbehandlung – bisweilen stolz – präsentiert werden, auf den oft vorhandenen Link zu der jeweiligen Studie klicken. Die wirkliche Wissenschaft liegt in den Details, nicht in der Zusammenfassung in einem Satz.

Quelle: B. Oh, P. Butow, B. Mullan, S. Clarke, P. Beale, N. Pavlakis, E. Kothe, L. Lam, D. Rosenthal Impact of Medical Qigong on quality of life, fatigue, mood and inflammation in cancer patients:
a randomized controlled trial, Annals of Oncology 21: 608–614, 2010 doi: doi.org/10.1093/annonc/mdp479 (Volltext)

2) Qigong und Lebensqualität – Ein Beispiel für eine unkritische Meta-Analyse

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Medizinische Universität Dalian, China (finanziert als Teil verschiedener Nationaler Grundlagenforschungs- und Individualförderungsprogramme)

Umfang: Studien aus China; „Standardtechnik“

Forschungsinteresse: Depression, Angst, Schmerzen, Ermüdungserscheinungen und „verringerte Lebensqualität“ und wie TCM-Verhaltensinterventionen (hier Akupunktur, Chinesische Massage, TCM Fünf Elemente Musik-Intervention, TCM Ernährungsergänzung, Qigong und Tai Chi) helfen können.

Ergebnisse: Alle Methoden reduzierten funktionelle Einschränkungen und führten zu Schmerzlinderung, Nachlass von Depressionen und verkürzten die Zeit bis zu postoperativen Flatulenzen. Sie waren noch wirkungsvoller bei der Reduzierung von Ermüdungserscheinungen und Magen-Darm-Beschwerden. Akupunktur besserte Ermüdungen, reduzierte Durchfall und verkürzten die Zeit bis zu postoperativen Flatulenzen. Der letze Punkt ist auch eine Stärke der
therapeutischen Chinesischen Massage, während letztere auch die Zeit bis zu den Darmgeräuschen verringert.

Schlussfolgerung: Es wird demonstriert, dass TCM-Verhaltensinterventionen die Lebensqualität von Krebskranken verbessern und nachgewiesen, dass diese „nützliche verbundene Therapien“ sind.

Anmerkung: Diese Analyse ist es wert, angeschaut zu werden, da sie als ein beeindruckendes Beispiel gesehen werden kann, wie mit vielen Studien, Zahlen und Diagrammen (inklusive eines Fußnotenapparates mit 72 Einträgen) gearbeitet wird, während auf die Forschungsmethode und das Forschungsinteresse maximal am Rande eingegangen wird, von kritischer Betrachtung der verwendeten Daten ganz zu schweigen.

Quelle: Weiwei Tao / Xi Luo / Bai Cui et alii, Practice of traditional Chinese medicine for psycho-behavioral intervention improves quality of life in cancer patients: A systematic review and meta-analysis; oncotarget, Vol. 6 (2015), No. 37, 39725-39739, https://doi.org/10.18632/oncotarget.5388 (Abstract und Volltext)

3) Lebensqualität – Beispiel für eine zurückhaltender formulierte Meta-Analyse

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Medizinische Universität Dalian, Krankenpflegeschule (und Krankenhaus) Beijing

Diese Meta-Analyse ist vom selben Hauptautor und mit demselben Betrachtungsfeld geschrieben worden wie die obige Studie. Anscheinend ist es dieselbe Studie, aber deutlich zurückhaltender formuliert in Bezug auf die Ergebnisse. Die (überarbeitete?) Schlussfolgerung liest sich nun wie folgt: „Zusammengenommen, obwohl es einige eindeutige Beschränkungen hinsichtlich der Gesamtheit der Forschung gibt, die in dieser Studie durchgesehen wurde, kann eine vorsichtige Schlussfolgerung gezogen werden, dass Akupunktur, Tuina, Tai Chi, Qigong oder TCM-FEMT nützliche verbundene Therapien darstellen. Zukünftige Studienberichte in diesem Feld sollten verbessert werden im Hinblick auf Methode und Inhalt der Intervention und Forschungsmethoden.“

