Stilles Qigong – Jinggong

Stilles Qigong – Jinggong: Xiao Zhou Tian und Da Zhou Tian

Stilles Qigong, cin. Jinggong wird meist im Sitzen und in Ruhe geübt.Der „Große Himmelskreislauf“ und der „Kleine Himmelkreislauf“, auch „Großes Universum“ und „Kleines Universum“ genannt, sind zwei grundlegende Qigong-Übungen der daoistischen Tradition. In daoistischen Texten werden sie oft bezeichnet als “Führung des Schiffes auf den Flüssen“.

Der Kleine Himmelskreislauf“ und „Der Große Himmelkreislauf“
Sitzmethoden im Stillen Qigong (Jinggong)
Zentraler Aspekt des stillen Qigongs „Führen des Qi“
Stilles Qigong Übung 1 „Der Mond kreist um die Erde“
Stilles Qigong Übung 2 „Die Erde kreist um die Sonne“

Der Kleine Himmelskreislauf“ und „Der Große Himmelkreislauf“

In der alten chinesischen Medizin werden die Meridiane (Jingluo) als Flüsse bezeichnet, was die obige Benennung dieser Übungen als durchaus sinnvoll erscheinen lässt. Weitere Bezeichnungen sind „Kreisen des Lichts“ oder „Zeiten des Feuerns des Himmlischen Kreislaufes“. Wir erkennen an den verschiedenen Namen schon, wie bekannt diese beiden Übungsformen sind.

Die Himmelskreisläufe sind mehr als zweitausend Jahre alt und auch heutzutage grundlegende Praxis in vielen daoistischen Schulen in teilweise sehr unterschiedlichen Ausführungen. Sie werden generell dem Stillen Qigong (Jinggong) zugerechnet, welches ohne große, sichtbare Bewegungen arbeitet, obwohl es auch Übungsabfolgen mit äußeren Bewegungen gibt. Aber auch mit Bewegung bleiben es eher Übungen in Ruhe, die den geistigen Aspekt der Aufmerksamkeitsführung ansprechen.

Grundlegend bedeutet für die Daoisten allerdings nicht einfach oder nur für Anfänger oder Einsteiger. Der Kleine als auch der Große Himmelskreislauf begleiten den Qigong-Adepten viele Jahre hindurch. Durch das ständige Wiederholen und vertiefende Übungsanweisungen werden die Übungen immer feiner, subtiler und dringen immer tiefer in die energetischen Aspekte des Körpers ein.

Sitzmethoden im Stillen Qigong (Jinggong)

Beide Übungen werden von ihrem Ursprung her im Sitzen praktiziert. Früher gab es überwiegend drei Sitzmethoden, den „Lotussitz“, den „halben Lotussitz“ und das Sitzen auf einem Schemel. Die beiden Beine werden im Lotussitz übereinander verschränkt, was ein relativ hohes Maß an Gelenkigkeit in den Beinen und Flexibilität in der Hüfte erfordert. Die leichtere Variante ist der halbe Lotussitz, in dem nur ein Bein verschränkt wird. Heute wird sehr oft im Schneidersitz, auf einer Meditationsbank oder auf einem Stuhl geübt, um die Konzentration auf die eigentliche Übung und die Qi-Bewegung lenken zu können. Dennoch gibt es auch heute noch einige traditionell orientierte Meister, die erwarten, dass zumindest das Ziel bestehen bleibt, die Übungen im Lotussitz zu praktizieren, weil dies schon ein Aspekt der Übung sei. Denn die dazu benötigte Beweglichkeit und Weichheit insbesondere der Knie, der Hüfte und des Beckens haben schon jede Menge energetische Auswirkungen.

Zentraler Aspekt des stillen Qigongs „Führen des Qi“

Der zentrale Aspekt beider Übungen ist das Führen des Qi (Chi) auf den entsprechenden Bahnen. Wenn dabei Bewegungen ausgeführt werden, sollen diese den Qi-Fluss unterstützen. Noch tiefer gehend ist die Verbindung mit dem kosmischen Geschehen um uns herum. Diese gegenseitige Abhängigkeit und viele sich daraus ergebenden Möglichkeiten sollen erfahren und in die Übungspraxis als auch in den Alltag umgesetzt werden.

Der Kleine Himmelskreislauf hat als Grundlage die Idee, den Umlauf des Mondes um die Erde zu symbolisieren, der normalerweise etwa einen Monat dauert. Der Große Himmelskreislauf stellt symbolisch den Umlauf der Erde um die Sonne dar und dauert ein Jahr. Die Daoisten haben, anders als die Konfuzianer beispielsweise, immer den „Himmel“, die Gestirne, als maßgeblich für jede Bewegung der Menschen auf der Erde angesehen. Ihre Idee des Makrokosmos im Mikrokosmos zeigt sich auch hier auf faszinierende Weise. Wir Menschen sollen uns dem Fluss des Himmels anpassen und so dem Dao, das man mit „göttlichem Bewusstsein“ bezeichnen könnte, folgen.

