Baihui, Scheitelpunkt

Der Baihui: Arbeiten mit dem Scheitelpunkt – Tai Chi Aspekte

Im Tai Chi beginnt unser Körper unter unseren Fußsohlen und endet an unserem Scheitelpunkt, wenn wir die vertikale Linie betrachten. Unser Körper soll aufrecht sein, unser Geist ruhig oder ungetrübt. – Wie können wir das erreichen? Zeit, mit der Zentrallinie zu arbeiten!

Bewusstmachen des Baihui: Der höchste Punkt unseres Körpers

Der Baihui ist an der höchsten Stelle unseres Kopfes. Er ist zugleich der höchste Punkt der Zentrallinie unseres Körpers. Um diese(n) während der Form zu spüren, legen wir einfach ein Reissäckchen oder einen anderen geeigneten Gegenstand auf unseren Kopf. Das Gewicht spielt keine Rolle – das Ganze dient nur der Aufmerksamkeit. Die Aufgabe ist einfach: lass das Säckchen nicht fallen, während du die Form machst. (Falls deine Form Bewegungen enthält, deren Anwendung es beinhaltet, jemanden zu Boden zu ziehen, darfst du zwischendurch mogeln.)

Nachdem du die Form 3- bis 5-mal mit dem „Erinnerer“ gemacht hast, laufe sie noch einmal ohne ihn und sinniere über die Erfahrung.

Ich bin jetzt zentral in der Mitte! – Warum fühlt sich das so schräg an? (Oder warum nicht?)

Baihui, Scheitelpunkt, Tai Chi

Die gewöhnliche Erfahrung beim Üben mit diesem Tai Chi Aspekt ist ein beruhigendes und zentriertes Gefühl. Das passt auch zu den Beschreibungen in der Chinesischen Medizin: dem Baihui als Treffpunkt der Yang-Meridiane wird eine beruhigende Wirkung auf den Geist zugeschrieben.

Wenn man jedoch an Tai Chi-Anwendungen gewöhnt ist oder an die Erfahrung des vollen Bewegungsumfanges beim Push Hands, wird man das Üben mit diesem Tai Chi Aspekt als künstlich empfinden. Die Bewegungen sind weniger geerdet und flüssig, die Formen der Bilder werden schärfer und zugleich leerer.

Gewissermaßen nimmt die Aufmerksamkeit, die man braucht, um etwas auf dem Kopf zu balancieren, automatisch etwas Verdichtung aus den Fingern. Zugleich können wir deutlich spüren, dass die Überbetonung der vertikalen Linie den horizontalen Aspekt beeinträchtigt, insbesondere unsere seitliche Ausdehnung und die Expansion gegen den Boden. In der Folge erscheint unsere Bewegung weniger dreidimensional.

Andererseits macht die Betonung des vertikalen Aspekts die Form kompakter und in sich ruhender, was die Stabilität der Bewegung fördert. Aber diese Betonung kann auch dazu führen, dass wir unsere Aktionslinien verlieren, wie man es in gymnastischen Formen oder Wushu-Formen beobachten kann, die mit der Zentrallinie arbeiten, um ihren Akzent auf den künstlerischen Ausdruck und das Erscheinungsbild zu setzen.

Wie dieses Dilemma lösen?

Die Mitte (中) finden – Ein zweitstufiger Prozess

Die Mitte (中) finden - Ein zweitstufiger Prozess

Eine gute Gelegenheit, etwas von der chinesischen Kalligraphie zu lernen.
Das chinesische Zeichen für Mitte ist 中 (zhong): Ein Kästchen mit einer prägnanten mittleren Linie. Wie schreibt man das? – Die richtige Reihenfolge ist, zunächst den „Kasten“ zu schreiben und dann die Zentrallinie in der Mitte hinzuzufügen. Der Kalligraph schreibt nicht zuerst die zentrale Linie und macht dann weiter, indem er das Rechteck drum herum platziert.
Was bedeutet das für die Entwicklung unserer Tai Chi-Form?

  1. Den Kasten zeichnen – Unsere Aktionslinien Herausarbeiten
    Das Wichtigste zuerst: Das Schritte setzen, die Gewichtsverlagerung und die einfach-gewichtete Aktion (d.h. Aktion „auf einem Bein“) kommen zuerst. Entwickele deine linke und rechte Achse – diese Elemente definieren deinen „Kasten“, deinen Bewegungsrahmen. Wenn du diese Tai Chi Aspekte im wahrsten Sinne des Wortes „griffbereit“ (siehe Tai Chi Aspekt Greifen) hast, macht es Sinn, einmal die Zentrallinie auszutesten.

Man kann hinzufügen, dass vor diesem Stadium des Übens die Zentrallinie eine Übung für den Geist (mind) sein kann, aber nicht für das Gehirn (Nervensystem). Wenn du als Anfänger*in unbedingt mit deiner Zentrallinie arbeiten möchtest, kannst du am besten Erfahrungen in der statischen oder in der Sitzmeditation sammeln – oder bei allen anderen Aktivitäten, bei denen es nicht Grundvoraussetzung ist, dass die Wirbelsäule im Raum rotiert.

2. Die Zentrallinie hinzufügen – Den harmonischen Wechsel der Seiten erfahren
Wenn du mit dem Hinzufügen der Zentrallinie beginnst, sei sorgfältig. Lass dich nicht vom erhebenden Gefühl davontragen. Nimm dein Herz und deinen Körper mit. Und: Male die Zentrallinie nicht so dick, dass der Kasten darunter verschwindet. Es handelt sich – in vielerlei Hinsicht – um eine feine Linie.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Steckbrief: Tai Chi Aspect – Der Baihui

  • Schwierigkeitsgrad: fortgeschritten
  • Ziel: Ruhe in die Bewegung bringen
  • Methode: Überbetonung, Selbstbeobachtung, Arbeit mit Konzepten
  • Element: Erde (Berg)
  • Verwandte Tai Chi Aspekte: Neigung

Video Baihui – Tai Chi Aspekte