Anmerkung: Gegen den obigen Artikel gehalten, erhaschen wir ein Blick darauf, wie „richtige Wissenschaft“ aus etwas entstehen kann, was ursprünglich an Werbung grenzte. Die selbe Studie, nun im Standardjargon der Wissenschaft geschrieben, scheint dem kritischen Geist sofort respektabler. Aber: Es gibt keine Hinweise darauf, dass die ursprüngliche Struktur unter dieser neuen wissenschaftlichen Oberfläche sich überhaupt geändert hat. Eine solche Gelegenheit, zwei Versionen einer Studie zu vergleichen ist selten, und man hat selten die Chance einen solchen Blick in die Produktion des Wissens hinein tun zu können.

Quelle: Tao WW, Jiang H, Tao XM, Jiang P, Sha LY, Sun XC, Effects of Acupuncture, Tuina, Tai Chi, Qigong, and Traditional Chinese Medicine Five-Element Music Therapy on Symptom Management and Quality of Life for Cancer Patients: A Meta-Analysis.;Source: J Pain Symptom Manage. 2016 Apr;51(4):728-47; DOI: doi.org/10.1016/j.jpainsymman.2015.11.027 (Volltext)

Qigong und Depression

1) Mögliche Entwicklungen in der Qigong-Forschung – Leseempfehlung!

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Universitäten und Krankenhäuser in der VR China und den USA (Guang’an Men Hospital, Beijing / University of North Carolina / Sichuan University, Chengdu / Massachusetts General Hospital, Boston ) – Studie staatlich finanziert von den USA und China

Studienfeld: Psychologie / soziale Arbeit

Schlussfolgerung: Während der Artikel aufgrund der schlechten Qualität der vorhandenen Daten keine positive Schlussfolgerung ziehen kann, diskutiert er eingehend die Schwächen bestehender Studienmethoden und bietet wertvolle Beiträge für die Entwicklung zukünftiger Studien.

Eine Lektüre ist all denjenigen sehr empfohlen, die einen Einblick in die spannende Welt der Qigong-Forschung und ihrer zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten haben möchten.

Quelle: Fang Wang, Jenny K. M. Man, Eun-Kyoung Othelia Lee, Taixiang Wu, Herbert Benson, Gregory L. Fricchione, Weidong Wang, Albert Yeung, The Effects of Qigong on Anxiety, Depression, and Psychological Well-Being: A Systematic Review and Meta-Analysis, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine Volume 2013, Article ID 152738, 16 pages, http://dx.doi.org/10.1155/2013/152738 (Volltext)

Qigong und Depression

2) Mögliche Abhängigkeit vom Depressionstyp

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Universität Hongkong, Polytechnische Universität Hongkong

Studienfeld: Verhaltensgesundheit / Soziale Arbeit / Rekonvaleszenz

Ergebnisse: Der Review stellt eine geringe Anzahl von Studien fest und betont die Notwendigkeit weiterer Forschung. Er hält fest, dass Qigong möglicherweise nützlich im pflegerischen Umgang mit depressiven Symptomen sein könnte, aber diese Mutmaßung Grenzen aufweist.

Da die meisten der zugänglichen Studien mit Patienten mit sekundärer Depression, geringer Depression oder hohen depressiven Symptomen durchgeführt wurden, kann es sein, dass die Ergebnisse nicht auf Patienten mit primärer Depression übertragbar sind. Aus ähnlichen Gründen könnten sie auch nicht übertragbar sein auf Patienten mit Depressionen infolge negativer Lebensereignisse. Die meisten Studien wurden mit chronisch kranken Patienten durchgeführt; es gibt nur wenige Studien, die sich mit jungen Leuten mit Gesundheitsproblemen beschäftigen.

Schlussfolgerung: „Darüber hinaus scheint es, dass Qigong ineffektiv ist, wenn es um die Linderung depressiver Symptome bei Patienten mit schweren physischen Problemen wie Krebs und Parkinson geht.“ – Aufgrund dessen kann die Studie keine Empfehlung in Bezug auf die Nutzung von Qigong bei Patienten mit Depressionen geben.

