Tai Chi Schwert 8

WARUM UND WIE – Tai Chi Schwert 8

Ist ‚schieben, hauen, schlagen und Schwertkampf notwendig in einem System, welches großen Nutzen für Gesundheit, Stressabbau und Meditation in Bewegung bietet, während andere physische oder ganzheitliche Systeme wie Gymnastik, Schwimmen, Yoga oder Sufi-Wirbeln keine kämpferischen Komponenten haben?

KENNETH VAN SICKLE - Tai Chi

Tai Chi begann als Kampfkunst und entwickelte sich zu einem System, welches den kämpferischen Aspekt als seine funktionale Basis, sein regulatives Modell benutzt. Das heißt nicht, dass man Tai Chi als Kampfkunst ausüben muss, aber dass die Prinzipien des Tai Chi, seine Axiome sowie kämpferische Logik als ein Modell für den therapeutischen Prozess benutzt werden. Wenn wir eine Bewegung korrekt nach der kämpferischen Anwendung durchführen, sind unsere Ausrichtung und unsere Energie auch richtig für eine therapeutische Anwendung.

Wenn wir uns auf der Ebene von Push Hands und Fechten befinden, nehmen wir an einem Spiel/Rätsel mit einem Gegenüber/Partner teil; ein Spiel, das Prinzipien, Regeln, Ziele und Hindernisse hat. Diese Herausforderungen sind dergestalt, dass irgendwann unsere persönliche Entwicklung in physischer, psychologischer und sozialer Hinsicht gefördert wird.

Während der Renaissance gab es in Europa und in großen Teilen von Asien das Ideal viele Disziplinen zu beherrschen – mindestens fünf. Jemand, der dies erreichte, wurde als ‚Renaissance Man’ bezeichnet und in China als Meister der fünf Tugenden. In beiden Kulturkreisen beinhalteten diese Fertigkeiten die schönen Künste wie Dichtkunst und Malerei, genau so wie Reitkunst, Bogenschießen und Fechten. Es war bekannt, dass das Lernen und Praktizieren dieser ‚Künste’ den eigenen Charakter weiterentwickelt sowie das Verständnis vom Leben vertieft.

Tai Chi Schwert 8

Das „sine qua non“ [(conditio) sine qua non = unabdingbare Voraussetzung] des Tai Chi ist eine gewisse Lockerheit. Die äußerliche Erscheinung von Personen, die Tai Chi machen, ist, mit Ausnahme des Zeitlupentempos, nicht so verschieden von anderen Kampfkünsten. Dennoch hängt die Übung der Tai Chi Prinzipien und die Ausführung der Techniken, seien sie offensiv oder defensiv, davon ab, locker zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, muss aller Stress und alle Spannung früh im Lernprozess abgeworfen werden. Wir lernen ruhig und entspannt zu sein in Situationen, die gewöhnlich Spannung und Angst hervorrufen. Wir üben mit anderen, die dieselben Übungsziele haben, in einer sicheren und überwachten Umgebung.

Push Hands ist eine Spielart, bei der sich zwei Spieler abwechseln. Einer versucht, die Ausgeglichenheit des anderen zu erschüttern, ihn zu entwurzeln oder aus dem Gleichgewicht zu bringen, indem er ihn drückt oder zieht. Zur gleichen Zeit versucht der Partner, mit den Attacken umzugehen, indem er ihnen ausweicht, während er die Energie der Attacke zum Angreifenden hin umleitet. Das Ziel beim Fechten ist, den Partner mit der eigenen (hölzernen) Klinge zu schneiden oder zu stechen, also zu berühren. Die Sache des Verteidigers ist es, diesen ‚Attacken’ ruhig und innerhalb der Prinzipien des Tai Chi auszuweichen oder diese zu neutralisieren.

Wir bleiben locker und benutzen die Kraft der anderen Person genauso wie die natürlichen Kräfte der Schwerkraft, Leichtigkeit, Trägheit der eigenen Masse sowie Momentum (Schwungkraft), Zentrifugal- und Zentripetalkraft. Auch die uns inneren Energiesysteme – den Kreislauf (hydraulisch), die Atmung (pneumatisch), die Nerven (elektromagnetisch) nutzen wir.

Beim Nutzen dieser subtilen Kräfte benötigen wir keine rohe Muskelkontraktion. Dies ist einer der Gründe, warum Tai Chi Übende imstande sind, ihre Gesundheit und jugendliche Energie bis hin ins hohe Alter zu erhalten.

Autor: Kenneth van Sickle
Übersetzerin: Gabi Kannenberg
Fotos: Kenneth van Sickle und Taiji Forum