KRAFT - Tai Chi Schwert 15

UNTERSCHIEDE – Tai Chi Schwert 14

Tai Chi geht das Fechten pragmatisch an, seine Funktionsweise ist kämpferisch, sein Ziel ist therapeutisch und philosophisch.

Einleitende Gedanken - Tai Chi Schwert

Wir fechten innerhalb ziemlich strenger Prinzipien und ohne Regeln, mit Ausnahme der allgemeinen Regel dem Gegenüber keinen Schaden zuzufügen.

Die Art und Weise des Fechtens sollte dieselbe sein, wie sie es wäre, wenn wir in einem Duell wären. Im westlichen Fechten wird gesagt, dass „die beste Verteidigung ein guter Angriff ist“. Beim Tai Chi-Fechten räumen wir der Verteidigung Priorität ein.

Eines unserer Kernprinzipien ist, dass wir anstreben, das Gegenüber zu ‚berühren’, während wir defensiven Kontakt halten, mit anderen Worten: ‚sicher’.

Westliches Fechten ist ein Sport geworden; die Fechter müssen eine gewisse Menge von Treffern erreichen. Wenn man selbst fünf Treffer bekommt, dem Gegner nur vier beibringt, dann ist er der glückliche Gewinner. Wenn A tatsächlich in einem Duell wäre und es schaffen würde, B vier leichte Treffer (Wunden) zuzufügen und B nur einen Treffer bei A erreichen würde, könnte dieser eine Treffer ein tödlicher gewesen sein. Es ziemte sich für den Duellanten, seinen Gegner mit Mut, gemischt mit einem großen Maß an Umsicht anzugehen. Alle komplizierten und eleganten Bewegungen, die im Salle* geübt wurden, werden zugunsten der elementaren, simplen und effektiven Bewegungen aufgegeben.

Der bedeutende italienische Fechter Aldo Nadi beschrieb es auf diese Weise: „Das Ziel des Duellanten ist es, seinen Gegner so schnell wie möglich zu verletzen, ohne selbst überhaupt verletzt zu werden. Das Ziel des Fechters ist es, sein Gegenüber ohne besondere Eile zu besiegen, (nach internationalen Regeln werden dem Fechter zehn Minuten gegeben, um eine Runde mit fünf Treffern zu gewinnen) so lange wie er

wenigstens den Bruchteil einer Sekunde eher punktet, bevor er selbst getroffen werden kann. In einem Duell ist der Fechter gezwungen übertrieben vorsichtige Bewegungsmuster auszuführen, welche freilich eine unwürdige Variante der umfangreichen Kenntnisse sind, die er hat.“

Die Tai Chi-Fechtkunst hingegen ist idealerweise und nach ihren Prinzipien im Fechten wie im Duellieren identisch.

KENNETH VAN SICKLE - Tai Chi

Ein Duell, welches wegen einer Herausforderung oder einer Beleidigung durchgeführt wird, wird nach den Prinzipien des Tai Chi nicht gutgeheißen. Ein Duell kann nur stattfinden, um Leben zu retten oder wenn man tätlich angegriffen wird. Dies veranschaulichen die Eröffnungsbewegungen der Tai Chi-Schwertform, bei denen das in der linken Hand gehaltene Schwert fünf abwehrende Bewegungen ausführt, während es noch in der Scheide steckt, bevor es schließlich gezogen wird.

Eine andere Regel (bzw. ‚bevorzugte Option’ im Tai Chi) bezieht sich auf die Wahl des Ziels. Im westlichen Fechten ist das Ziel ausgewiesen. Mit dem Florett bekommt man nur Punkte für Treffer auf den Torso; Hintergrund ist, dass das Florett – die Sportvariante des schmalen Schwerts – fast ausschließlich eine Stichwaffe ist. Beim Säbel liegt das Ziel von der Taille aufwärts bis einschließlich der Arme und des Kopfes. Der Säbel ist eine viel leichtere Variante des Duelliersäbels; mit letzterem wird hauptsächlich geschlagen und gelegentlich ein Hieb gesetzt. Beim Schwert gibt es keine Begrenzung des Ziels. Das Schwert entwickelte sich aus dem Rapier (Stoßdegen) über das Schlachtschwert, welches hauptsächlich als Stoß- und selten als Schnittwaffe benutzt wurde.

Cheng Man Ch’ing hat uns gesagt, dass es am besten sei, das Ziel zu treffen, was angeboten werde und, wenn man die Auswahl habe, zuerst die rechte Hand oder der rechte Unterarm zu schneiden sei, weil beides näher und deshalb sicherer sei, da man weiter weg bleiben könne, während man das Ziel treffen würde. Zweitens, wenn

man in einem echten Duell wäre und sein Gegenüber töten würde, könnten dessen Verwandte Vergeltung suchen. Sicherlich werden wir nie in einem Duell sein, aber so gelingt es, den grundlegenden Pazifismus von Cheng Man Ch’ing’s Herangehensweise zu illustrieren.

*Salle, ‚die Fechtschule’.

Autor: Kenneth van Sickle
Übersetzerin: Gabi Kannenberg
Fotos: Kenneth van Sickle und Taiji Forum