Quelle: Chong-Wen Wang, Cecilia Lai Wan Chan, Rainbow T. H. Ho, Hector W. H. Tsang, Celia Hoi Yan Chan, Siu-Man Ng , The Effect of Qigong on Depressive and Anxiety Symptoms: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials , Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine Volume 2013, Article ID 716094, 13 pages http://dx.doi.org/10.1155/2013/716094 (Volltext)

Qigong und Morbus Parkinson

1) Qigong als Ergänzung zu Medikamentengaben

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Beitragende aus verschiedenen Krankenhäusern medizinischer Universitäten, VR China

Studienfeld: Neurologie

Forschungsinteresse: Meta-Analyse verschiedener Studien über Tai Chi und Qigong als Ergänzung zur pharmakologischen Behandlung der Parkinson-Krankheit

Ergebnisse: In Bezug auf leichte bis mittelschwere Parkinson-Erkrankungen und im Vergleich zu anderer Therapie plus Medikation zeigt Tai Chi plus Medikation bessere Ergebnisse bei Bewegungsfunktion und funktionaler Reichweite, aber nicht in Bezug auf die Lebensqualität.

Schlussfolgerung: Für Qigong gibt es keine hinreichenden Belege, um überhaupt eine Schlussfolgerung zu ziehen. Obwohl Tai Chi „für die Behandlung von Parkinson empfohlen werden sollte“, sind mehr Studien erforderlich „um die derzeitigen Erkenntnisse zu bestätigen“. (Man sieht die klar positive Haltung der ForscherInnen in Bezug auf ihr – idealerweise – neutral zu betrachtendes Forschungsthema auch bis hinein in die Schlussfolgerungen für zukünftige Forschung.)

Quelle: Yang Y, Qiu WQ, Hao YL, Lv ZY, Jiao SJ, Teng JF, The efficacy of traditional Chinese Medical Exercise for Parkinson’s disease: a systematic review and meta-analysis., PLoS One. 2015 Apr 1;10(4):e0122469. doi.org/10.1371/journal.pone.0122469. (online veröffentlichter Volltext).

2) Ungewöhnliche Korrelationen – aufgrund von (In)kompatibilität der Einzelversuchsreihen?

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: China / USA

Studienfeld: Sport und Gesundheit/Kinesiologie

Ergebnisse: Die Meta-Analyse von Studien zur Wirksamkeit von Tai Chi und Qigong auf Depression und Angststörungen führte zur Identifikation von 35 Studien, die in die Schlussanalyse mit einbezogen wurden. Die Tai Chi und Qigong-Einheiten müssen standardisiert werden, um die Wirksamkeit zu überprüfen.

Schlussfolgerung: Bis hierher – geringe bis bescheidene Effekte auf Depression und Angststörungen

Anmerkung: Andere Hinweise der Studie lauten wie folgt: Geringere Effekte, wenn die TeilnehmerInnen blind zugewiesen wurden; „Linderungen waren größer, wenn die TeilnehmerInnen AsiatInnen waren“; Linderungen waren geringer, wenn die Leute älter waren; Linderungen waren größer mit zunehmender Dauer der Sitzungen und größerer wöchentlicher Frequenz. – Insgesamt weist dies auf ein heterogenes Feld von Einzelstudien hin. Es muss die Frage gestellt werden, ob die einzelnen Studien überhaupt vergleichbar sind/waren. – Zumindest, wenn man nicht bereit ist, ohne weiteres Testen zu akzeptieren, dass „AsiatInnen“ eine wissenschaftlich signifikante Sondergruppe bilden, die sich durch höhere Wirksamkeit in Bezug for die „Heilkräfte“ des Qigong abhebt. Dieses würde einem modernen Verständnis von Qigong und Tai Chi widersprechen, welches diese als Praktiken begreift, die auf die Bewegungs- und kognitiven Fähigkeiten des menschlichen Körpers und Geistes ansich basieren.