Der kleine Kreislauf überträgt den Mondumlauf auf die zwei „Außergewöhnlichen Gefäße“ oder Sondermeridiane Renmai und Dumai. Während das Wort „Mai“ etwa Gefäß bedeutet, wird „Du“ gerne mit „Lenker“ und „Ren“ gerne mit „Diener“ übersetzt, somit Dienergefäß und Lenkergefäß. Damit wird sofort deutlich, dass eines der Gefäße eher „den Ton angibt, lenkt“, somit dem Yang zuzuordnen ist, während die Idee des Dienens eine Yin-Qualität darstellt. Und tatsächlich hat der Renmai Zugang zu allen Yin-Leitbahnen des Körpers, während der Dumai im Kontakt zu allen Yang-Leitbahnen steht.

Das Lenkergefäß steigt vom Huiyin-Punkt am Damm an der Rückseite des Rumpfes aufwärts über das Steißbein, die Wirbelsäule bis zur höchsten Stelle des Schädels, „Baihui“, und fließt von dort über die Stirnmitte herunter bis in den Gaumen. Der Renmai steigt ebenfalls vom Huiyin auf, allerdings über die Vorderseite des Rumpfes, also über den Nabel, das Brustbein bis tief in den Unterkiefer und die Zunge hinein.

Renmai und Dumai sind zusammen mit dem „Zentralen Kanal“ Zhongmai die ersten energetischen Bahnen, die während der Embryonalzeit entstehen und wachsen. Dann folgen die anderen Außergewöhnlichen Gefäße und erst danach die zwölf Leitbahnen der Organsysteme. Alle acht Außergewöhnlichen Gefäße gelten als Energiereservoire für die zwölf Funktionskreisleitbahnen. In ihnen können also Probleme innerhalb der Organleitbahnen, seien es Überschuss oder Mangel, zumindest eine Zeit lang ausgeglichen werden.

Stilles Qigong Übung 1 „Der Mond kreist um die Erde“

kl_Himmelskreislauf
Die Zeichnung zeigt schematisch den Verlauf des Kleinen Himmelskreislaufes. Als schwer zu öffnende Tore gelten beispielsweise der Dazhui-Punkt am Übergang zwischen Brust- und Halswirbelsäule und der Mingmen-Punkt im unteren Rücken. Aber natürlich ist das von Person zu Person verschieden.

Auf dem Renmai und dem Dumai soll das Qi wie in einem Umlauf hinten aufsteigend und vorne herunter bewegt werden, zu Beginn mittels der Vorstellung. Später spüren wir diesen Fluss sehr genau und benötigen die Vorstellungskraft nicht mehr.

Auf beiden Wegen gibt es verschiedene „Energietore“, die Engpässe darstellen können und geöffnet werden sollen. Jedes dieser Tore hat eine eigene Qualität. So empfehlen manche Meister denn auch, zuerst nur in die einzelnen Punkte zu denken und zu fühlen, um sensibler gegenüber den unterschiedlichen energetischen Strukturen zu werden. Wie viele verschiedene Tore angesprochen werden, hängt davon ab, welche Schule praktiziert wird. Die abgebildete Version finden wir fast überall, aber in anderen Schulen haben noch weitere Punkte Bedeutung.

Das Prinzip des Kleinen Himmelskreislaufes besteht also darin, die einzelnen Energietore und ihre Qualitäten kennen zu lernen und in einen Kreislauf zu integrieren. Die Verbindung zwischen Ober- und Unterkiefer bildet die so genannte „Elsterbrücke“, was die Haltung der Zunge meint, die oben am Gaumen angelegt sein soll, direkt hinter den oberen Schneidezähnen. Andere Zungenhaltungen haben weitreichende Auswirkungen, die hier nicht erörtert werden sollen.

Üblicherweise verläuft der Übungsweg des Renmai nach unten vom Unterkiefer über das Brustbein, den Nabel bis in den Akupunkturpunkt „Meer des Qi“ unterhalb des Nabels. Es gibt aber auch die Variante dem Weg des Zhongmai zu folgen, das heißt das Qi vom Baihui über das obere und das mittlere Dantian bis ins untere Dantian zu führen, oder auf beiden Wegen gleichzeitig. Der Ausgangspunkt beider Übungen ist immer das untere Dantian, welches im Idealfall prall gefüllt mit Qi ist. Ansonsten empfehlen manche Meister, zuerst durch entsprechende Übungen das untere Dantian zu füllen.

Der Kleine Himmelskreislauf kann mit einem bestimmten Atemrhythmus verbunden werden. In der Regel atmet man beim Aufstieg des Qi im Dumai ein und beim Herunterführen des Qi im Renmai aus. Letztlich soll der Fluss jedoch unabhängig von der Atmung sein.

Vertiefende Übungsanleitungen verlassen die direkten Bahnen von Dumai und Renmai und führen das Qi beispielsweise direkt durch das Gehirn. Oder aber es wird im Bereich der Luftröhre eine zwölfstufige Einteilung nacheinander durchlaufen. Die zwölf Stufen gilt es wiederum sehr deutlich wahrzunehmen und zu unterscheiden. Auch entwickelt sich durch eine kontinuierliche Praxis ein Energiestrom, der immer breiter wird und immer tiefer in den Körper eindringt.