Quelle: Jianchun Yin, Rodney K. Dishman, The effect of Tai Chi and Qigong practice on depression and anxiety symptoms: A systematic review and meta-regression analysis of randomized controlled trials, Mental Health and Physical Activity Volume 7, Issue 3, September 2014, Pages 135–146, http://dx.doi.org/10.1016/j.mhpa.2014.08.001 (Abstract, Volltext hinter paywall)

Qigong und Nacken- und Rückenschmerzen

1) Sicherheit von Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Verschiedener Krankenhäuser medizinsicher Fakultäten, China

Studienfeld: Orthopädie

Forschungsinteresse: Meta-Analyse bzgl. des Effekts von verschiedenen Methoden der TCM in Bezug auf chronischer Nackenschmerzen und Schmerzen im unteren Rücken

Schlussfolgerung: Keine nachteiligen Effekte wurden gefunden – die Methoden sind relativ sicher. Bzgl. Tai Chi und Qigong konnten keine eindeutigen Schlüsse gezogen werden – weitere Forschung ist erforderlich.

Quelle: Qi-ling Yuan, Tuan-mao Guo, Liang Liu, Fu Sun, Yin-gang Zhang, Traditional Chinese Medicine for Neck Pain and Low Back Pain: A Systematic Review and Meta- Analysis., PLoS ONE 2015 10(2): e0117146. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0117146 (Abstract und Volltext)

Zu Tai Chi und Nackenschmerzen siehe auch:

Studie: Tai Chi hilft bei Nackenschmerzen


Qigong und Stress / Angstzustände

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Universität Hongkong

Studienfeld: Verhaltensgesundheit / Soziale Arbeit und Verwaltung

Ergebnisse: Die Gesamtheit der Nachweise aus 7 Studien deutet darauf hin, dass Qigong Stress und Angstzustände bei gesunden Erwachsenen reduziert. Aber: Während 4 Studien auf Linderung von Ängsten bei gesunden Erwachsenen hinweisen, weisen 2 Studien (lediglich) darauf hin, dass Ängste im Vergleich zu (1) Teilnahme an Vorträgen und (2) strukturierten Bewegungen gelindert wurden. 3 Studien sahen Belege für reduzierten Stress im Vergleich zur Gruppe auf der Warteliste.

Man kann in Frage stellen, ob die Vergleichsgruppen der einbezogenen Studien – die schon einige grundsätzliche wissenschaftliche Anforderungen erfüllen im Vergleich zu denen, die gar nicht in die Endauswertung aufgenommen wurden – gut genug angelegt sind, um Belege für die Wirksamkeit von Qigong verglichen mit anderen gesundheitsbezogenen oder therapeutischen Aktivitäten herzugeben. Die Qigong-Kurse in den Einzelstudien gingen lediglich über 1 bis 3 Monate.

Schlussfolgerung: Aufgrund der beschränkten Anzahl von Einzelstudien und deren fragwürdiger Methodik sind mehr und besser angelegte Studien erforderlich.

Quelle: Wang et al., Managing stress and anxiety through qigong exercise in healthy adults: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials, BMC Complementary and Alternative Medicine 2014, 14:8, http://www.biomedcentral.com/1472-6882/14/8 (Abstract, kostenloser Download des Volltextes als pdf)

Qigong und Schlaf(mangel) im fortgeschrittenen Alter

Art der Studie: Review / Meta-Analyse

Herkunft: Krankenpflegeschulen, Medizinische Universität Fujian und Polytechnische Universität Hongkong, China

Studienumfang: Meta-Analyse von meditativen Bewegungstherapien (meditative movement interventions, MMI), d.h. einer Auswahl von Methoden, darunter Tai Chi, Qigong, Yoga und vermischte Ansätze („multicomponent MMI“). Die Dauer der MMI betrug je 12-24 Wochen.

Ergebnisse: Die am Ende einbezogenen Studien weisen auf einen geringen Effekt hinsichtlich der Verbesserung der Schlafqualität hin. Weitere Hinweise: Die Wirkung auf die Schlafqualität wurde nicht beeinfluss von der Dauer der Intervention (innerhalb des Studienumfangs von 12-24 Wochen); keine positive Wirkung auf die Schlafqualität bei Studien mit Interventionsfrequenzen von weniger als 3 mal pro Woche.

Schlussfolgerung: Belege nicht beweiskräftig; Bedarf nach Einzelstudien hoher Qualität; Erfordernis, verschiedene Untergruppen von älteren Menschen in den Blick zu nehmen.

Quelle: Wu Wei-wei, Kwong Enid, Lan Xiu-yan, and Jiang Xiao-ying., The Effect of a Meditative Movement Intervention on Quality of Sleep in the Elderly: A Systematic Review and Meta-Analysis., The Journal of Alternative and Complementary Medicine. September 2015, 21(9): 509-519. https://doi.org/10.1089/acm.2014.0251 (Abstract, Volltext hinter Paywall)

Gut gemacht oder gut gemeint? Verschiedene Beispiele für Forschungsüberblicke zu Qigong und Heilung

Qigongforschung ist ein Feld, das sich in der Entwicklung befindet. Alle Anstrengungen, Licht in dieses „Chaos“ zu bringen, sollten deshalb begrüßt werden. Es gibt Übende, die sich die Zeit nehmen, die Studien zu lesen und das Ergebnis ihrer Lektüre, ihre Erkenntnisse zu Qigong und Heilung anderen Leuten zugänglich machen. Wissen stark zusammengefasst zu präsentieren hat seine eigenen Risiken, aber das Ergebnis mag den Aufwand wert sein.

Aufgrund der großen Menge an Lesestoff, die von den AutorInnen bewältigt werden muss, werden die entstehenden Artikel manchmal irreführend selbst als Studien bezeichnet. Dies ist problematisch, da lesen nicht studieren bedeutet. Eine Sache oder einen Zusammenhang zu studieren bedeutet, einen fragenden Geist, einen offenen Geist zu haben. Die Fragestellung kann nicht einfach sein, sich die Frage zu stellen, ob das, was man von vorne herein (und vielleicht entlang des gesamten Weges der eigenen Qigong-Karriere) glaubte, nun endlich bewiesen wurde. Fakten zu suchen, die meinen eigenen Standpunkt unterstützen, ist kein Forschen und das Zusammenfassen dieser Fakten ergibt keine Studie.

Solchen Versuchen, dennoch einen Überblick zu schaffen, gerecht zu werden, ist somit manchmal schwierig. Auf der einen Seite bedeutet es vom wissenschaftlichen Standpunkt aus voreingenommen zu sein, wenn man eine Sichtweise vertritt, die nicht deutlich in der Anlage der Studie hervortritt oder zumindest im entstehenden Artikel/Forschungspapier diskutiert wird. Auf Grundlage dieser Voreingenommenheit weiter zu arbeiten, bedeutet, dass das Ergebnis (oft „Belege“ oder „Beweise“ genannt) als qualitativ schlecht beurteilt werden muss. – Auf der anderen Seite führt das Sprechen von einen bestimmten Standpunkt her dazu, dass schöne Geschichten entstehen, die den Leser / die Leserin fesseln. Es ist allgemein bekannt, wie wichtig solches „story telling“ ( wörtlich „Geschichten erzählen“) im heutigen Marketing ist. Ein solches kreatives Schreiben unter Benutzung eines wissenschaftlichen Stils geht jedoch immer auf Kosten der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit. Weit davon entfernt, über die tatsächlichen wissenschaftlichen Belege zu informieren, benutzen einigen AutorInnen und Fachorganisationen die Wissenschaft als eine unanfechtbare Maske für individuelle Werbung oder für die Herausstellung einer bevorzugten Methode (in diesem Fall Qigong oder Tai Chi).

Im Folgenden werden einige Artikel vorgestellt, die angeben, über die wissenschaftliche Forschung zu Qigong zu berichten oder diese zu analysieren und dabei eine wissenschaftliche äußere Form oder wissenschaftliche Sprache benutzen. Drei Herangehensweisen an Qigong und Heilung werden herausgestellt: wissenschaftlicher Positivismus, die wissenschaftliche Wertepyramide und ein transdisziplinärer Rundblick.