In manchen Schulen wird der Qi-Kreislauf auch in der umgekehrten Richtung geübt, also über die Vorderseite des Körpers aufsteigend und auf der Rückseite nach unten fließend. Dabei kommt beiden Richtungen unterschiedliche Bedeutung und Wirkung zu.

Stilles Qigong Übung 2 „Die Erde kreist um die Sonne“

gr_Himmelskreislauf
Der Große Himmelskreislauf umfasst den gesamten Körper, wobei es unterschiedliche Anleitungen dazu gibt, über welche Bahnen das Qi geleitet werden soll.

Im Großen Himmelkreislauf wird Qi über die zwölf Organleitbahnen geführt,je nach Schule wiederum sehr unterschiedlich. Eine Möglichkeit ist es, die Energie im Sinne eines „Organ-Qi-Kreislaufes“ durch den Körper zu bewegen. Dies bedeutet, dass wir mit der Lunge am Arm Richtung Hand beginnen, dann folgen Dickdarm von der Hand zum Kopf, Magen vom Kopf über Rumpf und Bein zum Fuß, Milz aufsteigend über Bein und Rumpf, Herz über den Arm zur Hand, Dünndarm von der Hand zum Kopf, Blase über Kopf, Rumpf und Bein zum Fuß und Nieren über Bein und Rumpf. Als letzten Umlauf schließen sich Perikard, Dreifacher Erwärmer, Gallenblase und Leber an.

Eine andere Möglichkeit ist es, das Qi über den Renmai in die Hüften zu leiten und von dort herunter an den Außenseiten der Beine bis in die Füße. Dann folgt ein Wechsel auf die Innenseiten der Beine und dort wieder herauf bis ins Becken. Von dort führt man das Qi über den Dumai nach oben und weiter in die Innenseite der Arme. An der Außenseite der Arme steigt das Qi wieder auf zum Kopf und wird anschließend auf dem Renmai nach unten geführt.

Auch hier existieren unterschiedliche Stufen und Methoden in unterschiedlichen Schulen. Außerdem gibt es Vertiefungsstufen und Übungsweisen, die die Atmung einbeziehen.

Laut chinesischer Medizintheorie versorgt der Renmai den Uterus, den Unterleib, den Bauch, den Magen, die Brust, die Kehle und das Kinn und spielt somit eine wichtige Rolle bei Erkrankungen in diesen Bereichen. Insbesondere ist er für den weiblichen Organismus (Yin) sehr wichtig, da er ja das gesamte Yin des Körpers steuern kann. Er beeinflusst sehr stark die Organfunktionskreise von Lunge, Nieren, Milz, Herz und Leber.

Der Dumai versorgt natürlich besonders den Rücken, aber auch den Kopf und über die Wirbelsäule den Yang-Aspekt der Nieren, der sich im Bereich der Sexualität ausdrückt. Die Nieren, das Herz und die Blase sind eng mit dem Dumai verbunden, ebenso Mark, Gehirn und Rückenmark.

Die Ausführung der Himmelskreisläufe wirkt also auf verschiedene Organsysteme und die genannten Gefäße. Durch die Übung werden zuerst die Gefäße durchlässig und offen, Blockaden werden beseitigt. Dadurch können sie ihrer Aufgabe, den Energiefluss der zwölf Hauptmeridiane auszugleichen, wesentliche besser nachkommen und wirken somit auf das gesamte Energiesystem. Die Energie kann besser ins Dantian sinken und sich „verwurzeln“, die Wirbelsäule wird gesünder, Lern- und Denkfähigkeit nehmen zu.

Richtig spannend wird es, wenn man die Verbindung mit dem Himmel wirklich durchdringt und sich als Abbild des Himmels versteht, als Mikrokosmos im Makrokosmos. Durch langjährige Übung wird dieser tiefe dem Shen zugeordnete Aspekt der Himmelskreisläufe immer klarer. Während der Übung eine wirkliche Verbindung mit den polaren Urkräften von Himmel und Erde herzustellen ist ein hochgestecktes, aber mögliches Ziel. Auch können die beiden Kreisläufe den Jahreszeiten angepasst und entsprechend geübt werden. Bezüge zum Yijing, dem „Buch der Wandlungen“ enthalten jede Menge Stoff zur weiteren Vertiefung.

Ein ganzes Buch wäre zu füllen mit weiteren Ideen und Details zu diesen wundervollen Qigong-Übungen

Tipp: Lesen Sie auch den Artikel „Daoistische Meditation„. In unserem Shop finden Sie Bücher und DVD’S des Autors unter dem Verlag „Lotus Press„.

Autor: Joachim Stuhlmacher

Fotos: Taijiquan & Qigong Journal, Loni Liebermann

Dieser Artikel ist zuerst im Sonderheft „Qigong im Überblick“ des Taijiquan & Qigong Journals erschienen.

Über den Autor

Joachim Stuhlmacher, ist Qigong-Therapeut, Mitarbeiter einer Heilpraktiker-Praxis in Bad Iburg, Autor, Verleger (Lotus Press) und neugierig Übender.