Wissenschaftlicher Positivismus: Das Schaffen eines virtuellen Feldes von Gesundheitsvorteilen vom Qigong und Tai Chi herum

Beispiel: A Comprehensive Review of Health Benefits of Qigong and Tai Chi”, von Jahnke / Larkey / Rogers / Etnier / Lin

Qigong und Tai ChiDer Überblick listet Betrachtungsweisen und Blickwinkel auf, die von Qigong-Forschungsprojekten verschiedenster Art bisher untersucht wurden. In Folge seines breiten Ansatzes weist dieser laut Überschrift „umfassende Überblick“ keinen speziellen Fokus auf. Ohne zu tief in die tatsächlich vorhandenen Belege einzusteigen, werden diese Forschungsgebiete im Anschluss präsentiert als typische Gebiete, auf denen die Gesundheitsvorteile von Qigong (und Tai Chi) an irgendeinen Punkt erscheinen müssten. Während der Überblick keine wissenschaftliche Grundlage finden kann, irgendeinen Unterschied zu anderen Übungssystemen zu identifizieren, wird dennoch unterbreitet, dass die bloße Existenz einer gewissen Menge an Forschung zu Qigong / Tai Chi bedeutet, dass es sich um eine alternative Wahl handelt für jene, die keine „energischen“, konventionellen Übungen machen wollen.

Das wissenschaftliche Problem hierbei ist, dass der bloße Fakt, dass Forschung in einen Gebiet stattgefunden hat, verwechselt wird mit dem Beweis, dass Qigong tatsächlich einen gesundheitlichen Effekt auf diesem Gebiet hat. Dieser Beweis steht noch aus. Der Artikel bezieht sich zwar auf Studien und Forschungshypothesen, nimmt aber am Ende nur an, dass Qigong eine alternative Heilmethode sein muss, weil es als alternative Heilmethode wissenschaftlich untersucht worden ist. Noch kürzer gefasst, ist Qigong eine Alternative, weil es als Alternative benutzt wurde (was auch der maßgebliche Grund gewesen sein mag, dass man es überhaupt erst als solche wissenschaftlich untersuchen wollte). Dies ist ein klassisches Beispiel für einen Kreisschluss, dem die wissenschaftliche Forschung gerade entgehen wollte, indem sie Qigong im standardisierten Experiment testete.

Es ist nichts falsch daran, Qigong als eine alternative Methode zum Umgang mit einer Krankheit zu behandeln. Qigong zu machen, nur weil es sich gut anfühlt oder nur weil allgemein berichtet wird, dass es eine lange Tradition als Gesundheitsübung hat, ist erstmal unproblematisch. Man kann auch Qigong als Fitnessaktivität wählen, weil man keine traditionelle westliche Gymnastik mag, aber das alles ist nichts, worum es bei wissenschaftlichen Belegen um Qigong und Heilung geht. – Der Überblick weicht letztlich der Frage aus, was der Stand der Wissenschaft zum Thema Qigong ist. Daher kann er auch keine – vielleicht notwendige – kritische Betrachtung der (fehlenden) Belege liefern, die durch wissenschaftliche Methoden der Naturwissenschaften erzeugt werden. Am Ende muss der Überblick als Beispiel für die diskursive Technik, Wahrheit in der Wiederholung zu finden, gelten: Ein virtuelles Feld von Gesundheitsvorteilen, die Qigong und Tai Chi umgeben, wird in die Existenz geschrieben. – Aus welchem Grund? Man weiß es nicht.

LINK: doi.org/10.4278/ajhp.081013-LIT-248 (online veröffentlicht in: Am J Health Promot. 2010; 24(6): e1–e25).

Die wissenschaftliche Wertepyramide: das Präsentieren von Meta-Studien als überlegene Forschungsmethode

Beispiel: “Know the evidence”, National Qigong Association (USA)

„Know the evidence“ („Kenne die Beweise“) ist ein Service der National Qigong Association für ihre Mitglieder. Die Einleitung des Papiers entwirft im Grunde eine Hierarchie der wissenschaftlichen Forschung. Es stellt fest, dass es auf einem Grundniveau Einzelstudien gibt und auf einem Niveau darüber Meta-Analysen. In der Folge wird die experimentelle wissenschaftliche Arbeit mit einem niedrigen Niveau assoziiert, während die automatische Analyse vieler solcher Einzelstudien mit einem höheren Niveau wissenschaftlicher Erkenntnis verbunden wird. Diese Herangehensweise würde bedeuten, dass jede Anhäufung von Meta-Studien (sozusagen eine Meta-Meta-Studie) die höchste Form der wissenschaftlichen Kunst, der „wissenschaftlichste“ oder kenntnisreichste Standpunkt wäre. Solch eine Zusammenfassung von Meta-Analysen – nach der entfalteten Logik Wissen in seiner konzentriertesten Form – wird in dem Papier angestrebt.

Die Idee, das man der Wert von Experimentalstudien steigern kann, indem man sich mehrere Studien in einem neuen Kontext ansieht, bietet für sich schon Raum für Diskussionen (siehe hier). Akzeptiert man die Idee, dass im Wege der Meta-Analyse mehr/anderes Wissen aus den vereinzelten Studien gezogen werden kann, bedeutet dies jedoch zugleich ein großes Aber: Wenn man diese Methode benutzt, muss man sämtliche Fehlerquellen in den Einzelstudien selbst im Hinterkopf behalten. Da das hier vorgestellte Papier „kenne die Beweise“ übertitelt ist, würde man somit mindestens erwarten, dass die Meta-Analysen selbst sorgfältig und kritisch gelesen werden, da die Leserschaft eine eingedampfte Zusammenfassung erwartet.

Die Meta-Analysen beinhalten ohne Ausnahme Einschätzungen zu den Belegen, die in den Einzelstudien herausgeforscht wurden. Sie stellen regelmäßig fest, dass mehr Ergebnisse aus diesen Originalstudien (also aus Studien der „niedrigen Hierarchiestufe“) benötigt werden, um wissenschaftliche Schlüsse aus ihrem Vergleich ziehen zu können. Die Meta-Analysen selbst betonen dabei, dass es zunächst mehr hochqualitative Forschung braucht.
Über diesen Punkt unkritisch hinweg zu schreiten und trotzdem wissenschaftliche Belege für positive Gesundheitseffekte in diesen Meta-Analysen zu „aufzufinden“, die diese selbst nicht sehen, ist zumindest unlogisch. Es bedeutet darüber hinaus, die Brüchigkeit der Grundlage eigenen Arguments bewusst zu ignorieren. Es ist, als ob man den Hinweis des Experten, dass das vorhandene Fundament kein Einfamilienhaus tragen kann in den Winde schlägt, um darauf stattdessen einen Wolkenkratzer zu errichten. Ein solcher Ansatz der Ingenieurstechnik funktioniert allein bei Luftschlössern. – Es ist unvorstellbar, dass die Bewegungskünste Tai Chi und Qigong auf lange Sicht von so einer Vorgehensweise profitieren werden, wenn sogar Fachverbände solcherart irreführenden Informationen veröffentlichen – auch wenn die ursprüngliche Absicht vielleicht eine gute war.

Nichtsdestotrotz kann die Liste von Studien und Analysen, die das Papier anbietet, eine sinnvolle Ressource für alle LeserInnen sein, die bereit sind, die angezeigten Pfade bis zum Ende zu gehen und die gelisteten Studien tatsächlich zu lesen.

Link: https://nqa.memberclicks.net/index.php?option=com_dailyplanetblog&view=entry&year=2017&month=10&day=04&id=15:know-the-evidence-may-2017-updated-review

Gut gemacht – Eine kritischer, gut informierter Überblick über Qigong als therapeutische Option

Einen weitaus ausgewogeneren Überblick findet man auf der Homepage des Natural Medicine Journal, der offiziellen Zeitschrift der Amerikanischen Vereinigung der Naturheilpraktiker (American association of naturopathic physicists). Dieser „beweisbasierte Überblick über Qigong“ von der Forschungsgemeinschaft für Standards der Naturmedizin („Natural Standard Research Collaboration“) vereint Hintergrundinformationen über Qigong und seine verschiedenen Therapietypen mit einer kritischen Diskussion der wissenschaftlichen Belege. Der Überblick ist an Praktizierende alternativer Heilmethoden gerichtet und bietet so einen neutralen und informativen Überblick, der insbesondere den praktischen Nutzen und die therapeutische Anwendbarkeit von Qigong im Auge hat. Obwohl der 11-seitige Bericht aus dem Jahr 2010 stammt, ist die Lektüre aufgrund der exemplarischen Herangehensweise an das Thema immer noch sehr zu empfehlen. Leider ist die noch längere Vollversion nicht mehr online einsehbar.

Link: https://www.naturalmedicinejournal.com/journal/2010-05/evidence-based-review-qi-gong-natural-standard-research-collaboration

Autor: Redaktion Taiji Forum

Bilder: Taiji Forum

Heilung durch Qigong

Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit von Qigong stehen vor einer doppelten Herausforderung. Zum einen transportiert der kulturelle Hintergrund von Qigong eine spezifische Betrachtung des Menschen, die dem westlichen Körperbild, welches die Grundlage „moderner“ medizinischer Forschung ist, in Teilen widerspricht. Dazu tritt das Problem, dass die wissenschaftlichen Standardmethoden medizinischer Forschung, die derzeit die Qigong-Forschung bestimmen, anknüpfend an das westliche Bild der Medizin und auch aus ihrer eigenen Forschungstradition heraus, teilweise ungeeignet sind, typische Aspekte des Qigong zu erfassen…
Wissenschaftliche Qigong Studien – Bestimmung des Forschungsgegenstandes Anschließend an den Abschnitt zur Methodik der Qigong-Forschung beschäftigt sich dieser Teil mit der Bestimmung des Forschungsgegenstandes (was ist Qigong?). Die häufigste Form der wissenschaftlichen Studie, die Einzelversuchsreihe, wird kurz vorgestellt und ihre Bedeutung erörtert…
Qigong Meta-Studien (Metaanalysen) Heilung durch Qigong Teil 4 Neben den Einzelversuchsreihen gibt es in der Qigong-Forschung vor allem Meta-Studien (Metaanalysen) und Reviews (Forschungsübersichten), deren Funktion und typische Ergebnisse hier kurz vorgestellt werden…
„Heilung durch Qigong“ – Forschungslandschaft Die vielfältige und oft auch heterogene Forschungslandschaft erschwert den Überblick für interessierte Praktizierende. Allein die universitäre Forschung teilt sich auf viele Felder mit jeweils eigenen Forschungsmethoden auf: von Medizin über Bewegungslehre/Sportwissenschaften bis hin zu Kulturwissenschaften, Religionswissenschaften und Philosophie. Dazu gibt es verschiedene gemischte Ansätze (sog. inter- oder transdisziplinäre Forschung)…
Quellen medizinischer Forschung über Qigong und Heilung Die Schwierigkeit für alle an Qigong-Forschung Interessierten liegt darin, dass bei Qigong als allgemein gesunderhaltendem System die Artikel über alle Gebiete verstreut sind. Wo also anfangen?
Qigong und Heilung – Hinweise zur Qualitätsbeurteilung von Publikationen Der folgende Abschnitt zeigt einige Anhaltspunkte für die Einordnung von Publikationen zu Qigong und Heilung auf: Was sind mögliche Hinweise für die Einordnung einer Publikation? Ist ein Wissenschaftler ein Qigong-Experte? Ist ein Qigong-Experte, der Qigong ernsthaft betreibt – also an seiner Ausführung „forscht“ – ein Wissenschaftler? Wann ist eine Zeitschrift eine Fachzeitschrift? Wie kann man Kongresse und Institute einschätzen?